ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Arzneiverordnungen: Kein Beifall für die Budgetablösung

POLITIK

Arzneiverordnungen: Kein Beifall für die Budgetablösung

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2774 / B-2363 / C-2217

Flintrop, Jens

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LNSLNS Ärzteschaft und Pharmaindustrie führen die gestiegenen
Arzneimittelausgaben auf eine bessere Arzneitherapie zurück, die Herausgeber des „Arzneiverordnungs-Reports“ nicht.

Obwohl der „Arzneiverordnungs-Report“ (AVR) 2001 die Arzneimittelausgaben des Jahres 2000 analysiert, standen bei seiner Präsentation am 18. Oktober in Berlin die Arzneimittelausgaben im ersten Halbjahr 2001 im Mittelpunkt. Zwei Tage vor der Zustimmung des Bundestages zum „Arzneimittelbudget-Ablösungsgesetz“ (ABAG), machten die AVR-Herausgeber Ulla Schmidts Ankündigung, eben jenes Gesetz auf den Weg zu bringen, für die stark gestiegenen Arzneimittelausgaben verantwortlich.
Prof. Dr. Ulrich Schwabe und Dr. Dieter Paffrath, die für den AVR verantwortlich zeichnen, betonten, dass sich die Budgets in der Arzneimittelversorgung bewährt hätten. Aus guten Gründen hätten die Koalitionsfraktionen noch im Februar einen Gesetzesantrag der FDP zur Abschaffung des Arzneimittelbudgets abgelehnt. „Dann geschah aber etwas völlig Unerwartetes“, sagte Schwabe. Nur drei Wochen später habe die neue Ministerin die Ablösung der Arzneimittelbudgets angekündigt und dadurch ohne erkennbaren Anlass eine „massive Kostenlawine“ losgetreten. Paffrath: „Wenn allein die Ankündigung, dieses Instrument abschaffen zu wollen, im ersten Halbjahr 2001 zu einer Steigerung der Arzneimittelausgaben in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung um 10,8 Prozent führt, dann hätte dies für eine lernfähige Politik ein Signal sein können, von der Umsetzung dieser Absicht abzusehen.“ Stattdessen werde nun versucht, die Ausgabensteigerungen mit anderen Instrumenten zu kompensieren.
Von diesen anderen Instrumenten halten Paffrath/Schwabe wenig: Addiere man dessen „harte“ Sparpotenziale (Apothekenrabatt, Preisabschlag), ergäbe das eine Summe von rund einer Milliarde DM. Die anderen Einsparvolumina (Aut-idem-Regelung, Arzneimittel-Empfehlung, Bundes­aus­schuss) seien verhaltensabhängig und damit unsicher. Rechne man aber die Ausgabensteigerung des ersten Halbjahres auf das ganze Jahr hoch, beliefen sich die Arzneimittelausgaben auf 41,8 Milliarden DM: 4,1 Milliarden DM mehr als im Vorjahr. Die Kassen blieben auf drei Milliarden DM Mehrausgaben sitzen.
Gute Noten für die Ärzte
Dr. med. Jürgen Bausch, Arzneimittelexperte und früheres Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, führte den Ausgabenanstieg bei den Arzneimitteln auf eine bessere Versorgung der Patienten mit innovativen Arzneimitteln zurück. Bausch: „Wir holen in diesem Jahr das nach, was im Ausland mit vergleichbarem Standard der Versorgung der Bürger im Vorjahr schon vorweggenommen wurde.“ Bausch betonte, dass das ABAG nicht die Budgets abschaffe, sondern den Kollektivregress, und „das ist auch richtig so“. Der Arneiverordnungs-Report 2001 stelle den Ärzten ein hervorragendes Zeugnis aus: „So gute Noten haben wir noch nie bekommen.“
Die Herausgeber des Reports berechneten für das Jahr 2000 Einsparpotenziale in Höhe von 8,1 Milliarden DM, das sind 21,4 Prozent der Arzneimittelkosten in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung: Bei den Generika könnten über die bereits im Jahr 2000 eingesparten 4,6 Milliarden DM hinaus weitere drei Milliarden DM eingespart werden, wenn nicht nur Orginalpräparate durch Generika ersetzt, sondern auch das jeweils preisgünstigste Präparat eingesetzt würde. Die Substitution teurer Analogpräparate (Me-too-Präparate) durch pharmakologisch-therapeutisch vergleichbare Wirkstoffe böte Einsparmöglichkeiten in Höhe von 2,4 Milliarden DM. Bei der Gruppe der umstrittenen Arzneimittel könnten durch Substitution weitere 2,7 Milliarden DM eingespart werden.
„Die im Arzneiverordnungs-Report 2001 aufgeführten Einsparmöglichkeiten bei innovativen Arzneimitteln stammen aus dem Reich der Theorie“, kommentierte Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller, den Report. Yzer sagte, beim „jährlichen Einspar-Lotteriespiel“ des Reports werde der therapeutische und ökonomische Wert von Innovationen „geflissentlich“ übersehen.
Ulla Schmidt verwies am 18. Oktober auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Vertretern der Gmünder Ersatzkasse darauf, dass es bereits im vierten Quartal 2000 – also weit vor ihrer Amtszeit – nahezu zweistellige Zuwachsraten im Arzneimittelsektor gegeben habe. Unterstützung erhielt die Ministerin von Prof. Dr. Gerd Glaeske, der die Arzneiverordnungen der Kasse auswertet und die Ergebnisse präsentierte: Nach Glaeskes Darstellung sind nicht die Änderungen der politischen Rahmenbedingungen für die Ausgabensteigerungen verantwortlich, sondern die erhebliche Zunahme der Verordnung neuer Arzneimittel. Einige dieser neuen und relativ teuren Arzneimittel seien keine wirklichen Innovationen. Vielmehr könne von „imitierten Innovationen“ gesprochen werden. Problem sei, dass es keine von Herstellern-, Krankenkassen- und Ärzteinteressen unabhängige Informationsmöglichkeiten gäbe. Die jetzt im Ablösungsgesetz vorgesehene Bewertung durch den Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen schaffe hier keine Abhilfe. Der Bundes­aus­schuss sei eine „Ansammlung von Lobbyisten“; ein unabhängiges Urteil zu Innovationen könne von diesem Gremium nicht erwartet werden. Glaeske, bisher für die Barmer tätig, war einige Zeit für die Krankenkassen Mitglied im Bundes­aus­schuss. Jens Flintrop
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