ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2001Rückschritt statt Fortschritt

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Rückschritt statt Fortschritt

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2705 / B-2324 / C-2157

Eltze, Christian

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LNSLNS Vor 20 bis 30 Jahren war die ärztliche Besetzung der Krankenhäuser wegen Ärztemangels unzureichend. Heute ist die ärztliche und pflegerische Unterbesetzung von Politikern und Kostenträgern (Krankenkassen) herbeigeführt. In kleineren Krankenhäusern kommt dies besonders im ärztlichen Bereich zum Ausdruck, da dort nicht nur die Assistenzarztstellen (zudem meist nur mit Anfängern besetzt) knapp bemessen sind, sondern auch die Zahl der Facharztstellen gering ist. Dies führt zu einer erheblichen Überlastung dieser verantwortlich tätigen Ärzte. Eklatant ist dieser Zustand im Fach Chirurgie. Ofmals sind an kleineren Krankenhäusern (etwa: Kreiskrankenhäusern) nur zwei Chirurgen tätig. Folge: Diese müssen außer einem routinemäßig meist zwölfstündigen Arbeitseinsatz noch Rufbereitschaft mit Arbeitseinsatz nachts und am Wochenende in zweiwöchentlichem Wechsel durchführen. Die Belastung dürfte nach den Arbeitszeitbestimmungen gar nicht erlaubt sein (ähnlich wie bei anderen Berufsgruppen wie beispielsweise Piloten, Lkw-Fahrern).
Im Pflegebereich gibt es im Gegensatz zu früheren Jahren eine deutlich verringerte Zahl ausgebildeter examinierter Fachkräfte. Es ist in Akutkrankenhäusern durchaus die Regel, dass je 15 Patienten meist nur eine Fachkraft mit ein bis zwei Hilfskräften ihre Arbeit zu verrichten versuchen. Wer den Arbeitslauf dieses Personals kennt, wird feststellen, dass die geforderten fachlichen Aufgaben so nur noch notdürftig „gemacht“ werden können.
Eine moderne und leistungsfähige Medizin, die wir uns alle wünschen, besonders als Patient, kann es nicht zu einem Preis von „damals“ geben. Die Konsequenz kann daher nur lauten: Mit zunehmender Leistung müssen die finanziellen Kosten und somit die Krankenkassenbeiträge steigen. Wenn die Politiker Beitragsstabilität versprechen und postulieren, lehnen sie damit eine verantwortungsvolle Medizin ab. Sie ignorieren eine Überlastung des medizinischen Personals, sie missachten Gesetze der Arbeitsphysiologie und Arbeitssicherheit. Verantwortungsbewusstsein scheint bei Politikern seltener zu werden.
Ein erster Schritt zur Kostenreduzierung könnte mit einer Verringerung der großen Zahl der Stellen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) geschehen. Der MDK verursacht Kosten, erbringt keine medizinische Leistung, sondern schafft Probleme. Kein Patient wird von sich aus unnötig lange im Krankenhaus verweilen wollen. Falls an Patienten kostenindizierte und unwirtschaftliche Untersuchungen oder Behandlungen geschehen sollten, werden diese vom MDK kaum erfasst.
Darüber hinaus ist die adäquate Anhebung der stationären Behandlungskosten notwendig, um ärztliches und pflegerisches Fachpersonal im stationären Klinikbereich in ausreichender Zahl entsprechend den Arbeitsbelastungen einsetzen zu können. Es kann nicht länger akzeptiert werden, dass die Patientenversorgung im pflegerischen Bereich überwiegend von Hilfskräften und Zivildienstleistenden, im ärztlichen Bereich von übermüdeten Ärzten geleistet wird.
Die Politiker sind gefordert, offen zu erklären, dass eine verantwortungsvolle, sichere und fortschrittliche medizinische Versorgung nicht ohne Erhöhung des Ressourceneinsatzes möglich ist. Sie müssen die Kostenträger unterstützen, für die Einhaltung adäquater Arbeitsbelastungen des Personals zu sorgen, indem weitere Stellen für Fachkräfte geschaffen werden. Ein hoher medizinischer Standard zur Erhaltung der Gesundheit ist teuer, er sollte aber wertvoller sein als verzichtbare Luxusartikel. Diese Aussagen sollten die Politiker treffen, auch wenn diese nicht immer bequem sind. Dr. med. Christian Eltze
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