ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Disease Management: Programme auf Sand gebaut

POLITIK

Disease Management: Programme auf Sand gebaut

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2769 / B-2360 / C-2215

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die Ersatzkassen halten ihre Disease-Management-Programme für unbezahlbar, wenn sie dafür kein zusätzliches Geld aus dem Risiko­struk­tur­aus­gleich bekommen.

Nein. Herbert Rebscher wollte sich nicht damit abfinden, dass das Grundlastmodell – es hätte Geld von den Betriebskrankenkassen zu den Ersatzkassen transferiert – vom Tisch ist. Einen Tag nachdem die Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion am 16. Oktober entschieden hatte, den Änderungsantrag zur anstehenden Reform des
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt sieht in DMP eine wirksame finanzielle Entlastung der Kassen. Foto: Georg J. Lopata
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt sieht in DMP eine wirksame finanzielle Entlastung der Kassen. Foto: Georg J. Lopata
Risiko­struk­tur­aus­gleichs (RSA) zurückzuziehen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Ersatzkassenverbände VdAK/AEK in Berlin: „Das Grundlastmodell ist erst dann gestorben, wenn es nicht im Gesetz steht.“ Stichtag sei der 7. November. Bis dahin habe man noch Zeit, die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin – Ulla Schmidt (SPD) saß zu diesem Zeitpunkt neben ihm – zu überzeugen.
Die SPD-Gesundheitspolitiker hatten vorgeschlagen, ein Grundlastmodell in den RSA einzuführen. Dieses zielte darauf ab, dass die Zuschüsse aus dem RSA mit den tatsächlichen Leistungsausgaben verglichen werden und die Differenz zurück in den Ausgleichstopf fließt. Die Überweisungen aus dem RSA besonders an einige Betriebskrankenkassen hätten sich so um etwa 800 Millionen DM jährlich reduziert. Das Geld wäre vor allem den Ersatzkassen zugute gekommen, die folglich vehement für die Idee streiten. „Wenn das Grundlastmodell nicht kommt, sind alle Pläne zum Disease Management auf Sand gebaut“, sagt Rebscher. Ohne eine kurzfristige Korrektur der Verzerrungen im Kassenwettbewerb fehle den Ersatzkassen das Geld, um Disease-Management-Programme (DMP) überhaupt starten zu können.
Zur Erinnerung: Die stärkere Förderung des Disease Managements zur besseren Versorgung chronisch Kranker ist ein wesentlicher Bestandteil der RSA-Reform, die sich derzeit im parlamentarischen Verfahren befindet. Den entscheidenden Impuls zur Förderung der DMP gab ein Gutachten von Prof. Dr. Karl Lauterbach und Prof. Dr. Eberhard Wille, das unter anderem vorschlägt, durch Ausgleichszahlungen aus dem RSA diejenigen Kassen finanziell zu belohnen, deren chronisch kranke Versicherte sich in DMP einschreiben. Die wissenschaftliche Basis dieses Gutachtens ist allerdings durchaus zu hinterfragen. Gerade wenn es darum geht, Belege für die Kosten senkende Wirkung von DMP zu liefern, bleiben Lauterbach und Wille auffallend verschwommen.
Obwohl Rebscher DMP ohne Grundlastmodell im RSA für nicht finanzierbar hält, präsentierte er die Überlegungen der Ersatzkassenverbände zu DMP-Einführungsstrategien und erste Projektansätze bei den Ersatzkassen. Als Unterstützung für die Entwicklung eigener DMP hatten die Ersatzkassen ein Gutachten bei eben jenem Prof. Lauterbach in Auftrag gegeben, welches die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zur Implemetierung von DMP wissenschaftlich untersucht.
Lauterbach betonte, dass DMP darauf abzielen müssten, gleichzeitig Über-, Unter- und Fehlversorgung abzubauen. Defizite der Regelversorgung könnten sonst nicht beseitigt werden, die Versorgung würde teurer und das Ziel der Versorgungsoptimierung verfehlt. Hierzu sollten die wichtigsten Versorgungsziele einheitlich und gemeinsam von den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen definiert werden. Die Spitzenverbände der Kassen sollten auch gemeinsam Standards zur Erreichung der Versorgungsziele festlegen. Dazu sollten drei bis vier evidenzbasierte Leitlinien pro Krankheit verbindlich ausgewählt werden. Auf Grundlage der ausgewählten Leitlinien sollten für jede Krankheit bestimmte Versorgungsparameter und Zielwerte festgelegt werden – zum Beispiel Laborwerte oder Blutdruckwerte –, die es ermöglichten, die Prozess- und Ergebnisqualität der DMP zu dokumentieren und zu messen, um so ein Benchmarking für DMP zu ermöglichen.
Rebscher betonte, die Ersatzkassen hätten bereits in der Vergangenheit zahlreiche Programme zur besseren Versorgung chronisch Kranker durchgeführt. Um neue Programme auflegen zu können, sei es unumgänglich, dass der Gesetzgeber die Fehlsubventionierung im heutigen RSA beende und aktiv für Solidarität eintrete. Ministerin Schmidt konterte: „Durch die Verknüpfung mit dem RSA führen die Disease-Management-Programme bereits kurzfristig zu einer finanziellen Entlastung der Krankenkassen, zu deren Versicherten chronisch kranke Menschen gehören.“ Jens Flintrop
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