ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Euthanasie im Dritten Reich: „Ich klage an“

POLITIK

Euthanasie im Dritten Reich: „Ich klage an“

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2779 / B-2384 / C-2215

Hibbeler, Birgit

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„Die Schwachen und Kranken zu schützen ist die Würde der Gesunden“, so lautet die Inschrift des Mahnmals in Wehnen. Foto: Afra Cassens-Mews
„Die Schwachen und Kranken zu schützen ist die Würde der Gesunden“, so lautet die Inschrift des Mahnmals in Wehnen.
Foto: Afra Cassens-Mews
Das Menschenbild der Psychiatrie und ihre unwissenschaftlichen Krankheitsbegriffe waren Klaus Dörner zufolge der Nährboden für die Verbrechen an Patienten während der NS-Zeit.

Der Gnadentod für alle nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken – geradezu zynisch klingt diese Formulierung des Ermächtigungsschreibens zur Euthanasie heute. Hitler hatte es auf den 1. September 1939 datiert, den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Symbolhaft beginnt an diesem Tag auch der Krieg gegen das „unwerte Leben“. Die schrecklichen Konsequenzen sind bekannt. In den folgenden Jahren der Nazi-Diktatur kommt es zur planmäßigen Ermordung unzähliger Behinderter und psychisch Kranker in den damaligen „Heil- und Pflegeanstalten“.
Es waren die Angehörigen der Opfer, die sich für die Aufarbeitung der verbrecherischen Taten im Landeskrankenhaus Wehnen bei Bad Zwi-schenahn (Niedersachsen) eingesetzt haben. Jahrzehntelang waren die Geschehnisse in der psychiatrischen Klinik im Dunkeln geblieben. Erst durch eine wissenschaftliche Untersuchung des Historikers Dr. phil. Ingo Harms war es ans Licht gekommen: In Wehnen hat es schätzungsweise 1 300 bis 2 000 Eu- thanasiefälle gegeben. Die Dissertation bezieht sich auf den Zeitraum von 1913 bis 1947 und legt die Annahme nahe, dass eugenisch motiviertes Töten in Wehnen nicht nur während, sondern auch vor und nach der Zeit des Nationalsozialismus stattfand. Dies gelte auch für andere Anstalten. Dem „Gedenkkreis Wehnen – Angehörige von Opfern der NS-Euthanasie“ ist es zu verdanken, dass seit dem 1. September ein Denkmal an die Toten erinnert. Die Sprecherin, Afra Cassens-Mews, sieht darin den Auftrag an alle, nie wieder zuzulassen, dass eigentlich schutz- und hilfsbedürftige kranke und behinderte Menschen als „lebensunwert“ gesehen und behandelt werden.
Zur Enthüllung des Denkmals sprach unter anderem der Hamburger Psychiater, Historiker und Soziologe Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner, Mitbegründer des „Bundes der Eu- thanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten“. Er ging in seiner Rede kritisch mit der Geschichte der Psychiatrie ins Gericht. Schon Ende des 19. Jahrhunderts habe man die lebenslängliche Unterbringung chronisch psychisch Kranker in überfüllten Anstalten zugelassen, die die Würde des Einzelnen existenziell bedroht hätten. Dafür klage er die Psychiatrie und sich selbst als Psychiater an. Ebenso für die um 1900 definierten überwiegend unwissenschaftlichen Krankheitsbegriffe wie Schizophrenie, Degenerationspsychose, Entartung und Psychopathie. Derartige Bezeichnungen seien unter unhaltbaren Anstaltsbedingungen entstanden und mit einer regelmäßig negativen Prognose verknüpft gewesen. Diese Krankheitssicht habe dazu beigetragen, die Tötung solcher Patienten als möglichen Umgang mit ihnen in Betracht zu ziehen und sogar als eine Art „Erlösung“ von ihrem „nutzlosen Vegetieren“ zu sehen. Bereits während des Ersten Weltkrieges seien ungefähr 70 000 Patienten in Anstalten den Hungertod gestorben. Nicht ausreichend widersprochen habe man auch den Forderungen des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche, die schon in den Zwanzigerjahren die Freigabe der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ vorschlugen. Sie setzten sich für die Ermordung ohnehin „geistig Toter“ aus volkswirtschaftlichen Gründen ein. Schließlich klage er die Zwangssterilisation, die Deportation, die Tötung und das gezielte Verhungernlassen von Patienten zu Zeiten der Nazi-Herrschaft an.
Ferner spricht Dörner von einer zweiten Schuld: „Ich klage an, dass wir ab 1945 so getan haben, als sei nichts geschehen.“ Überlebende Opfer und deren Angehörige habe man über Jahrzehnte allein gelassen. Dadurch sei ihnen zusätzliches Leid angetan worden.
Auch mit dem in der heutigen Gentechnik-Debatte vorherrschenden Menschenbild befasst sich die Anklage. Man sei heute wieder damit einverstanden, dass Menschen unter dem Aspekt der Verbesserung, Vermeidung oder Abschaffung infrage gestellt würden, anstatt sie in ihrem Sosein anzunehmen und zu schützen.
Der Blick auf die Geschichte der Psychiatrie zeigt, dass das Bild von psychischer Erkrankung als eine Form defizienten Lebens nicht nur in der Zeit des Nationalsozialismus anzutreffen ist. Die sozialbiologische Deutung der darwinistischen Selektionstheorie hat eine bedeutend längere Tradition und fand zahlreiche Anhänger in wissenschaftlichen Kreisen. Die Parallelen, die sich unter anderem zur Debatte über Präimplantationsdiagnostik ergeben, machen nachdenklich. In erschreckender Weise verdeutlicht der Vergleich, wie nahe sich einige Akteure in der Diskussion mit ihren Positionen an einem ähnlich bedenklichen Menschenbild befinden. Deutlich wird außerdem, wie sehr sich die Öffentlichkeit an diese Standpunkte gewöhnt hat.
Birgit Hibbeler
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