ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 2/2001Ile de France: Auf den Spuren der französischen Könige

Supplement: Reisemagazin

Ile de France: Auf den Spuren der französischen Könige

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): [4]

Unverzagt, Gesine

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LNSLNS Nur neun Kilometer nördlich des Stadtzentrums von Paris liegt die Industriestadt St. Denis, eine ziemlich trostlose Vorstadt mit hoher Arbeitslosigkeit. Durch die Fußballweltmeisterschaft 1998 bekam der Ort etwas Glanz, denn hier, im riesigen Stadion „Stade de France“, fand das Endspiel statt. Diese Vorstadt-Tristesse beherbergt eines der wichtigsten Baudenkmäler Frankreichs: Im 12. Jahrhundert entstand dort die erste gotische Basilika Europas. Die Geschichte dieser Gedächtnisstätte ist untrennbar mit der Geschichte der Monarchie verbunden: In der Kathedrale wurden die französischen Könige gekrönt und begraben.
Unweit von Paris
Die Reise ist eine Fahrt auf den Spuren der französischen Könige in die Umgebung von Paris, in die Region Ile-de-France. Nur wenige Paris-Besucher wissen, dass einige der schönsten Schlösser Frankreichs nicht im Loire-Tal stehen, sondern nur einige Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Die Könige zogen es vor, vor den Toren der Stadt zu leben. Hierher entwichen sie, da es in Paris zu unübersichtlich und gefährlich für sie wurde. Das berühmteste Schloss ist Versaillles, 20 Kilometer von Paris entfernt und leicht mit den schnellen RER-Zügen zu erreichen. Der Prunkpalast wurde von Ludwig XIV. nach seinem Regierungsantritt 1661 in einem kleinen Dorf erbaut. Nahezu 5 000 Menschen lebten damals in Versailles, denn der Adel bildete die Kulisse für das Zeremoniell am Hof. Mit der Konzentration des Hofes in Versailles hatte der Sonnenkönig die Kontrolle über die aufständischen Adligen.
Schon am frühen Morgen stehen Besucher aus aller
Welt Schlange, um in die heiligen Hallen zu gelangen. Die
Guides tragen am Revers in großen Lettern die Uhrzeit der Führung, damit kontrolliert werden kann, wer sich zu
viel Zeit nimmt. Neun Uhr fünfzehn ist an dem Blazer von Martine zu lesen. Aber schon naht ein Trupp Japaner, bei deren Führerin neun Uhr zwanzig geschrieben steht. Menschenmassen schieben sich durch das Schloss. In sämtlichen Sprachen schwirren Erläuterungen durch die Räume. Eine weitere Gruppe russischer Touristen, die sich Zeit nehmen will, die Japaner jedoch schieben gnadenlos. So gehtes im Pulk vorbei an protzigem Glanz vergangener Tage, durch den 75 Meter langen Spiegelsaal, durch die üppig dekorierten privaten Wohnräume des Sonnenkönigs und durch die Kapelle. Gold wohin das Auge blickt. Umgeben ist das Schloss von dem symmetrisch angelegten Garten des Gartenarchitekten Le Nôtre. Zur Besichtigung des riesigen Areals stehen Pferdekutschen bereit. Die Kutscherin heißt Claudia, 19 Jahre alt. Ihre Liebe zu Pferden war es, die sie hierher verschlagen hat. Mit Pferden zu arbeiten und den Touristen das ausschweifende Leben Ludwigs des XlV. zu erklären bringt ihr Spaß. Die Fahrt geht vorbei an Wasserbecken und Springbrunnen und an den Lustschlössern Grand und Petit Trianon. Wir besuchen versteckte Haine und bewundern die eigenwillige Gartenarchitektur.
Nördlich von Versailles, 19 Kilometer von Paris entfernt, befindet sich der Geburtsort Ludwig XlV., Saint-Germain-en-Laye. Mitten in dem kleinen Ort breitet sich das Schloss aus, das von François I. errichtet wurde. Hier lebten Generationen von Königen, und hier erblickte der Sonnenkönig das Licht der Welt. Besonders schön ist die
Grande Terrasse des heutigen Museums, von wo aus wir einen grandiosen Blick auf das Seine-Tal und Paris haben. Inmitten eines Waldes Schloss Rambouillet, ehemaliger königlicher Sitz und heutige Residenz des französischen Präsidenten. Besonders in den letzten Jahren war häufig von Rambouillet die Rede, denn dort empfing der „Président“ der Republik die Außenminister der EU zu den Friedensgesprächen zum Kosovo-Konflikt.
Berühmte Schlossgäste
Jacqueline Pillot ist seit Jahren Guide am Schloss. Ganz in Rosa gekleidet, die blondierten Haare akkurat gefestigt, erzählt sie, dass 2 000 Polizisten während der Verhandlungen von Rambouillet für Sicherheit sorgten. Bei der Führung durch das Schloss macht sie auf die prächtigen Holzschnitzereien aufmerksam und erzählt, wer hier wohnte und dass Fran-
çois I. hier starb. Marie-Antoinette lebte nur widerwillig im Schloss, es war ihr zu feucht. Auch dass Napoleon I. hier die Nacht vor seiner Deportation nach St. Helena verbrachte, weiß Madame Pillot zu berichten. Dann fragt sie mit einem spitzfindigen Lächeln, ob jemand wisse, woher die berühmte Pose Napoleons käme, die Hand zwischen die Knöpfe seiner Jacke zu schieben. Madame weiß es: „Er hatte immer
Magenschmerzen, der arme Mann, daher badete er häufig, denn die Wärme tat ihm gut“, sagt sie und zeigt auf
eine „kleine“ Kupfer-Badewanne. Aus demselben Grund habe er die Hand auf seinen schmerzenden Magen gelegt, erklärt sie.
In der Nähe des Schlosses liegt die Molkerei der Königin Marie-Antoinette, die 1785 im Auftrag Ludwigs XVl. erbaut wurde, um den Aufenthalt seiner Gemahlin zu versüßen. Es sei keine Molkerei im üblichen Sinne. Diese besteht aus einem runden Raum mit einer Kuppel, komplett mit Marmor ausgelegt und mit einem Marmortisch bestückt. Daneben der so genannte Erfrischungsraum, eine Grotte, in deren Mitte eine Marmorstatue steht. Ein weiteres Prunkstück befindet sich im Park. 1775 wurde dort ein Pavillon errichtet, der komplett mit Millionen unterschiedlichster Muscheln ausgelegt ist. Fünf Jahre wurde an der Dekoration gearbeitet. Während des Spaziergangs im Park zog man sich dann gern zur Abkühlung in diesen Pavillon zurück.
Fontainebleau ist eines der schönsten Schlösser Frankreichs. Der größte Teil der Gebäude stammt aus der Renaissance unter der Herrschaft von François l. und Henri ll. Die Könige nutzten das Schloss als Feriendomizil und Jagdschloss, denn der Ort war umgeben von einem dichten Wald, heute noch beliebtes Ausflugsziel für Picknick im Grünen. Gobelins schmücken die Wände der Innenräume des Schlosses. Goldgestühl ist mit bunten Seiden- und Samtstoffen bezogen, kostbare Perserteppiche bedecken den Boden, von den Decken hängen riesige Kristalllüster. Jeder Raum ist überladen mit Prunk, und wir sind froh, kein Gold mehr sehen zu müssen, als wir in die Gärten gehen. Die Parkanlage ist im typischen Stil Le Nôtres angelegt, der auch für die Gärten von Versailles verantwortlich war.
Nicht nur die Könige zog
es in die Natur von Fontainebleau. In Barbizon, am Westrand des Waldes, entwickelte sich eine Künstlerkolonie,
wo berühmte Landschafts-
bilder von Rousseau, Millet und Corot entstanden. Aus dem kleinen Ort ist heute ein schicker Ort der Reichen geworden, die sich vom Trubel in Paris hierher zurückziehen.
Vaux-Le-Vicomte
Ein Erlebnis ist der Abend im Vaux-Le-Vicomte. Nicht nur das Schloss, auch die Parkanlage erstrahlt im Lichterglanz von mehr als 2 000 Kerzen. Klassische Musik untermalt die unwirkliche Stimmung, bei der man sich ins 17. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Erbauer des Schlosses war der Schatzmeister des Königs, Nicolas Fouquet, der ein riesiges Vermögen angehäuft hatte. Er beauftragte die bedeutendsten Künstler seiner Zeit mit dem Bau, den Architekten Le Vau, den Maler Le Brun für die Innendekorationen und Le Nôtre für die Gartengestaltung. Das Schloss war so außergewöhnlich schön, dass Ludwig XlV. neidisch wurde. Er ließ seinen Schatzmeister ins Gefängnis werfen und verpflichtete die drei Künstler mit dem Bau von Versailles mit der Auflage, das prächtigste Schloss aller Zeiten zu erschaffen. Gesine Unverzagt

Reise-Tipps:
Informationen: Französisches Fremdenverkehrs-
amt, Maison de la France, Postfach 10 01 28, 60001 Frankfurt/Main, Telefon: 01 90/57 00 25, Fax: 01 90/59 90 61, E-Mail: franceinfo@mdlf.de; www.franceguide.com;
Flüge: Air France fliegt von elf deutschen Flughäfen mehrmals am Tag ab 299 DM nach Paris.
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