ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2001Arztberuf/Krankenhäuser: Vom Traumjob zum Albtraum

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Arztberuf/Krankenhäuser: Vom Traumjob zum Albtraum

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2700 / B-2301 / C-2165

Stork, Gereon

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LNSLNS Die Arbeitsbedingungen junger Ärzte verunsichern die
nachwachsende Generation der Medizinstudenten.
Gereon Stork


Während des Studiums schleppen sich Medizinstudenten von Klausur zu Klausur und sind froh, wenn das nächste Staatsexamen nach intensiver Vorbereitung einigermaßen über die Bühne geht. Im Prüfungsstress bleibt nicht viel Zeit für die in weiter Zukunft liegenden berufspolitischen Anliegen von Ärzten. Während des Studiums herrscht noch ein rosarotes Bild von einer beruflichen Zukunft als gut verdienender Halbgott in Weiß.
Die Realität in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen sieht allerdings anders aus: Überstunden ohne Ende ohne jede Vergütung, Teilzeitstellen mit Vollzeitarbeit, unbezahlte Gastarzt-Stellen, um sich eine richtige Stelle erst zu verdienen, oder Ärzte im Prakikum als Stationsarzt sind normaler Alltag geworden. Diese Realität wird erst im Praktischen Jahr (PJ) oder spätestens im AiP erkannt, wenn nach einem sechsjährigen Studium die Reinigungskraft oder Küchenfrau mehr verdient als der behandelnde AiP. Die Enttäuschung und Resignation über die wirklichen Arbeitsbedingungen in der Klinik zwingen nicht selten, sich in alternativen Berufsfeldern umzusehen. Der Traumjob Arzt wird zum Albtraum, für den man lange Jahre studiert hat. Im Hinblick auf die Planung der späteren Laufbahn sollte man deshalb die Zukunft nicht verdrängen, um rechtzeitig die Weichen für eine Umorientierung oder Spezialisierung zu stellen.
Gerade junge Ärztinnen/Ärzte werden in den Krankenhäusern als billige Arbeitskräfte verheizt und ausgebeutet. Die Belastung durch unbezahlte Überstunden ist gigantisch. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit beträgt nach der EU-Arbeitszeitrichtlinie 48 Stunden. In der Realität sind 80 Stunden keine Seltenheit. Dennoch unterlaufen die Krankenhausverwaltungen das Arbeitszeitgesetz und ignorieren die Umsetzung des Urteils des Europäischen Gerichtshofs vom 3. Oktober 2000 zu den Arbeitszeiten von Klinikärzten. Demnach werden im Gegensatz zum deutschen Arbeitszeitgesetz Bereitschaftsdienste als volle Arbeitszeit und nicht als Ruhezeit gewertet, was der Praxis auch gerecht wird. Am 3. April 2001 ist dieses Urteil auch vom Arbeitsgericht Gotha bestätigt worden.
PJ – Lückenbüßer
In der Schweiz verdient man bereits auf der Ausbildungsstufe eines Famulanten und ebenfalls im PJ ein Gehalt von umgerechnet deutlich mehr als 1 000 DM. Auch in vielen anderen Studiengängen werden Betriebspraktika entlohnt. Nicht so bei uns: Wochenenddienste und Lückenbüßertätigkeiten ohne einen Pfennig Entlohnung. Man muss den Eindruck gewinnen, dass die Studenten
im Praktischen Jahr nicht als zusätzliche Schüler in den Stationsalltag eingebunden werden, sondern von vornherein als billige Arbeitskräfte für die grobe Stationsarbeit eingeplant sind. Die lästigen Aufgaben des eskalierenden Papierkriegs, werden an die jungen Kolleginnen und Kollegen als schwächstes Glied in der Ärztehierarchie delegiert. Die Tätigkeiten des Ärztenachwuchses beschränken sich dann nahezu vollkommen auf Blutentnahmen, das Anlegen peripherer venöser Zugänge und die Ableitung von Elektrokardiogrammen. Die sicher sinnvollen Aufnahmeuntersuchungen sind die einzigen Tätigkeiten, die als lehrreich zu bezeichnen wären. Es bleibt aber oftmals keinerlei Zeit, die erhobenen Befunde mit den erfahrenen Kollegen zu besprechen, um Verbesserungsvorschläge oder Kritik zu erhalten.
1988 wurden die eineinhalb Jahre AiP als Pflicht für jeden, der Arzt werden möchte, eingeführt. Die Bezahlung als AiP ist eher als ein Taschengeld anzusehen. Dabei sind die Verantwortungen und Aufgaben eines AiP nach zu kurzer Einarbeitungszeit durchaus mit denen eines Stationsarztes zu vergleichen. Die Überwachungsfunktion der Oberärzte ist dabei nur eine Alibifunktion. Im täglichen Geschäft fehlt entweder die Zeit, die Behandlung abzusprechen, oder man traut sich wegen der genervten Reaktion der älteren Kollegen nicht, nachzufragen. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wie soll man ernsthaft mit etwa 1 600 DM über die Runden kommen oder gar eine Familie ernähren? In welchem anderen Beruf lernt man mehr als sechs Jahre, um dann das Gehalt eines Azubi zu verdienen? Gut, dass man bei der Arbeitsbelastung besser auf der Untersuchungsliege schläft und kein Auto braucht, um zur Arbeit zu kommen.
Eine weitere Neuerung im Gesundheitssystem wird auf dem Rücken der Ärzte ausgetragen: Die Krankenhausvergütung nach Fallpauschalen. Dieses DRG-(Diagnosis Related Groups-)System, das aus Australien importiert wurde, wird testweise bereits im deutschen Klinikalltag eingeführt und soll ab 2003 beziehungsweise ab 2004 das bisherige Abrechnungssystem ersetzen. Ziel ist es, mehr Transparenz in die Kosten der Krankenhausbehandlungen zu bringen. Wer verschlüsselt wohl die Diagnosen, die für einen Patienten infrage kommen? Die Ärzte, denn Dokumentationspersonal würde doch zusätzliche Kosten verursachen. Gerade in Zeiten kürzerer Patientenverweildauer bei gleichzeitig zunehmender Patientenzahlen trotz abnehmender Bettenzahlen bedeutet eine solche Reform im Abrechnungswesen eine extreme Belastung mit noch mehr Überstunden für die Ärzte. Also: Noch mehr Dienst bei gleicher Bezahlung.
Von der Ärzteschwemme zum Ärztemangel
Obwohl die Bundes­ärzte­kammer einen weiteren 1,2-prozentigen Zuwachs an Ärzten meldete, warnen Gesundheitsexperten vor einem Ärztemangel.
Warum? Die Schmerzgrenze ist für viele junge Mediziner deutlich überschritten: Bis in den späten Abend in der Klinik zu sitzen, dabei mies bezahlt zu werden, ultrakurze Arbeitsverträge zu erdulden und dabei nur unzureichend ausgebildet auf die Patienten losgelassen zu werden ist einfach zu viel des Guten. Der Umstieg fällt relativ leicht, denn der oftmals seit Kindheit bestehende Traum, Arzt zu werden, um Menschen zu helfen, kann heute nicht mehr erfüllt werden. Das Bild des Arztberufes hat durch die Arbeitsbedingungen viel an Attraktivität verloren. Wohl auch deshalb gibt es unter Ärzten nur eine Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent und vielen PJ’lern wird schon bald nach Beginn des Tertials eine AiP-Stelle offeriert, weil die Anzahl der Bewerbungen stetig zurückgeht.
Obwohl nach wie vor 12 000 Studenten die Universitäten als Ärzte verlassen, tauchen nur circa 6 000 im traditionellen Arztberuf auf, so Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes. Dies verwundert angesichts der beschriebenen Zustände nicht. Viele frisch approbierte Ärzte verschwinden in einem schwarzen Loch nichtkurativer Berufsfelder. Dabei kostet jede einzelne universitäre Ausbildung eines Medizinstudenten etwa 350 000 DM. So gehen etwa 2,1 Milliarden DM in das schwarze Loch, der jungen Ärzte, die nie wirklich als Arzt tätig werden. Die Studenten gehen lieber in alternative Berufsfelder wie Unternehmensberatungen, Medizinverlage, Phar-maforschung oder Bioinformatik.
Andere junge Ärzte suchen ihr Glück im europäischen oder außereuropäischen Ausland: Schweden, Norwegen oder Großbritannien heißen die bevorzugten Länder, die deutsche Jungmediziner mit attraktiven Angeboten vom deutschen Markt abwerben. Dr. Montgomery zu Vorwürfen der Krankenhausbetreiber, der Marburger Bund trage mit seinen Auslandsseminaren zu einem zunehmenden Ausverkauf ärztlicher Manpower bei: „Ich liefere Ihnen doch keine Sklaven!“
Einen weiteren Ärztemangel könnte es geben, wenn das Urteil des Europäischen Gerichtshofes umgesetzt würde. Dann müssten etwa 15 000 neue Stellen geschaffen werden, um das bisherige 24-Stunden-Dienstmodell durch ein Schichtdienstmodell zu ersetzen. Dabei würden Mehrkosten von etwa zwei Milliarden DM entstehen. Dennoch ist eine solche Investition in eine menschenwürdigere Behandlung im Krankenhaus zu begrüßen, und die Zahl vergebens ausgebildeter Ärzte, die nicht in den Arztberuf gehen, könnte minimiert werden, wenn die Arbeitsüberlastung in erträgliche Dimensionen gebracht werden könnte.
Druck auf Chefärzte
Überstunden werden entweder aus Angst vor Verlust der Stelle erst gar nicht aufgeschrieben oder vom Chefarzt von der Dokumentation gestrichen, weil die Krankenhausmanager Druck auf die Chefärzte ausüben. Als Argument wird vorgebracht, es müsse am Arbeitstempo liegen, wenn die Aufgaben nicht in der normalen Dienstzeit bewältigt werden, denn die Kollegen reichten schließlich auch keine Überstunden ein. Für einen noch unsicheren jungen AiP ist es sicher schwierig, sich argumentativ zur Wehr zu setzen. Wir benötigen neben einem neuen Selbstverständnis des Arztes als Arbeitnehmer mit allen sich daraus ergebenden Rechten eine exakte Zeiterfassung der ärztlichen Arbeitszeit, um greifbare Zahlen zu haben, anhand derer man den Krankenhausverwaltungen und Politikern die Situation endlich beweisen kann. Dann müsste Mehrarbeit offiziell angeordnet und entsprechend entlohnt werden.
Wir sollten versuchen, gemeinsam gegen die Ausbeutung im Krankenhausalltag zu kämpfen. Es geht um unsere Zukunft. Augen zu und durch kann für uns nicht die Devise sein. Die Situation ist frustrierend genug, um endlich die Ausbildung und Arbeitsbedingungen mit massivem Druck zu revolutionieren. Nur die allerwenigsten haben die Energie, sich gegen teilweise unverschämte Arbeitsbedingungen aufzulehnen, weil der eigene befristete Arbeitsvertrag auf dem Spiel steht. Immerhin 80 Prozent der jungen angestellten Ärzte sind nach Schätzungen des Marburger Bundes in einem befristeten Arbeitsverhältnis, oft nur auf drei oder manchmal nur auf einen Monat befristet. Das Gesetz über befristete Arbeitsverträge für Ärzte in der Weiterbildung wird als Druckmittel missbraucht, um die jungen Ärzte auszunutzen. Auch die Furcht, die angefangene Weiterbildung nicht abschließen zu können, zwingt zum Schweigen. Dennoch machen 50 Ärztinnen und Ärzte des Städtischen Krankenhauses in Kiel ernst: Die Kollegen kämpfen für die Anerkennung von Überstunden und Bereitschaftsdiensten als volle Arbeitszeit auch für deutsche Ärzte.
Besonders kritikwürdig aber sind die Kollegen und Kolleginnen, die sich er-dreisten, die Bemühungen um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen als einen Ausdruck von mangelndem beruflichem Engagement den Patienten gegenüber oder geringer Belastbarkeit zu werten, weil jeder versucht, im wachsenden Konkurrenzdruck durch Mobbing die eigene Stelle und Karriere zu sichern.
Notwendig sind:
- eine Solidarisierung von PJ’lern, AiP’lern, Assistenz-, Ober- und Chefärzten sowie Niedergelassenen
- monetäre Anerkennung unserer Leistungen als PJ und AiP
- Sicherung notwendiger Fort- und Weiterbildungszeiten
- Entlastung von Administrationstätigkeiten durch Einstellung von Stationssekretärinnen
- exakte Überstundendokumentation
- Arbeitsverträge von zwei Jahren als Minimum

Anschrift des Verfassers:
Gereon Stork
Postfach 14 39
45711 Datteln
E-Mail: stork@medizinstudent.de


Die wöchentliche Höchstarbeitszeit beträgt nach der
EU-Arbeitszeitrichtlinie
48 Stunden. In der Realität sind 80 Stunden keine Seltenheit.

„Ich liefere Ihnen doch keine Sklaven!“

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery,
Vorsitzender Marburger Bund
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