VARIA: Post scriptum

TV-Ärzte im Dauerstress: Klinikum der Banalitäten

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): [76]

Poleck, Brigitte

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Es gibt im deutschen Fernsehen noch keine Niederlassungsbeschränkungen für Ärzte. Das erklärt die Medizinerschwemme auf allen Kanälen: Zur besten Sendezeit wird unter dem wachsamen und interessierten Auge der Zuschauer praktiziert, operiert und intrigiert.
Dabei trifft man immer wieder auf dieselben Charaktere: Da gibt es die zur Standardausrüstung eines jeden guten Fernsehhospitals gehörende knurrige Oberschwester, den engagierten, dreitagebärtigen Jungarzt, die rehäugige Lernschwester und den vom Ehrgeiz zerfressenen Oberarzt. Es dauert keine drei Minuten, bis man die Guten von den Bösen unterscheiden kann.
Und dann ist man schon mitten im Geschehen. Ein Patient kommt mit einer medizinischen Symptomatik ins Krankenhaus. Ärzte und Schwestern merken relativ schnell, dass eigentlich ein persönliches Problem dahinter steckt und lösen dies ganz beherzt. Dabei wird auf Kleinigkeiten wie Dienstzeit oder Privatleben keine Rücksicht genommen: Der sich aufopfernde Fernsehdoktor kennt keine Freizeit und ist immer
im Einsatz, das scheint der Fernsehzuschauer für seine Zwangsgebühren zu erwarten. Jedenfalls werden die Patienten aus den Fernsehkliniken immer dankbar, geheilt und geläutert entlassen. Die Geschichten ähneln sich so sehr, dass man gar nicht merkt, nach dem Zappen in der Werbepause aus Versehen in einer ganz anderen Klinik gelandet zu sein.
Interessant ist vor allem das Image der Fernsehärzte: Sie sind äußerst angesehen und scheinen tatsächlich etwas zu sagen zu haben. Sie verbringen ihren gesamten Tag damit, Leben im Akkord zu retten, eilen von einem Notfall zum nächsten. Und das alles, während ihre echten Kollegen stundenlang Zettel ausfüllen, Blut abnehmen und sonst noch den ganzen bürokratischen Kram erledigen, der wohl drehbuchmäßig nicht viel hergeben würde. Zur Entspannung von der aufreibenden beruflichen Tätigkeit gibt es für die Fernsehkollegen – zumindest für die Herren – zwischendurch mal ein kleines Techtelmechtel mit der hübschen Krankenschwester. Wo? Natürlich traditionsgemäß in der Wäschekammer. So sicher wie die täglichen Visiten sind nämlich auch die immer wiederkehrenden Klischees.
Für die Serienhelden im weißen Kittel ist die Welt noch in Ordnung, ihr Alltag ist interessant und spannend. Und sie sind genauso, wie die Menschen im Lande sich Ärzte wünschen: allwissend, alles
könnend, verständnisvoll und nett. Brigitte Poleck
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