ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2001Schloss Favorite bei Rastatt: Weißes Gold im „Porzellanschlösschen”

VARIA: Feuilleton

Schloss Favorite bei Rastatt: Weißes Gold im „Porzellanschlösschen”

Dtsch Arztebl 2001; 98(42): A-2738 / B-2351 / C-2183

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Die Schätze der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden

Kunstsinnige, kenntnisreiche, oft sogar selbst künstlerisch tätige Fürstinen hat es wohl in allen Jahrhunderten gegeben. Dass deren Schätze inzwischen nicht durch Nachlässigkeit der Erben, Verkauf, Tausch oder gar Diebstahl unwiederbringlich verloren gingen, sondern wohl behütet auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist jedoch nicht die Regel. Eine Ausnahme ist die Sammlung von Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden. Zurzeit werden etwa 1 500 Keramiken und Fayencen sowie 500 Gläser aus ihrer Sammlung in Schloss Favorite bei Rastatt ausgestellt.
In die Ausstellung integriert und erstmals gezeigt werden auch die für „Favorite“ zurückerworbenen, zum ursprünglichen Bestand gehörenden Meissner Porzellane aus der Frühzeit der Produktion. Der Ankauf der in der Versteigerung der markgräflichen Sammlungen 1995 in Baden-Baden erworbenen hundert erlesenen Objekte konnte die Zerstreuung einer in der internationalen „Porzellanwelt“ einmaligen Sammlung verhindern. Er wurde zum Anlass dieser in Absprache mit der Denkmalspflege vorgenommenen, überaus sorgsamen Modernisierung der in den Siebzigerjahren eingerichteten Ausstellung, die sich durch Klarheit und betonte Schlichtheit in der Raumgestaltung auszeichnet.
Einzigartige Objekte
Da das ursprüngliche Mobiliar der oberen Räume nicht mehr vorhanden ist, gab es viel Platz für die in Gruppen zusammengefassten und in schlichten Vitrinen präsentierten Sammlungsstücke, die in den nach der Parkseite ausgerichteten „Monatszimmern“ (ehemaligen Hofdamen- und Empfangsräumen) zu bewundern sind.
Beim (geführten!) Gang durch die Ausstellung wird das Augenmerk des Besuchers immer wieder auf die Schwerpunkte gelenkt, zu denen die blau-weißen chinesischen Porzellane zählen, die Sibylla Augusta um erlesene Kangxi-Porzellane zu bereichern verstand. Der Grundstock des Ganzen wurde von der jungen Markgräfin bereits in ihrer böhmischen Heimat gelegt. Doch stellen die in „Favorite“ gezeigten Kunstkammer-Stücke nur einen kleinen Teil der Kostbarkeiten vor, deren glanzvollste Exponate im Badischen Landesmuseum Karlsruhe aufbewahrt werden.
Unter den 33 ausgestellten Vasen, Platten, Tellern, Ziergefäßen aller Art, die unter Johann Friedrich Böttger angefertigt wurden, sind einzigartige Objekte aus der allerersten Meissner-Produktion zu sehen. Dank der Rückkäufe können nun auch die Steinzeuge mit schwarz lustrierenden Glasuren besichtigt werden.
Beim Rundgang durchs „Porzellanschlösschen“ sollte der Besucher sich nicht auf die Neupräsentation im zweiten Geschoss beschränken, sondern auch die Sala terrena und die einzigartig ausgestatteten Prunkräume der Fürstin und ihres Sohnes anschauen. Die für die barocken Maskeraden und Kostümfeste für die markgräfliche Familie angefertigten aufwendigen Kleidungsstücke geben eine Ahnung von dem zeittypischen Repräsentationsbedürfnis, der Lust an Verkleidung und Selbstdarstellung.
Sibylla Augusta von Baden-Baden: Wer war sie? Die 1675 in Ratzeburg geborene Tochter Herzog Julius Franz von Sachsen-Lauenburgs und Maria Augusta von Rhein-Sulzbachs, die damals wegen ihres vom Großvater ererbten großen Vermögens als eine der begehrtesten Heiratskandidatinnen galt, wurde mit 15 Jahren 1690 die Gattin Ludwig Wilhelms von Baden, des „Türkenlouis“, als der er in die Geschichte einging.
Dem jungen Paar war kein allzu ruhiges Leben vergönnt, die Aufenthaltsorte wechselten ständig. Von den acht nach 1690 geborenen Kindern konnten nur zwei die frühen Kinderjahre überleben. Das neunte, Sohn August Georg, kam 1706 in der ein Jahr zuvor fertig gestellten Rastatter Residenz zur Welt. 1707 starb der Markgraf, und Sibylla Augusta musste die Regentschaft übernehmen. Im gleichen Jahr wurden Stadt und Schloss von den Franzosen erobert und niedergebrannt; doch die kostbare Ausstattung und die Sammlungen waren rechtzeitig ausgelagert und gerettet worden.
Um den schnellen Wiederaufbau des heruntergekommenen Landes zu ermöglichen, beauftragte die Regentin den böhmischen Architekten Michael Rohrer 1710 unter anderem mit dem Bau der Sommerresidenz Favorite, dem Rathaus in Rastatt, der Eremitage im „Favorite“-Park und der Schlosskirche Heilig Kreuz. 1727 übergab die Landesmutter, Bauherrin und Sammlerin ihrem 21-jährigen Sohn die Regentschaft und zog sich auf ihren Witwensitz in Ettlingen zurück, wo sie 1733 starb. Britta Steiner-Rinneberg


Führungen durch das Porzellanschloss mit Glas und Porzellansammlung der Markgräfin bis 15. November, dienstags bis sonntags 9 bis 17 Uhr, Gruppen mit Voranmeldung. Danach ist das Schloss bis Ende Februar geschlossen. Prospekte und Auskünfte: Telefon: 0 72 22/4 12 07.
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