ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2001Sparprogramm bei Arzneimitteln: Die Pharmalobby ist empört

POLITIK

Sparprogramm bei Arzneimitteln: Die Pharmalobby ist empört

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2685 / B-2288 / C-2152

Flintrop, Jens

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LNSLNS Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie und der Verband Forschender Arzneimittelhersteller kritisieren das Sparpaket der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin und den politischen Stil von Ulla Schmidt.

Patrick Schwarz-Schütte, Vorsitzender des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), schäumt. „Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen“, habe Ulla Schmidt ihm am 17. September während der 2. Sitzung des Runden Tisches ins Gesicht gesagt. Drei Wochen später sitzt Schwarz-Schütte vor Journalisten in Berlin und weiß, was die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin damals gemeint hat: Im Einvernehmen mit den Krankenkassen und ohne die Pharmalobby zu informieren, hat Ulla Schmidt inzwischen ein 5-Punkte-Paket für Einsparungen in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) vorgelegt (siehe DÄ, Heft 40/2001), das die Gewinne der Pharmakonzerne deutlich zu schmälern droht.
Pharmaunternehmer Schwarz-Schütte spricht von einem politischen Stilbruch. Der Runde Tisch zur Zukunft des Gesundheitswesens – von der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin kurz nach Amtsantritt ins Leben gerufen, um „im Dialog mit allen Beteiligten und im Konsens Lösungen zu erarbeiten“ (Ulla Schmidt am 7. Mai) – sei eine Show-Veranstaltung: „Ob wir noch einmal dorthin gehen oder nicht, ist doch letztlich wurscht“, meint der VFA-Vorsitzende. Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) ist verstimmt. Sein Vorsitzender, Dr. med. vet. Bernd Wegener, spricht von „politisch motivierten Schnellschüssen“ und „Geldbeschaffungsmaßnahmen zulasten der Industrie“. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sei für ihn kein seriöser Verhandlungspartner mehr.
Das jüngste Arzneimittel-Sparpaket – es sieht unter anderem Preissenkungen für festbetragsfreie Präparate, die viel diskutierte Aut-idem-Substitution und Verordnungsempfehlungen für Innovationen vor – schadet nach Darstellung von VFA und BPI massiv dem Pharmastandort Deutschland. Die geplanten Maßnahmen stellten für viele Unternehmen der Pharmaindustrie eine existenzielle Bedrohung dar; Investitionen seien gefährdet, die Bundesregierung setze mindestens 20 000 Arbeitsplätze aufs Spiel. Ein vergleichbarer Aktionismus habe 1992 zum Verlust von 6 500 Arbeitsplätzen allein in den VFA-Mitgliedsfirmen geführt. Erst mit der Wiedereinführung der Marktpreisbildung für innovative Produkte habe es bei den forschenden Arzneimittelherstellern ab 1995 wieder einen Arbeitsplatzzuwachs gegeben.
Der BPI-Vorsitzende Wegener präsentierte sich in Berlin als „Anwalt der Patienten“ und kritisierte insbesondere die Pläne, wonach Ärzte nur noch Wirkstoffe und nicht mehr bestimmte Medikamente verordnen sollen. Vor allem Ältere und chronisch Kranke hätten ein Problem, wenn sie oft unterschiedliche Präparate in ihrer Apotheke erhielten. Unterschiedliche Dosierungsangaben und Darreichungsformen erschwerten den Patienten dann eine sachgemäße Verwendung. Die Aut-idem-Substitution gefährde die Compliance. Völlig vergessen werde auch, dass viele Generika nicht mit identischen Indikationen zugelassen sind wie die Originalprodukte. Die Apotheker seien deshalb damit überfordert, das individuell geeignete Arzneimittel nur anhand der Wirkstoffabgabe auszuwählen. Wegener: „Nur der Arzt kann die Therapieverantwortung in vollem Umfang übernehmen.“ Die Haftungsrisiken, die sich aus einer solchen Aut-idem-Regelung ergäben, seien erheblich. Der VFA-Vorsitzende sprach einen weiteren Aspekt an: „Es ist nicht auszuschließen, dass ein Apotheker seine Auswahlentscheidung nicht nur nach qualitativen Gesichtspunkten, sondern auch nach finanziellen Eigeninteressen trifft.“ Der Apotheker könnte seine Auswahl zum Beispiel davon abhängig machen, bei welchem Präparat er die für ihn günstigsten Einkaufskonditionen erziele.
Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bewerten die Aut-idem-Verordnung unterschiedlich: Während die BÄK die Idee ablehnt, weil die Verantwortung für die Arzneimitteltherapie auch weiterhin beim behandelnden Arzt verbleiben müsse, meint Dr. med. Leonhard Hansen, im KBV-Vorstand für Arzneimittelfragen zuständig: „Wenn tatsächlich ein großes Einsparpotenzial besteht, müssen wir diesen Vorschlag konstruktiv aufnehmen.“ Diese Haltung der KBV kommentierte Dr. rer. pol. Hans Sendler, BPI-Hauptgeschäftsführer: „Die KBV hegt wohl eine gewisse Sympathie für die Aut-idem-Substitution, weil sie meint, dass die 120 000 Kassenärzte bei den Wirtschaftlichkeitsprüfungen aus dem Schneider sind, wenn sie nur noch den Wirkstoff verschreiben.“ Schließlich gehe die Entscheidung, ob ein Patient das teure Orginalpräparat oder das kostengünstige Generikum erhalte, vom Arzt zum Apotheker über.
„Die Ge­sund­heits­mi­nis­terin riskiert nicht nur die Fortsetzung der Unterversorgung mit innovativen Therapien, sie provoziert gleichzeitig auch eine massive Investitions- und Arbeitsplatzvernichtung in einer der innovativsten Branchen“, sagte Cornelia Yzer, VFA-Hauptgeschäftsführerin. Insgesamt drohe den Arzneimittelherstellern mit dem Sparpaket der Ministerin sowie der anstehenden Festbetragssenkung und der ab 1. April 2002 wirksamen Abgabeverpflichtung für Parallelimporte ein jährlicher Umsatzverlust von rund 3,7 Milliarden DM. Das mache fast 20 Prozent des GKV-Umsatzes der Branche aus. Hinzu kämen erhebliche Verluste im Auslandsgeschäft, da die deutschen Preise als Referenzpreise für ausländische Märkte gelten. Jens Flintrop
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