ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Katastrophenmedizin: „Wir müssen uns schnell auf eine neue Lage einstellen“

POLITIK

Katastrophenmedizin: „Wir müssen uns schnell auf eine neue Lage einstellen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2770 / B-2361 / C-2215

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Dr. Friedhelm Bartels, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin Foto: privat
Dr. Friedhelm Bartels, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin
Foto: privat
Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft
für Katastrophenmedizin, Dr. Friedhelm Bartels

Nach dem Fall der Mauer und mit dem Ende des Kalten Krieges wurde nicht nur der Verteidigungshaushalt, sondern auch der Zivilschutz zurückgefahren: Der Regierungsbunker im Ahrtal wurde geschlossen, die Förderung des zivilen Schutzbunkerbaus lief aus. Das Bundesamt für Zivilschutz wurde im Dezember 1999 aufgelöst, seine Kompetenzen gingen an das Bundesverwaltungsamt über. Die Ausbildung von Ärzten in Katastrophenmedizin wurde gestrafft. Die Akademie für zivile Verteidigung, die Katastrophenschutzschule des Bundes und die Bundesschule des Bundesverbandes für den Selbstschutz wurden 1997 zur Akademie für Notfallplanung und Zivilschutz mit Sitz in Bad Neuenahr-Ahrweiler zusammengefasst. Außer einem Reaktorunfall schien ein Flugzeugabsturz auf bewohntes Gebiet oder ein Zugunglück wie in Eschede der größtmögliche Unfall. Gerade in Eschede hatte die deutsche Notfallversorgung jedoch ihre Stärken gezeigt. Ein Grund zum Zurücklehnen? Spätestens der Sarin-Anschlag der AUM-Sekte in Tokio verdeutlichte, dass die friedvolle und „heile“ Welt schnell zur Illusion werden kann. Der Anschlag vom 11. September und die Anthrax-Fälle in den USA zeigen nach Ansicht von Dr. med. Friedhelm Bartels, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM), dass die Sicherheitslage zu optimistisch eingeschätzt wurde. Er fordert eine neue Konzeption in der Notfallvorsorge für Großschadensereignisse und Katastrophen.


Training für den Ernstfall: Am 22. September probten 1 200 Einsatzkräfte ein Atomunglück am Kraftwerk Biblis. Foto: dpa
Training für den Ernstfall: Am 22. September probten 1 200 Einsatzkräfte ein Atomunglück am Kraftwerk Biblis. Foto: dpa
DÄ: Wie schätzen Sie die realistischen Möglichkeiten des Gesundheitswesens hierzulande ein, mit den Folgen eines schwerwiegenden terroristischen Anschlags zurechtzukommen?
Bartels: „Diese Frage muss differenziert betrachtet werden. Rettungsdienste, Feuerwehren, Katastrophenschutz sind gut vorbereitet, wenn es um größere Schadensereignisse, auch mit einem so genannten Massenanfall von Verletzten, geht. Ich spreche hier von Größenordnungen, die jedoch weit unter 1 000 Verletzten oder Erkrankten liegen. Wir bekämen derzeit ganz sicherlich Probleme bei der Rettung und Erstversorgung sowie bei der klinischen Weiterversorgung, wenn wir Schadensszenarien unterstellen, die von mehreren Tausend Verletzten oder Erkrankten ausgehen und die vielleicht eine Teilzerstörung von Infrastrukturen, unter anderem der Gefahrenabwehr selbst, beinhalten. Ganz sicher würde uns derzeit ein „erfolgreicher“ Terroranschlag mit B- oder C-Kampfstoffen in Ballungszentren vor gravierende Probleme stellen.
Stichworte für diese Probleme sind unter anderem die unzureichende Verknüpfung von Rettungsdiensten, Katastrophenschutz und Öffentlichem Gesundheitsdienst, die defizitären Vorbereitungen auf einen Bio-Hazard sowie auch vielfach fehlende Evakuierungspläne für sehr viele Menschen in und aus Ballungsräumen.“
DÄ: Sind die Kliniken auf die Bewältigung von Katastrophen ausreichend vorbereitet?
Bartels: „Notfallpläne und interne Katastrophenschutzpläne gibt es nicht in allen Kliniken und Krankenhäusern. Und ein großer Teil der existierenden Pläne wurde in der Vergangenheit weder fortgeschrieben noch den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Auch entsprechend Beauftragte hierfür sind benannt. Das Problem ist, dass wir uns schnell auf mögliche neue Lagen einstellen müssen. Dies setzt eine umfassende Überarbeitung und Aktualisierung dieser Pläne voraus. Gleiches gilt für die Anlage von Impf- und Medikamentendepots in Deutschland.
Weiterhin ist durch Neuordnung der Krankenhausfinanzierung und die Einführung von DRG’s alles darauf orientiert, Gewinne zu erzielen oder auch die GKV zu entlasten. Damit fehlen Bettenkapazitäten für eine katastrophenmedizinische Versorgung der Bevölkerung, weil deren Vorhaltung in diesem System nicht budgetiert werden kann.“
DÄ: Welche Maßnahmen zur Aufklärung der Bevölkerung würden Sie empfehlen?
Bartels: „Die Bevölkerung sollte grundsätzlich sehr sachlich und leicht verständlich über tatsächliche Bedrohungen und Gefahren aufgeklärt und darüber informiert werden, wie sie sich im Fall der Fälle selbst schützen und selbst helfen kann, bis die organisierte Hilfe zur Stelle ist. Darüber hinaus sorgt Klarheit in den Aussagen immer für mehr Sicherheit als vage Aussagen und ständig korrigierte Vermutungen. Nur mit klaren Aussagen und klaren Verhaltenshinweisen, die natürlich rechtzeitig gegeben werden müssen, lässt sich Panik und Hysterie bekämpfen.“
DÄ: Welche Maßnahmen zum Selbstschutz in der Bevölkerung wären Ihrer Meinung nach sinnvoll?
Bartels: „Natürlich sind gewisse Selbstschutzmaßnahmen der Bevölkerung sinnvoll, und zwar gegen alle möglichen Gefahren, wie beispielsweise Naturkatastrophen oder aber den längeren Ausfall von wichtigen Versorgungsinfrastrukturen. Die Auflösung des Bundesverbandes für den Selbstschutz hat die DGKM daher in der ersten Hälfte der 90er-Jahre strikt kritisiert.
Die Zentralstelle für Zivilschutz hat in diesem Zusammenhang eine sehr nützliche Broschüre: ,Für den Notfall vorgesorgt‘ herausgebracht, die mit genauen Angaben für eigene Maßnahmen sowie mit Checklisten sehr gute Anhaltspunkte für den Bürger gibt, wie und womit er sich vorbereiten kann. Diese Broschüre kann übrigens kostenlos angefordert werden beim Bundesverwaltungsamt, Deutschherrenstraße 93, 53177 Bonn.“
DÄ: Welche Rolle spielt die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin? Welche konkreten Hilfen bietet sie an?
Bartels: „Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin diskutiert diese Themen schon lange in Form von Workshops, Konferenzen und Publikationen. Leider in der Vergangenheit mit wenig Resonanz, sowohl aus der Ärzteschaft als auch aus der politischen Administration.
Wir könnten sofort medizinische Fachberater für die Politik beziehungsweise für die Bundes- und auch für die Länder-Administrationen benennen, um Politik, Verwaltung und auch den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Fragen der katastrophenmedizinischen Organisation zu beraten. Darüber hinaus haben wir soeben einen neuen erweiterten Leitfaden zur Katastrophenmedizin gemeinsam mit dem Bund herausgegeben, der Ärzte und Interessierten eine gute Hilfestellung sein kann.“
DÄ: Wie sehen Sie den Fortbildungsbedarf der Ärzte?
Bartels: „Diese Problematik ist nicht von heute auf morgen zu lösen. Einerseits müssen katastrophenmedizinische Themen in die Curricula der Ärzteaus- und -fortbildung überhaupt beziehungsweise verstärkt aufgenommen werden. Dies kann dauern. Andererseits sollte man für diese Thematik, die hoffentlich kaum für jede Stadt und jeden Kreis tatsächlich zum Problem wird, so genannte Kompetenzzentren für die ABC-Problematik schaffen. Diese Kompetenzzentren müssten vor allem in Ballungsgebieten mit den bekanntermaßen hohen Verletzlichkeiten und den hohen Gefährdungsrisiken angesiedelt sein.“
DÄ: Welche Rolle könnten Berufsvertretungen der Ärzte haben?
Bartels: „Die Berufsverbände und Vertretungen der Ärzteschaft haben meiner Meinung nach die Pflicht, über ihre vom Fach her mögliche spezielle Fortbildungsangebote nachzudenken, diese zu konzipieren und anzubieten. Die Palette kann vom speziellen Trauma-Management bei den Chirurgen, über das Seuchen-Management bei den Epidemiologen und Immunologen bis hin zur Panik-Prophylaxe und Panikbekämpfung bei klinischen Psychologen und Psychiatern gehen.“
DÄ: Sie haben öffentlich angesprochen, dass Sie eine Änderung des Grundgesetzes für notwendig erachten? In welcher Hinsicht?
Bartels: „Eine Grundgesetzänderung muss sorgfältig erwogen und diskutiert werden. Ich bin der Auffassung, dass Bund und Länder, die unterschiedliche Zuständigkeiten in der Gefahrenabwehr besitzen, in einigen Punkten enger zusammenrücken müssen. Bislang ist der Bund nur im Verteidigungsfall für den Schutz der Zivilbevölkerung zuständig, während die Länder für den friedenszeitlichen Katastrophenschutz verantwortlich zeichnen. Ich bin der Überzeugung, dass es Schadenslagen gibt, die – unabhängig von ihrer Zuordnung – zumindest in einer Mitverantwortung des Bundes koordiniert und bewältigt werden müssen. Bund und Länder sollten sich auf ein gemeinsames Koordinierungszentrum für Großgefahrenlagen verständigen und auch den europäischen Blickwinkel bei bestimmten Großgefahren nicht aus den Augen lassen. Ob unsere derzeitige Verfassungslage gemäß Artikel 73. 1 Grundgesetz dafür ausreicht, bezweifle ich. Daher bin ich der Ansicht, dass eine übergeordnete Behörde – analog der FEMA in den USA – beim Bund einzurichten ist.“
DÄ: Das Zivilschutzgesetz (ZSG) sieht die Zusammenarbeit einer Reihe von Institutionen im Katastrophenfall vor. Ist hier nicht im Ernstfall ein Durcheinander der Kompetenzen programmiert?
Bartels: „Der deutsche Zivil- und Katastrophenschutz wird seit jeher als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern, Kreisen, Kommunen und den verschiedenen Hilfeleistungsorganisationen verstanden und insgesamt subsidiär wahrgenommen. Das ist gut so, denn in der Vielfalt liegt auch ungeheures kreatives Potenzial. Aber wir benötigen eine insgesamt straffere Koordinierung dieser Vielfalt. Bei kleineren Ereignissen funktioniert dies sehr gut. Bei möglichen Großgefahrenlagen und tatsächlichen Katastrophen habe ich meine berechtigten Zweifel.“
DÄ: Wie beurteilen Sie die Rolle des Bundesverwaltungsamtes nach Übertragung des Bundesamtes für Zivilschutz?
Bartels: „Die Auflösung des Bundesamtes für Zivilschutz habe ich immer für einen Fehler gehalten. Nun muss man sehen, ob die Zentralstelle für Zivilschutz im Bundesverwaltungsamt diesen neuen Herausforderungen gerecht werden kann. Deutschland benötigt meiner Meinung nach eine gut ausgestattete Bundesoberbehörde für ein umfassendes Gefahrenmanagement. Hieran angeschlossen sollte auch das Koordinierungszentrum von Bund und Ländern sein. Darüber hinaus ist ein weiterer Ausbau der Akademie für Notfallplanung und Zivilschutz in Bad Neuenahr-Ahrweiler zu einem aus- und fortbildungsspezifischen Kompetenzzentrum erforderlich.“
DÄ: Wie beurteilen Sie die Pläne der Bundesregierung vom vergangenen Wochenende, Zivil- und Katastrophenschutz durch ein satellitengestütztes Schnellwarnsystem zu verbessern?
Bartels: „Das ist zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung! Zwei Dinge müssen jedoch unbedingt noch berücksichtigt werden, wenn wir von einem wirklich effektiven Warnsystem sprechen wollen. Erstens muss gewährleistet sein, dass ich tatsächlich die Mehrheit der Bevölkerung erreiche – auch die Bürger, die nicht vor einem TV- oder Rundfunkgerät sitzen. Zweitens: Die Bürger müssen bei einer Warnung auch unmittelbar wissen, wie sie sich verhalten sollen und was zu tun ist. Hier besteht meiner Meinung nach noch dringlicher Handlungsbedarf.“
DÄ: Welche Maßnahmen auf EU-Ebene halten Sie für sinnvoll? Brauchen wir eine europäische Centers of Disease Control and Prevention?
Bartels: „Die EU spielt eine immer größere Rolle in unserem Leben, weshalb man gerade bei Themen der Sicherheit und des Katastrophenmanagements nicht an der EU vorbeigehen darf. In Europa müssen Algorithmen und Guidelines für ein vergleichbares, jedoch nicht zwingend einheitliches Katastrophenmanagement entwickelt werden. Es kann zu Ereignissen kommen, bei denen grenzüberschreitende Zusammenarbeit notwendig wird. Da helfen dann diese Guidelines. Des Weiteren kann ich mir vorstellen, dass innerhalb der EU spezielle Task-Forces, zum Beispiel für ABC-Bedrohungslagen, aufgebaut und vorgehalten werden, da vielleicht nicht jedes Land eine eigene hoch spezialisierte und mit Hightech ausgerüstete Einsatzgruppe vorhalten kann. Auch ein EU-weites Informationszentrum, das auch Koordinierungsaufgaben bei Staaten übergreifenden Ereignissen übernehmen kann, halte ich für sinnvoll.“
Die Fragen stellte Rüdiger Meyer.
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