ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Biologische Waffen: Konsequenzen aus der Vergangenheit

POLITIK

Biologische Waffen: Konsequenzen aus der Vergangenheit

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2772 / B-2362 / C-2216

RM

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LNSLNS Wie die USA schon vor Jahren auf kriminelle und
terroristische Anschläge reagiert haben

Anschläge mit biologischen Waffen sind in den USA keineswegs neu. Wie Stabsarzt Markus Stemmler von der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München auf einer Tagung der Akademie für Notfallplanung und Zivilschutz bereits im Mai ausführte, wurden dort zwischen 1960 und 1999 insgesamt 66 kriminelle und 55 terroristische Aktivitäten eingeleitet, die jedoch in den meisten Fällen scheiterten. Acht kriminelle Angriffe hatten 31 Erkrankungen und 29 Todesfälle zur Folge. Bei einem terroristischen Angriff im Jahr 1984 kontaminierte die Rajneeshee-Sekte in Oregon ein Salatbuffet mit Salmonella typhimurim, woraufhin 300 Menschen an einer Enteritis erkrankten.
Entsprechend intensiv haben sich US-Behörden in der Vergangenheit mit der Abwehr derartiger Attacken beschäftigt. Wie George Christopher vom US-Army Medical Center in Landstuhl erklärte, wurde dabei auch das Szenarium eines Angriffes ohne Vorankündigung und ohne Bekennerschaft eingebezogen. Neben Aktivitäten bei der Ausbildung und Initiativen zur Bevorratung von Medikamenten und Impfstoffen wurden auch verschiedene Frühwarnsysteme geplant und zum Teil realisiert.
Für die Überwachung der Umwelt steht ein „Portal Shield“ genanntes Überwachungsgerät zur Verfügung, das die Schwebstoff-Konzentration in der Außenluft misst. Bei Überschreiten eines Schwellenwertes wird mittels PCR oder ELISA nach möglichen Erregern gesucht. Dieses Gerät kam (ohne Alarm) während des NATO-Gipfels 1999 in Washington zum Einsatz.
Das New York Office of Emergency Management hat 1997 ein epidemiologisches Notfallsystem eingeführt. Dort werden täglich die Anrufe der Notfallnummer „911“ ausgewertet, in ausgewählten Kliniken wird die Zahl der Notfallaufnahmen analysiert, um möglichst früh Hinweise auf eine Epidemie infolge eines terroristischen Anschlags zu registrieren. Erfasst werden auch die Zahl der Obduktionen und der Influenzafälle in Pflegeheimen.
Der gesteigerten Aufmerksamkeit der Behörden ist es zu verdanken, dass eine Epidemie von Virus-Enzephalitiden im Sommer 1999 frühzeitig entdeckt wurde. Es dauerte jedoch einige Monate, bis der Erreger, das West-Nil-Fieber, identifiziert wurde. Ein terroristischer Anschlag wurde zunächst nicht ausgeschlossen. Die Beunruhigung in der Bevölkerung war deshalb groß.
Auch andere Erfahrungen zeigen, dass die Bürokratie der Katastrophenmedizin nicht gegen Überreaktionen gefeit ist. Dies gilt insbesondere für angekündigte Attacken. So reichte 1997 ein verdächtiges Päckchen in der Poststelle eines Unternehmens aus, um Katastrophenalarm auszulösen. Das Päckchen enthielt eine Petrischale mit der Aufschrift „Pest“. Polizei und Feuerwehr sperrten damals mehrere Häuserblöcke ab, und die Bewohner mussten sich einer Dekontamination unterziehen.
Keine dieser Maßnahmen war medizinisch gesehen notwendig, denn selbst wenn das Nährmedium Yersinia pestis enthalten hätte, wären die Erreger nicht spontan in die Luft abgegeben worden, sodass auch kein Risiko einer Inhalation bestanden hätte. Wie Christopher berichtete, haben die Scheinangriffe in den letzten Jahren zugenommen. Zwischen 1998 und 2000 wurden in den USA insgesamt 400 so genannter Bio-Hoaxes registriert. RM
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