ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1996Erstes Kinderschutzforum 1996: Mehr Hilfe bei Vernachlässigung

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Erstes Kinderschutzforum 1996: Mehr Hilfe bei Vernachlässigung

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS In Stockholm fand Ende August ein Weltkongreß gegen den sexuellen Mißbrauch an Kindern statt (dazu Deutsches Ärzteblatt, Heft 37/1996). Etwa zur gleichen Zeit wurden die Machenschaften des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux aufgedeckt. Dabei traten die Fälle von Vernachlässigung sowie psychischer und physischer Mißhandlung von Kindern in den Hintergrund. Anläßlich des Ersten Kinderschutzforums 1996 in Köln, das gemeinsam von der Universität Köln und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren Mitte September veranstaltet wurde, beschäftigten sich die Teilnehmer mit dem Thema "Gewalt gegen Kinder – Möglichkeiten der Früherkennung, Prävention und Therapie".


Ein Baby weint auf dem Rücksitz eines überhitzten Autos, während der Vater sich auf einem Musikfest amüsiert. Eine Passantin hört das Gewimmer und alarmiert die Polizei, die das Kind aus dem Wagen befreit und das Jugendamt benachrichtigt. Die Sozialarbeiter des Jugendamtes bringen das hilfsbedürftige Kind in ein Kinderheim, wo der Säugling erst einmal versorgt wird. Dem Vater hinterlassen sie eine Nachricht, wo er seinen Sprößling abholen kann.
"Ein alltäglicher Fall und ein typisches Beispiel unserer Arbeit", sagte Lisa Cerny, Sozialarbeiterin beim Jugendamt Köln, anläßlich des Ersten Kinderschutzforums. In einem intensiven Gespräch habe man dem Vater verdeutlichen können, in welche Situation er sein Kind gebracht habe. In der Regel seien Vernachlässigung oder körperliche Gewalt gegen Kinder keine einmaligen Vorkommnisse, sondern Ausdruck von Problemen und Belastungen in der Familie, meint Cerny. "Wenn wir Kindern helfen wollen, müssen wir zunächst versuchen, die Hintergründe zu verstehen, warum Eltern ihre Kinder vernachlässigen oder körperlich mißhandeln. Daher lautet die Maxime der Jugendämter ,Hilfe statt Strafe'."
Doch daß es mit den Hilfsangeboten nicht zum besten bestellt ist, darin waren sich die meisten Teilnehmer der Konferenz einig. Gründe dafür gibt es genug. Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Claudia Nolte (CDU) vertrat die Ansicht, daß die Politik durch eine allgemeine Bewußtseinsveränderung die Weichen für eine wirksamere Prävention schaffen müsse. Die Ministerin forderte außerdem, daß die Gesetze zum Schutz der Kinder konsequenter angewandt werden müßten: "Wer Kinder schändet und durch Mißbrauch seelisch schädigt, muß für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden." Die Bundesregierung bereite zur Zeit einen MultimediaGesetzentwurf vor. "In ihm soll klargestellt werden: Jugendgefährdende Angebote haben im Internet nichts zu suchen." Das Bundesfamilienministerium habe in den Jahren 1992 bis 1994 unter dem Leitgedanken "Keine Gewalt gegen Kinder" eine Aufklärungs- und Informationskampagne organisiert. Das entsprechende Material sei von Oktober 1996 an in aktualisierter Form erhältlich.


Konflikte für die Therapeuten
An die Helfer appellierte Nolte, ebenfalls Hilfe in Anspruch zu nehmen. Niemand könne von sich behaupten, daß er stets den "Königsweg" finde, stets die richtige Entscheidung treffe. Diese Ansicht vertrat auch Prof. Dr. phil. Gottfried Fischer vom Psychologischen Institut der Universität zu Köln. Die therapeutische Arbeit in diesen schwierigen Konfliktbereichen bringe naturgemäß Konflikte auch für die Therapeuten mit sich. Die Fachleute seien aufgerufen, angemessene Verfahren der Erfolgskontrolle zu entwerfen und einzusetzen, um Qualitätsstandards sicherzustellen und Behandlungsfehler, Mißbrauch und therapeutische Rückschläge allmählich zu reduzieren.
Eine kritischere Auseinandersetzung mit den bestehenden Hilfsangeboten forderte Renate Blum-Maurice vom Kinderschutzzentrum Köln. "Viel häufiger müssen wir uns fragen, ob wir unsere Klienten nicht auch von den Hilfen abhängig machen oder durch die Hilfen sekundär traumatisieren." Wichtig sei ein gezieltes und rechtzeitiges Eingreifen zum Wohl des Kindes und der Familie, forderte Prof. Dr. med. Peter Riedesser. Da die Pioniere der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Nazizeit gezwungen waren auszuwandern, habe gerade Deutschland im Bereich der Präven-tion einen großen Nachholbedarf. Riedesser, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, beschäftigt sich besonders mit der Situation der Kinder kranker Eltern. Häufig führe die Erkrankung der Eltern zu einer psychischen Störung der Kinder. Gerade Säuglinge alkoholkranker Eltern würden oft mißhandelt, und die Vernachlässigung durch depressive Eltern habe in der Regel eine zu frühe Autonomie des Kindes zur Folge. Auch körperliche Erkrankungen der Eltern hätten durchaus negative Auswirkungen auf die Kinder.
Bereits während der Schwangerschaftsbetreuung sollten Gynäkologen fragen, in welche Situation die Kinder hineingeboren werden, forderte Riedesser. Hilfestellung für die Kinder kranker Eltern müßten nicht nur Kindergärtnerinnen und Lehrer leisten, sondern auch Pädiater, Kinder- und Jugendpsychiater sowie nicht zuletzt die Ärzte, bei denen der erkrankte Elternteil in Behandlung ist. "Viel zu selten fragen beispielsweise Onkologen nach der Befindlichkeit der Kinder", kritisierte Riedesser. Gisela Klinkhammer

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