ArchivDeutsches Ärzteblatt43/200154. Bayerischer Ärztetag: „Wir Ärzte müssen Druck machen!“

POLITIK

54. Bayerischer Ärztetag: „Wir Ärzte müssen Druck machen!“

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2776 / B-2381 / C-2213

Schmidt, Klaus

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54. Bayerischer Ärztetag in der Stadthalle Deggendorf/Niederbayern: Eröffnungsveranstaltung mit dem Bayerischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter. Fotos: Bayerisches Ärzteblatt
54. Bayerischer Ärztetag in der Stadthalle Deggendorf/Niederbayern: Eröffnungsveranstaltung mit dem Bayerischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter.
Fotos: Bayerisches Ärzteblatt
Ärztlichen Sachverstand einbringen

Der Umsteuerungsprozess im Gesundheitswesen verlange einen langen Atem und Augenmaß, betonte der Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer (BLÄK), Dr. med. H. Hellmut Koch, bei der Eröffnung des 54. Bayerischen Ärztetags in Deggendorf. Diese Eigenschaften vermisst er nicht nur bei den „hektischen Aktivitäten“ der amtierenden Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin. Regierung und Opposition überträfen sich mit Vorschlägen, die oftmals fernab jeglicher Realität seien – „fernab der Patientenrealität und fernab der Realität unseres ärztlichen Handelns“.
Mit den Folgen dieser Politik haben die Ärztinnen und Ärzte, gemeinsam mit den anderen Heilberufen, und den Patientinnen und Patienten zu kämpfen, betonte Koch. Er nannte den Personalmangel in Krankenhäusern, Leistungskürzungen und Beitragssatzsteigerungen der Krankenkassen und zusätzliche Belastungen für kranke Menschen ebenso wie Honorareinbußen bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten.
Niederbayerisches Ärzteorchester
Niederbayerisches Ärzteorchester
Die Ärzte könnten nicht weiterhin alles hinnehmen wie bisher: „Viel zu lange haben wir dabei – teils aus ethischen Gründen, teils aufgrund schlechter Beratung – mehr oder weniger stillschweigend mitgemacht.“ So wurden mit der Gesundheitsreform 2000 zwar Weichen gestellt, die auf den ersten Blick gut erscheinen könnten, doch nichts davon sei so umgesetzt worden, dass es den gewünschten Erfolg gebracht habe. Zugenommen habe stattdessen das Dokumentieren, Datensammeln, Reglementieren und Verwalten, im Bereich der niedergelassenen Ärzte ebenso wie im Krankenhaus.
Der Ärztemangel sei inzwischen un-übersehbar, klagte der BLÄK-Präsident. Vakante Stellen im Krankenhaus könnten nicht mehr besetzt werden, ebenso wenig wie Assistenzarztstellen in den Praxen; sogar Vertragsarztsitze verwaisten. Wenn die Ärztinnen und Ärzte an den Ursachen nicht sofort etwas änderten, würden noch weniger Studienabsolventen in der kurativen Medizin tätig werden. Immer mehr junge Kolleginnen und Kollegen trauten sich jetzt, ihre Beschwerden über Mobbing, unzumutbare Arbeitsbedingungen, finanzielle Ausbeutung und mangelnde Weiterbildung zu äußern.
Koch rief alle Ärztinnen und Ärzte, „ob niedergelassen oder im Krankenhaus, ob beamtet oder bei der Bundeswehr, ob in Rente oder als AiP, ob in der Patientenversorgung oder am Schreibtisch tätig“, dazu auf, zu handeln und Druck zu machen. „Wir müssen klar machen, dass Diskussionen in allen Ebenen der Gesundheitspolitik ohne ärztlichen Sachverstand nicht zielführend sind.“ Beispielhaft verwies er auf die Disease-Management-Programme: „Solche neuen innovativen Versorgungsmodelle können nur mit uns Ärztinnen und Ärzten erarbeitet und realisiert werden.“ Eine klare Absage erteilte er auch dem Vorhaben, mit der „Aut idem“-Regelung die Verantwortung der Ärzte bei der Abgabe von Medikamenten abzubauen. „Wir lassen uns von niemandem aus der Vertrauensposition unserer Patientinnen und Patienten verdrängen“, betonte er. Mit Ärzten als Erfüllungsgehilfen oder Dienstleistern der Krankenkassen, die den behandelnden Ärzten im Rahmen von Case-Management vorschreiben wollten, was sie zu tun haben, werde es keine gute Medizin geben.
Der bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Eberhard Sinner (CSU) wies die geplante „Aut idem“-Regelung ebenfalls zurück: „Die Verantwortung für die Arzneimittelverschreibung muss beim Arzt bleiben.“ Er verwies auf das Pilotprojekt einer „Bayerischen Gesundheits-Chipkarte und Kommunikation“, das drei Jahre lang erprobt werden soll. Es geht nach Sinners Worten weit über die Vorstellungen von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt über einen Arzneimittelpass hinaus. Dabei geht es nicht nur um die Medikamentendaten, sondern generell um die Gesundheitsdaten, verbunden mit elektronischem Rezept, elektronischem Arztbrief und Einsatz für die notärztliche Versorgung. Die bayerische Patientenkarte solle eine freiwillige Karte sein, um die Eigenverantwortung des Bürgers für seine Gesundheit zu stärken, erklärte Sinner in Deggendorf. Klaus Schmidt
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