ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 2/2001Graubünden/Schweiz: Eine Sinfonie aus Wasser und Stein

Supplement: Reisemagazin

Graubünden/Schweiz: Eine Sinfonie aus Wasser und Stein

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): [6]

Motz, Roland

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LNSLNS Wild bricht sich der Rhein einen Weg durch den Stein. Die Schmalspurgleise der Rhätischen Bahn finden kaum Platz zwischen Fluss und Fels. Dann haben wir den Swiss Grand Canyon durchfahren, die „Tunnelis“ und „Bahn-
höflis“ hinter uns gelassen, an denen nur bei
Bedarf gehalten wird. Der Postbus bringt uns von Ilanz den Valserrhein hinauf ins südlichste Tal Graubündens. 1 000 Einwohner zählt die Gemeinde Vals in dem wilden, felsigen, tief eingeschnittenen Tal zwischen 50 Berggipfeln, das einstmals im 14. Jahrhundert durch die deutschsprachigen Walliser besiedelt wurde. Genau ein halbes Jahrhundert sind seit der großen Lawinenkatastrophe vergangen, die mehr als zwanzig Valsern das Leben gekostet hat.
Alljährlich läuten seitdem am 19. Januar die Glocken den ganzen Tag. „Gott, Allmächtiger, schütze dieses Haus, vor Lawinen, Sturm und Graus“, steht an manchen alten Holzhäusern, die für ein einheitliches Dorfbild sorgen. Wasserfälle stürzen aus steilen Bergwäldern, gurgelnde Bäche fallen über grüne Alpmatten in die enge Schlucht, die sich der Valserrhein mit der Fahrstraße teilen muss. In 1 250 Metern Höhe öffnet sich das abgeschiedene Tal. Links und rechts kleben zahlreiche Heuschober aus massivem Holz an den saftigen grünen Bergweiden. Männer gehen mit Sensen ihrer Arbeit im steilen Gelände nach, beleuchtet von der nachmittäglichen Sonne, die schon beginnt, sich hinter den hohen Gipfeln zu verstecken.
Doch die ländliche Idylle täuscht. Bald kommen die Abfüllanlagen der Valser Mineralquelle in Sicht, dann das Hotel Therme. Wie ein Plattenbau versperren die kastenförmigen Appartmentanlagen den Blick auf das Dorf und auf die einzige Thermalquelle Graubündens. Die Zimmer mit ihren gleichförmig genormten Balkönchen versprühen die Aura eines Depressionstraktes. „Man muss schon ganz schön krank sein, um sich hier wohl zu fühlen“, denken wir. Doch dieser
Eindruck ist beim Betreten der Felsentherme wie weggewischt. Eine schwarze Rampe führt zu den Umkleidekabinen aus dunkelrotem Mahagoniholz hinter schwarzen
Ledervorhängen. Auch die Duschräume sind in Schwarz gehalten. Dahinter versteckt sich eine kühne, dunkle Welt. Kühl der Stein; modern, nüchtern, mutig, sich auf das Wesentliche konzentrierend, die Architektur; warm das Wasser, 32 °C das Außenbecken, 33 °C das Blütenbecken, 35 °C das Grottenbad, 42 °C das Feuerbad; warm auch der Schwitzstein mit den Dampfkammern, der Klangstein mit der Steinmusik; nur das Eisbad mit 14 °C fällt aus der Reihe. „Machen Sie ihre eigene Entdeckungsreise“, hat eine Frau in der Eingangshalle gesagt. Das ist gar nicht so einfach. An Geländern aus Messing tastet man sich in eine dunkle, rechteckige Welt mit sehr hohen Wänden vor. Nur winzige Beschriftungstafeln geben Orientierungshinweise zu den hinter mehreren Ecken versteckt im Fels liegenden, dezent beleuchteten Becken und Kavernen.
Nichts soll von der Kraft und Reinheit des Wassers und des Steins ablenken. Mehr
als 60 000 Steinplatten in unterschiedlichen Stärken und Breiten bis zu einer Länge von 3,20 Metern hat der Architekt Peter Zumthor zwischen 1994 und 1996 aus Gneis herausfräsen lassen und zu einem dynamischen zeitgenössischen Gesamtkunstwerk zusammengefügt. Anthrazitgrau ist die
Farbe des Steins, der nur zwei Kilometer entfernt aus dem Berg gesprengt wurde. Aber von den exklusiven Maha-
goniholzliegen am Außenbecken oder durch die Glasscheiben in den inneren Ruhebereichen blickt man über grüne Bergwiesen auf schneebedeckte Berggipfel. In dem ästhetischen Kontrast steckt die Kraft. Der 26-Millionen-Bau fand schnell als „Zen-Tempel des Wassers“ internationale Bewunderung.
Christina zumindest, der jungen Bankmanagerin aus Zürich, hat die Woche Thalasso gut getan. Schön sieht sie aus, und locker überholt sie uns am nächsten Tag auf dem Weg zur Läntahüfte. Körperpeeling, manuelle Lymphdrainage und Frigi-Thalgo haben ihre ganzheitliche Wirkung bereits getan und lassen sie leichtfüßig die Valser Bergwelt erkunden. Hier oben, weit über dem Dorf, sind die Elemente Wasser und Stein eine untrennbare Verbindung eingegangen. 50 Meter hoch ist die Staumauer am Ausflugsrestaurant Zerfraila, bis zu dem der Postbus durch den 1,8 km langen Tunnel hinauffährt. „Mein Vater ist dort unten groß geworden.“ Der Busfahrer zeigt auf das türkise Wasser. „Wenn der Pegel stark nach unten geht, kann man noch die Kirchturmspitze von unserem Dorf sehen, das dem Staudamm weichen musste.“ Dem Zerfreilasee verdankt Vals seinen ökonomischen Aufstieg. Die Kraftwerksgesellschaft zahlt für die Nutzung des Wassers, sie liefert den billigen Gemeindestrom, sie pflegt die Wanderwege und Hütten,
ihre Steuern haben den Bau der Felsentherme ermöglicht. Dem Quellwasser des Rheins immer weiter sanft nach oben folgend, gerät man nach einer Stunde in eine archaische Welt. Pferde, Rinder, Schafe, Kühe, Schweine weiden friedlich nebeneinander. Murmeltiere fiepen um die Wette. Mit dem Klettergurt gesichert, steigt Alois Stoffel vom Steilhang herunter, um uns zu begrüßen. Schon den vierten Alpsommer verbringt der drahtige Vierzigjährige mit seiner Familie als Senn auf der Lampertsalp. Nur zwei Hütten der 300 Jahre alten,
eng aneinandergescharten Steingebäude sind wasserdicht. Ein Plumpsklo außen, heißes Duschwasser gibt es aus dem Eimer. „Man muss sich einschränken können, man muss mit sich selbst umgehen können“, sagt er, während wir frische Milch trinken und er an der Pfeife zieht. „Nichts“, lautet seine Antwort auf die Frage, was ihm am meisten fehle, und ebenso bestimmt begründet Alois sein einsames Dasein in luftiger Höhe: „Unsere Gesellschaft ist hektisch und nervös, hier oben sind wir Gott näher.“ Hinter der Alp zweigt der Weg über den 2760 Meter hohen Saredopass ab. Sieben Stunden sind es bis zur nächsten Schlafmöglichkeit in Italien.
Der Wanderweg führt in 45 Minuten zur Läntahütte in 2 090 Metern Höhe unterhalb des Läntagletschers. Auch Hanna Lösch ist schon das fünfte Jahr als Wirtin auf der SAC-Hütte. „Manchmal kommen 40 Wanderer am Tag, manchmal keiner“, sagt sie, während wir über ihre Schlachtplatte herfallen. Weit weg von jeglichem „Grüezi miteinand!“, jener Deformation im Schweizer Nationalcharakter, die einem sonst so oft in Wandergebieten entgegenschallt, nähern wir uns dem ewigen Eis. Wir überqueren
den tosenden Gletscherbach. Eine neue Stahlkonstruktion musste die weggeschwemmte Holzbrücke ersetzen. Das Gelände wird steiler. Vier Stunden dauert die alpine Tour von der Hütte über den Gletscher zum Rheinwaldhorn. In langen Schleifen bewegen wir uns auf dem von der Sonne aufgeweichten Eis nach oben. „Hier also ist unser Vater Rhein zur Hälfte geboren“, geht uns durch den Kopf, während wir den Blick vom 3 402 Meter hohen Gipfel zum benachbarten Rheinquellhorn schweifen lassen. Die Vorfreude auf den erneuten Besuch der Felsentherme lässt uns schnell und leicht den Rückweg zwischen Wasser und Stein ins Tal hinunter finden. Roland Motz


Reise-Tipps: Anreise: Mit der Bahn über Basel bzw. Lindau bis nach Chur, weiter mit der Rhätischen Eisenbahn bis lllanz, von dort mit dem Postbus bis Vals. Der Sparpreis Schweiz gilt von allen DB- Bahnhöfen aus in die Schweiz und zurück und beträgt 298 DM (ohne ICE-Nutzung) bzw. 358 DM (mit ICE-Nutzung). Mitfahrer und Kinder zahlen die Hälfte.
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