ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2001Irak: Es leiden die Unschuldigen

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Irak: Es leiden die Unschuldigen

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2706 / B-2326 / C-2158

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LNSLNS Seit elf Jahren leidet die irakische Bevölkerung unter den Folgen
des vom Westen verhängten Embargos. Der Autor, Vorstandsmitglied
der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs, schildert
Eindrücke von einer mehrtägigen Reise in das isolierte Land.


Das erste Mal war ich im Dezember 1990 als Teilnehmer einer Delegation des Vorstands der Organisa-tion „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) in Bagdad, vier Monate nach dem Einfall der irakischen Armee in Kuweit. Als Friedensnobelpreisträger wollten wir helfen, den Ausbruch eines zweiten Golfkriegs zu verhüten. Die Gespräche waren in zweifacher Hinsicht deprimierend: Der irakische Vizepräsident Taha Yassin Ramadan lehnte jede Vermittlung von westlicher Seite ab. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond und der Präsident der Iraqi Medical Association, Dr. Rajid Al-Tikriti, der 1993 durch das Regime getötet wurde, berichteten über die ersten Auswirkungen auf das Gesundheitswesen: „Das Embargo besteht erst seit vier Monaten, doch schon sind viele Diabetiker wegen fehlenden Insulins und alle Nierentransplantierten wegen fehlender Immunsuppres-
siva gestorben. Die meisten Haemodialysen können wegen fehlender Infusionslösungen, Filtern, Kanülen et cetera nicht durchgeführt werden.“
Der Krieg endete im März 1991. Wir wussten um die Not in den irakischen Krankenhäusern, die zuvor auf westlichem Niveau exzellent gearbeitet hatten, und brachten bereits im Mai den
ersten Hilfstransport nach Bagdad.
Weitere vier Mal waren wir Ärzte der IPPNW 1991 und 1992 und dann jährlich bis 1997 mit Medikamenten, Spritzen, Kanülen, Infusionslösungen, Operationsbedarf und Babymilchpulver im Irak, ich begleitete die Transporte sechsmal. Wir verteilten die Medikamente und andere Hilfsgüter direkt in den Krankenhäusern des Landes. Für jeden Artikel musste eine Genehmigung des UN-Sanktionsausschusses in New York eingeholt werden. Die Güter wurden entweder nach Amman geflogen oder mit dem Schiff nach Aqaba transportiert. Von Jordanien aus wurde alles mit großen Lastwagen in zwölf- bis 16-stündiger Fahrt durch die Wüste nach Bagdad transportiert. Trotz des irakisch-iranischen Krieges von 1980 bis 1988 und des bereits viermonatigen Embargos war Bagdad 1990 noch eine „Friedensstadt“ mit gut gekleideten Menschen, gefüllten Geschäften und gut besuchten Restaurants. 1991 hatten Bomben und Raketen Städte, Dörfer, Brücken und Straßen zerstört.
In den Krankensälen der beschädigten Krankenhäuser herrschte großes Elend: Wegen der Bombardements auf die Elektrizitätswerke funktionierten bei bis zu 50 °C Sommerhitze weder
Klimaanlagen noch Ventilatoren oder Kühlschränke. Es fehlte an Medikamenten, Impfstoffen, Spritzen, Kanülen und Operationsbedarf. Die meisten Patienten litten still oder starben. Die Mütter und Großmütter saßen hingebungsvoll an den Betten ihrer Kinder. An Brechdurchfall (keine Infusionen), Bronchitis oder Pneumonie (keine Antibiotika, kein Sauerstoff ) sowie an Masern starben mehr als 30 Prozent der betroffenen Kinder. Überall extrem abgemagerte und geschwächte Kleinkinder. Dieser Zustand verbesserte sich erst Ende 1996, nachdem der UN-Sicherheitsrat das „Lebensmittel für Öl“-Programm genehmigt hatte. Dem Irak wurde es gestattet, zunächst für zwei Milliarden, später für vier Milliarden Dollar jährlich Erdöl auszuführen. Der Erlös floss auf ein UN-Sperrkonto. Für etwa 40 Prozent kaufte der Sicherheitsrat Lebensmittel, Medikamente und Krankenhausbedarf ein, die er nach genauester Überprüfung aller Bestellungen in den Irak lieferte. Verboten waren alle „dual-use“-Artikel, wie Ersatzteile, Motorspritzen, Elektrogeräte oder Röntgenbedarf.
Etwa 60 Prozent der Ölverkaufserlöse flossen an die UNO, den kurdischen Nordteil des Irak und als Entschädigung an Kuweit und die Türkei. Für die 22 Millionen Iraker kamen nun zwar erstmals offiziell Lebensmittel und Gesundheitsgüter ins Land – zuvor war dies nur über humanitäre Organisationen oder den Schmuggel über die jordanische und türkische Grenze möglich gewesen. Aber der Bedarf war keineswegs gedeckt. Zum Vergleich: Vor dem Krieg importierte der Irak allein für 600 Millionen Dollar jährlich Medikamente. Vor allem die arme Bevölkerung, also mehr als 80 Prozent der Iraker, litt an Hunger und Krankheit.
Bis 1999 kontrollierten die USA und Großbritannien ein Flugverbot in den Irak, das erst Ende letzten Jahres von einigen arabischen und afrikanischen Staaten „durchbrochen“ wurde. Auch von Deutschland aus sollte ein Direktflug nach Bagdad gehen. Nach vier vergeblichen Versuchen (die westlichen Fluglinien hatten stets im letzten Augenblick auf Druck der USA und Großbritanniens ihre Flüge gestrichen) flogen wir am 1. Juni dieses Jahres mit einer bulgarischen Chartermaschine von Frankfurt nach Bagdad.
Das Regime nutzte den West-Besuch zur Kritik
Der Saddam-Flughafen in der irakischen Hauptstadt war leer. Die etwa
140 Passagiere des von der „DeutschIrakischen Gesellschaft“ organisierten Fluges (acht Ärzte, mehrere Vertreter
von Hilfsorganisationen und Industriebüros, vier Politiker sowie vorwiegend deutsch-irakische Familien) wurden vom früheren Botschafter in Deutschland und jetzigen Präsidenten bilateraler Nicht-Regierungsorganisationen, Dr. Abd Allrazak Al-Hashimi, begrüßt. Das Regime nutzte unsere Anwesenheit aus, um eigene Auffassungen darzulegen. So verurteilte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Umed Madhat Mubarak die „schikanösen und gegen das Völkerrecht verstoßenden Sanktionen“: Durch die unzureichende Belieferung mit Medikamenten, vor allem Antibiotika, Zytostatika, Immunsuppressiva und Cortison, mit EKG-Papier, Operationsbedarf oder auch Säuglingsnahrung sowie der „absichtlich langsamen Überprüfung“ aller Bestellungen und deren häufiger Ablehnung wegen „dual use“ könne sehr vielen Kranken nicht geholfen werden. Abgelehnt werde beispielsweise die Lieferung von Röntgen- und Mammographiegeräten, von Computertomographen und den meisten Ersatzteilen – Aussagen, die Fachärzte später bestätigten. Mubarak wies zudem auf den hohen Anstieg der Zahl an Krebserkrankungen im Süden des Iraks hin, wo US-amerikanische Flugzeuge während des Golf-Krieges etwa 300 Tonnen abgereicherte Uranmunition verschossen. Auf die Frage nach Kausalitätsnachweisen antwortete der Minister: „Dem Staat fehlen die notwendigen Laboreinrichtungen, weil der UN-Sicherheitsrat diese natürlich nicht genehmigt. Wir haben aber Gewebeproben von Krebskranken, die abgereichertes Uran enthalten. Wir sind bereit, diese Proben ausländischen Labors – natürlich nicht englischen oder amerikanischen – zur Überprüfung auszuhändigen.“ Dokumentationen und Publikationen will man mir zukommen lassen.
Handelsminister Mohammad Mehdi Saleh führte die immense Arbeitslosenrate von 60 bis 80 Prozent ebenfalls auf die Sanktionen zurück. Die ohnehin durch die Bombardements stark in Mitleidenschaft gezogenen Industrie- und Handwerksbetriebe könnten ohne Ersatzteile und neue Maschinen ihre Arbeit nicht wieder aufnehmen. Auch der einzigen Pharmafabrik enthalte man die für die Produktion notwendigen Basisstoffe vor. Die von den USA und Großbritannien vorgeschlagenen „smart sanctions“, die angeblich die Bevölkerung weniger hart treffen sollten, seien eine reine Täuschung der internationalen Öffentlichkeit und würden daher von der irakischen Regierung – ebenso wie von Russland, Jordanien, Ägypten und der Türkei – strikt abgelehnt.
Die Kinderabteilungen in Bagdads Krankenhäusern sind vor allem mit Kleinkindern gefüllt. Aufgrund der immer noch schlechten hygienischen Verhältnisse und der unzureichenden Trinkwasserqualität – die Wasserwerke und Reinigungsanlagen sind nach den Bombenangriffen noch nicht wieder voll funktionsfähig – erkranken sehr viele Kinder an Brechdurchfall, Typhus, Amöbendysenterie, Lambliasis oder Hepatitis. Saisonbedingt leiden viele an Masern, spastischer Bronchitis und Pneumonie. Darüber hinaus sind rund 800 000 Kinder schwer unterernährt. Im letzten Jahr registrierte die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) 2 620 Kinder mit Kwashiorkor, 23 577 mit Marasmus und 162 381 mit schwersten Eiweiß- und Vitaminmangelzuständen.
In der Universitätskinderklinik in Bagdad, dem Saddam Children’s Hospital, berichtete uns ein Oberarzt, dass im Vergleich zu 1989 kindliche Leukämien und Tumoren 45-mal häufiger aufträten, 65 Prozent der kleinen Patienten stammten aus dem Süden des Iraks. Sein Gesicht drückte Trauer aus, als er sagte: „Viele Kinder sterben bereits beim ersten Chemotherapiezyklus, und keines wird geheilt, weil uns die Medikamente für moderne Therapieschemata fehlen.“ Zudem sei es weder möglich, Throm-bozytenkonzentrate herzustellen noch Knochenmarktransfusionen vorzunehmen. „Bei euch werden diese Kinder fast zu 100 Prozent geheilt, bei uns sterben sie dagegen zu 100 Prozent.“
Ähnlich deprimierend die Gespräche im „Institute of Radiooncology and Nuclear Medicine“. Der in England ausgebildete Direktor, Dr. Taja Hameed Al-Askare, berichtete: „Bis 1990 war unser Bestrahlungsinstitut nicht nur führend im Vorderen Orient, sondern entsprach westlichem Niveau. Dann konnten wegen des Embargos die Wartungen und Reparaturen nicht mehr vorgenommen werden. Die Geräte fielen aus. Jetzt haben wir nur noch zwei Bestrahlungsgeräte, die 17 Jahre alt sind. Keinen Linearbeschleuniger, keine Gammakamera.“ Der leitende Onkologe beschrieb die Situation so: „Wir können unseren Patienten weder eine kompetente Bestrahlung noch eine moderne Chemotherapie bieten. Wer nicht ins Ausland reisen oder mit viel Geld die notwendigen Zytostatika beschaffen kann, muss sterben.“
Die WHO und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) bestätigten, dass weiterhin monatlich etwa 5 000 Kinder unter fünf Jahren infolge des Embargos an Krankheiten und Mangelernährung sterben; seit 1991 sind es mehr als eine halbe Million. Die Zahl der älteren Kinder und Erwachsenen, die seit 1991 wegen fehlender Heilmittel starben, liegt bei etwa 1,5 Millionen. Dr. Ghulam Popal, Arzt und Epidemiologe im Büro der WHO, sagte: „Die Welt­gesund­heits­organi­sation hat mehrfach an den Generalsekretär und die UN-Gremien appelliert und in
Studien und Vorträgen auf die Folgen der übertriebenen ‚dual-use‘-Kontrollen und der schleppenden Lieferung dringend benötigter Medikamente sowie auf die lebensbedrohliche Ernährungslage der armen Bevölkerung hingewiesen.“
Bagdad weist keine Kriegsschäden mehr auf, doch an den Fassaden der Häuser und Geschäfte bröckelt der Putz. Auf den Straßen herrscht dichter Verkehr, die Autos vorwiegend mit zerbeulten Kotflügeln und zersplitterten, geklebten Windschutzscheiben. Wenn man viel Geld hat, kann man in den Geschäften und Bazaren aus einem großen Warenangebot wählen: Textilien, Fernseher, Elektrogeräte, Lebensmittel, Obst. Ein gewöhnlicher Arbeitnehmer in Bagdad verdient allerdings nur 2 000 bis 4 000 Dinar monatlich (ein bis zwei Dollar), und auch Klinikärzte und Schwestern verdienen nur etwa das Doppelte. Da zum Beispiel ein Kilogramm Fleisch 2 000 Dinar kostet, reicht das Geld kaum zum Leben. Wer nicht hoch bezahlt ist, also bei der Regierung, der Armee oder im „legal-illegalen“ Handel über die Grenzen der Türkei und Jordaniens arbeitet, oder Dollars von Verwandten aus dem Ausland erhält, ist auf die monatliche Lebensmittelzuweisung angewiesen, die der Staat zu einem symbolischen Preis von etwa 10 Pfennig verteilt: Hülsenfrüchte, Mehl, Speiseöl, Zucker, Tee und Milchpulver für Kinder bis zum ersten Lebensjahr. Die Menschen nehmen durchschnittlich täglich 1 800 Kalorien zu sich, also etwa 50 Prozent zu wenig. Dabei enthält das Essen sehr wenig Eiweiß und kaum Vitamine. Krankenhausbehandlungen und insbesondere Operationen müssen bezahlt werden. Auch der ambulante Arztbesuch kostet einen halben bis einen Dollar. Nur wenige können sich das leisten.
Als Humanist und Arzt kehrt man aus dem Irak zurück mit dem Wissen, dass „der Westen“ am unschuldigen irakischen Volk, besonders an Kranken, Kindern, Frauen und Armen, mit seinen Sanktionen seit nunmehr elf Jahren ein Verbrechen begeht, das zudem politisch töricht und kontraproduktiv wirkt: Die Menschen im Irak, auch die früher „prowestlich“ eingestellten Intellektuellen, hegen mittlerweile Hass auf die Regierungen der USA und Großbritanniens. Das Regime unter Saddam Hussein wurde nicht geschwächt, sondern gestärkt. Es leiden ausschließlich die-jenigen, die durch Menschen- und
Völkerrecht geschützt sein sollten. Die Aufhebung der nichtmilitärischen Sanktionen ist dringend erforderlich.
Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein, Gründungs- und
Ehrenvorstandsmitglied der IPPNW Deutschland, Ludwig- Tieck-Straße 14, 60431 Frankfurt


Vor allem Kinder, Frauen, Arme und Kranke sind von den Sanktionen „des Westens“ betroffen.


Hilfstransporte für den Irak: Zwölf bis 16 Stunden dauerte die Fahrt im Lastwagen durch die Wüste nach Bagdad. Fotos: Ulrich Gottstein


Saddam Children`s Hospital: Das kleine Mädchen leidet an Typhus. Es wird sterben.
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