ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 5/2001Internet-Recherche: Sexuelle Störungen

Supplement: Praxis Computer

Internet-Recherche: Sexuelle Störungen

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): [20]

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Zum Thema Sexualität und sexuelle Störungen gibt es sowohl für Experten als auch für Laien zahlreiche Websites, die als Informationsquelle und Austauschplattform geeignet sind. Wichtige Anlaufstellen werden kommentiert vorgestellt.
Die Häufigkeit sexueller Störungen wird im Vergleich mit anderen psychosomatischen und neurotischen Störungen oft unterschätzt (Laszig, Gramatikov, 1997). Zudem erhöhen Peinlichkeits- und Schamgefühle die Schwelle für Betroffene, überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese Schamgefühle, verbunden mit der immer noch bestehenden Tabuisierung von Sexualität, bestehen sowohl auf Seiten der Patienten als auch auf Seiten der professionellen Helfer. Dies verhindert häufig ein aufrichtiges Sprechen über individuelle Erfahrungen mit Erotik und Sexualität. Die Folge ist, dass sexuelle Probleme meist relativ spät ins Gespräch kommen, wenn sie sich bereits zu chronifizierten Störungen entwickelt haben (Clement, 1996).
Oft sind Hausärzte oder bestimmte Fachärzte (zum Beispiel Gynäkologen, Urologen und Internisten) die ersten, die von einer sexuellen Symptomatik erfahren. Eine Befragung von Hamburger Ärzten (Schorsch et al., 1977) kommt zu der Minimalschätzung von 1 100 Patienten, die in Hamburg pro Woche primär wegen eines sexuellen Problems einen
Arzt aufsuchen. Weitere
1 200 haben als Nebensymptom eine sexuelle Störung.
Das entspräche insgesamt mehr als 0,1 Prozent der Bevölkerung. Eine kompetente ärztliche Beratung ist daher wichtig.
Gleichwohl ist die Mehrzahl der Hausärzte nicht in der Lage, selbst eine intensivere Behandlung dieser Symptome durchzuführen (Clement, 1996). Umso mehr sollten auch nicht psychotherapeutisch oder psychiatrisch weitergebildete Ärzte ihr Wissen vertiefen, um sexuelle Störungen und Probleme zu erkennen, ein psychosomatisches Symptomverständnis zu entwickeln und somit entsprechende – insbesondere psychotherapeutische – Indikationen einleiten zu können. Dies vor dem Hintergrund, dass die Genese sexueller Störungen in den meisten Fällen psychogen ist (Buddeberg,
1983) oder zumindest durch psychische Faktoren aufrechterhalten wird, da eine Verknüpfung organischer und psychischer Ursachen häufig ist (Porst, 1991).
Niederschwelliges Angebot
Das Internet bietet eine niederschwellige Möglichkeit, Informationen zu recherchieren: Einerseits stehen WWW-Ressourcen zur Verfügung, die sich explizit an Professionelle richten, andererseits gibt es eine Fülle von Selbsthilfe-Material, das Menschen mit sexuellen Fragen, Konflikten, Beeinträchtigungen und Störungen Gelegenheit gibt, sich eigenständig Informationen über ihre Problematik zu verschaffen. Dem niedergelassenen Arzt bleibt überlassen, diese Angebote zu prüfen und an betroffene Patientengruppen weiterzugeben.
Nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Welt­gesund­heits­organi­sation WHO (1) lassen sich sexuelle Störungen im engeren Sinne in drei Bereiche unterteilen: die nichtorganischen sexuellen Funktionsstörungen (F 52), die Störungen der Sexualpräferenz (F 65) und die der Geschlechtspräferenz (F 64).
Für Professionelle eignet sich als allgemeiner Einstieg das Kapitel „Sexuelle Störungen“ (2) im Rahmen des Online-Kompendiums „Psychosomatik“, herausgegeben von Prof. Dr. med. Gerd Rudolf, Psychosomatische Klinik der Universität Heidelberg. Der Beitrag bereitet ausführlich und kompetent Aspekte der Symptomatik, Differenzialdiagnostik, Epidemiologie, Verlauf und Therapie folgender sexueller Störungen auf: sexuelle Funktionsstörungen bei Männern und bei Frauen, Störungen der Sexualpräferenz/Perversionen, Störungen der Geschlechtsidentität. Gesonderte Abschnitte widmen sich den Themen „sexuelle Gewalt“ und „Gesprächsführung“. Ein Literaturverzeichnis rundet den Beitrag ab, der bei mutimedica, einem kostenpflichtigen Internet-Dienst für Ärzte und Apotheker, erschienen ist. Interessierte können sich jedoch einen zeitlich beschränkten Testzugang einrichten lassen und den Beitrag kostenfrei lesen.
Informativ ist ebenfalls die private Homepage von Karl C. Mayer, Heidelberger Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapeutische Medi-zin und Psychoanalyse, zu seinen Fachgebieten (3). Das Informationsmaterial zu den sexuellen Störungen bezieht sich schwerpunktmäßig auf die Funktionsstörungen. Letztere weisen unter den sexuellen Störungen die höchste Prävalenzrate auf. Der Autor liefert kontinuierlich aktualisierte Informationen zu den gängigsten Symptomen, zitiert jüngste Studien, nennt psychogene und organische Ursachen der sexuellen Funktionsstörungen, definiert gängige Begriffe aus der Sexualmedizin und hat eine umfangreiche Sammlung weiterführender Online-Literatur eingepflegt.
Das Archiv für Sexualwissenschaft (4) unter der Leitung von Prof. Dr. E.J. Haeberle, Humboldt-Universität, Berlin, entwickelt gegenwärtig ein breites Online-Angebot mit dem Ziel, die sexuelle Gesundheit zu fördern und zu schützen. Unter der Rubrik „Geschichte der Sexualwissenschaft“ ist eine Chronologie der Sexualforschung abrufbar. Informationen zu Pionieren und Geschichte der Sexualwissenschaft sollen folgen. Geplant sind ebenso Online-Kurse, die Studienmaterial für verschiedene Aus- und Fortbildungskurse bereitstellen, sowie ein Kritisches Wörterbuch und ein Glossar zu sexualwissenschaftlichen Begriffen. Aktuell verfügbar ist auch eine Online-Bibliothek, in der Aufsätze und Bücher zur Thematik recherchiert werden können, und ein umfangreiches Linkverzeichnis weltweiter Institutionen, Organisationen und wissenschaftlicher Journale im Bereich der Sexualwissenschaften.
Eine gut recherchierte Übersicht von Internet-Adressen zu sexualmedizinischen Ressourcen bietet ebenso Sexualmedizin.de (5), eine Initiative von Ärzten, die sich ehrenamtlich oder wissenschaftlich mit dem Thema Cybermedizin beschäftigen. Wer sich für sexualtherapeutische Fort- und Weiterbildungen interessiert, wird auf den WWW-Seiten der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) (6) und der Abteilung für Sexualforschung in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Hamburg (7) fündig.
Verständnis und Solidarität
Betroffenen mit sexuellen Fragen, Konflikten, Beeinträchtigungen und Störungen stehen ebenso eine Vielzahl von WWW-Angeboten zur Verfügung. Als erster Einstieg in sexualmedizinische Begrifflichkeiten eignet sich das Online-Lexikon „Sexualität“, bereitgestellt von dem medizinischen Internetportal Medicine-Worldwide (8). Fachleute erläutern hier auf leicht verständliche Weise Begriffe wie zum Beispiel „Beschneidung“, „Exhibitionismus“, „Gerontophilie“, „Geschlechtsidentitätsstörung“ und „Potenzstörungen“. Auch steht den Gästen dieses Internet-Portals ein Forum zur Online-Diskussion zur Verfügung, in dem anonym Fragen zu allen Bereichen der Sexualität gestellt werden können (9). Diese Kommunikationsplattform wird jedoch nicht von einem professionellen Beraterteam betreut, sodass der Austausch sich auf Laiengespräche beschränkt. Diese haben jedoch eine wichtige unterstützende Funktion, indem sie Verständnis und Solidarität unter Betroffenen schaffen.
Wer den Kontakt mit professionellen Helferinnern und Helfern bevorzugt, kann auf eine Reihe kommerzieller und nichtkommerzieller Beratungsangebote zurückgreifen, die sich speziell an Menschen mit sexuellen Problemen richten. Kostenfreie Angebote werden meist von karitativen Einrichtungen realisiert. An erster Stelle ist hier das inzwischen sehr bekannte und etablierte Medienprojekt „SEXTRA“ der Pro Familia in Tübingen zu nennen (10) (vgl. Eichenberg, 2000), das eine umfassende Online-Beratung zu Sexualitätsfragen jeglicher Art offeriert.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung e.V. (DGSS) (11) bietet eine Sexualberatung an, zwar nicht per
E-Mail, dafür aber an sieben Tage der Woche telefonisch und kostenfrei. Bei persönlichen Einzel- und Paarberatungen am Institut selbst entfällt das Honorar für jugendliche Ratsuchende. Das Beratungsteam versteht sich nach eigenen Angaben auf der Hompage als Ansprechpersonen, „mit denen man ganz unkompliziert über alles reden kann: über jede Art von Sexualität, den so genannten ,normalen’ Sex (also hetero-, homo- oder bisexuell) und die so genannten ,Perversionen’ bzw. Paraphilien (. . .) über ,Funktionsstörungen’ (. . .) über AIDS und den Schutz davor (. . .), über Transvestitismus und Transsexualismus; über Sadismus und Masochismus (. . .)“ Darüber hinaus gibt es Informationsmaterial, das unter anderem über sexuelle Störungen aufklärt, sowie einen Katalog mit häufig gestellten Fragen Hilfesuchender.
Weitere Informations-, Beratungs- und Selbsthilfemöglichkeiten im Internet für Betroffene von sexuellen Problemen und Störungen enthält der Beitrag von Eichenberg (im Druck), der rund 50 Netzangebote kommentiert vorstellt. Christiane Eichenberg
Kontaktadresse: Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg, Universität zu Köln, E-Mail: christiane@rz-online.de, Internet: www.christianeeichenberg.de


Literatur
Buddeberg C: Sexualberatung: Eine Einführung für Ärzte, Psychotherapeuten und Familienberater. Stuttgart: Enke Verlag, 1983.
Clement U: Funktionelle Sexualstörungen. In: Rudolf G: Psychotherapeutische Medizin. Ein einführendes Lehrbuch auf psychodynamischer Grundlage (3. Auflage). Stuttgart: Enke Verlag, 1996.
Eichenberg C: Sexuelle Probleme und Störungen: Informations-, Beratungs- und Selbsthilfemöglichkeiten für Betroffene im Internet. Psychotherapie im Dialog, 2001 (im Druck).
Eichenberg C: Paarberatung online: Wege aus dem Beziehungsstress. Dt Ärztebl 2000; 45: A [Supplement: PraxisComputer], 40-41.
Laszig P, Gramatikov L: Sexuelle Störungen. In: Rudolf G (Hrsg.): multimedica, „Kompendium der Psychosomatik“ 1997. bsmedic: www.multimedica.de
Porst H: Was jedermann über Sexualität und Potenz wissen sollte. Stuttgart: Trias, 1991.
Schorsch E, Brand T, Schmidt G, Spengler A: Zur Versorgung von Patienten mit sexuellen Störungen. Sexualmedizin 1977, 6, 585-590.


Internet-Adressen zum Thema „sexuelle Störungen“
1 www.informatik.fh-luebeck.de/icdger/f20.htm © Klinisch-diagnostische Leitlinien nach der ICD-10
2 www.multimedica.de/private/html/hosmm/BI/PMFBI000K/12/index.html 
© Kapitel „Sexuelle Störungen“ von P. Laszig und L. Gramatikov (1997) im Rahmen des Online-Kompendiums „Psychosomatik“, siehe Literaturverzeichnis
3 www.neuro24.de/sexuelle_dysfunktionen.htm © Informationen zu sexuellen Funktionsstörungen von Karl C. Mayer, Arzt
4 www2.hu-berlin.de/sexology © Archiv für Sexualwissenschaft, Magnus-Hirschfeld-Zentrum, Humboldt-Universität, Berlin
5 www.sexualmedizin.de/sexualmedizininstitut.html und www.sexualmedizin.
de/sexualmedizinrecherche.html © Internet-Adressen zum Thema Sexualmedizin (Fachverbände/Gesellschaften und Online-Literatur)
6 http://141.2.61.48/zpg/sexualwissenschaft/dgfs.htm © Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS)
7 http://www.uke.uni-hamburg.de/kliniken/psychiatrie/sexualforschung/index. de.html © Abteilung für Sexualforschung in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Hamburg
8 www.m-ww.de/sexualitaet_fortpflanzung/lexikon/index.html © Medicine-Worldwide: Online-Lexikon „Sexualität“
9 www.m-ww.de/foren/list.html?num=5 © Medicine-Worldwide: Forum zu allen Themen rund um Sexualität
10 www.sextra.de © SEXTRA – Online-Beratung der Pro Familia, Tübingen
11 www.sexologie.org © Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung e.V.
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