ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Gesundheitszentren: Vom Auslaufmodell zur Alternative

THEMEN DER ZEIT

Gesundheitszentren: Vom Auslaufmodell zur Alternative

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2784 / B-2387 / C-2218

Richter, Eva A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die verbliebenen Polikliniken in Ostdeutschland wehren sich dagegen, nur „Überbleibsel“ der DDR zu sein. Sie arbeiten jetzt unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten
– die ambulant tätigen Ärzte sind jedoch nicht Freiberufler, sondern meist angestellt.

Unter den deutschen Ärzten und Ärztinnen sind sie Ausnahmen: Michaela Werner-Rustner und Dr. med. Konstanze Wiegel vom Berliner Haus der Gesundheit sowie Dr. med. Renate Herzog vom Gesundheitszentrum Potsdam. Die drei Fachärztinnen für Radiologie gehören zu den wenigen Ärzten, die in einer Praxis ambulant tätig und dennoch angestellt sind. Sie arbeiten mit allen fachlichen Freiheiten, müssen sich relativ wenig um Verwaltungsangelegenheiten kümmern und bekommen ein leistungsabhängiges Gehalt. Rechtlich ermöglicht dies der § 311 SGB V, der den ehemaligen Polikliniken der DDR Bestandschutz gewährt. Etwa zwei Prozent der Vertragsärzte in den östlichen Bundesländern sind bei verbliebenen Polikliniken und Fachambulanzen tätig, die jetzt unter privater Trägerschaft stehen.
Im Haus der Gesundheit schlossen sich bereits 1923 Ärzte zum ersten fachübergreifenden Ambulatorium der Stadt Berlin zusammen. Die Reichsärztekammer löste das Haus mit der Begründung der „Verjudung“ auf; die DDR eröffnete es 1948 als erste ambulante Poliklinik wieder.
Im Haus der Gesundheit schlossen sich bereits 1923 Ärzte zum ersten fachübergreifenden Ambulatorium der Stadt Berlin zusammen. Die Reichsärztekammer löste das Haus mit der Begründung der „Verjudung“ auf; die DDR eröffnete es 1948 als erste ambulante Poliklinik wieder.
Die Radiologinnen Werner-Rustner und Wiegel sind bei der „berliner gesundheitszentrum gmbh“ (bgz gmbh) angestellt, die dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin e.V. angehört. Sie arbeiten im Haus der Gesundheit in Berlin Mitte, direkt am Alexanderplatz. Dies ist mit 16 Ärzten unter einem Dach das größte Objekt der bgz gmbh. Werner-Rustner und Wiegel teilen sich hier seit 1999 eine Praxis. Beide kommen aus den westlichen Bundesländern, lernten sich während der Facharztweiterbildung in Berlin-Steglitz kennen. „Da wir beide kleine Kinder haben, ist das Jobsharing für uns optimal“, erzählt Werner-Rustner. „Wir scheuten uns damals davor, uns niederzulassen. Denn gerade in der Radiologie sind die Investitionskosten für eine Praxis sehr hoch.“ Im Haus der Gesundheit können auch Ärzte ohne Eigenkapital eine ambulante Praxis betreiben. „Wir arbeiten wie niedergelassene Ärzte“, erklärt Wiegel „In unseren fachlichen Entscheidungen sind wir frei. Eng arbeiten wir mit den Kollegen im Haus zusammen.“
Die Kooperationsmöglichkeiten in einem Gesundheitszentrum lobt auch Dr. med. Renate Herzog. Die Radiologin arbeitet seit 1992 am Gesundheitszentrum Potsdam. Früher war Herzog in einer Poliklinik in Ost-Berlin tätig – immer als angestellte Ärztin. Als sich nach dem Fall der Mauer viele poliklinische Einrichtungen auflösten, wechselte sie zum Gesundheitszentrum. „Ich fühlte mich zu alt für eine eigene Niederlassung und hatte Angst, mich zu verschulden“, berichtet die Radiologin. „Das Kaufmännische liegt mir gar nicht“, ergänzt sie, „hier fühle ich mich gut aufgehoben.“
Ähnliche Bedenken wie Herzog hatten nach der „Wende“ viele ambulant tätige Ärzte in den östlichen Bundesländern. Sie fühlten sich von der Umstrukturierung des Gesundheitswesens überrollt – dies zeigen auch Leserbriefe an das Deutsche Ärzteblatt aus dieser Zeit. Sie beklagen, dass damals so gut wie gar nicht darüber diskutiert wurde, welche Elemente des DDR-Gesundheitswesens in das gesamtdeutsche hätten integriert werden können. „Wir bekamen das westdeutsche System einfach übergestülpt.“
Die Praxis von Werner-Rustner und Dr. med. Wiegel ist digital auch mit der Radiologie der Charité, Berlin-Mitte, vernetzt. Foto: Georg J. Lopata
Die Praxis von Werner-Rustner und Dr. med. Wiegel ist digital auch mit der Radiologie der Charité, Berlin-Mitte, vernetzt. Foto: Georg J. Lopata
Anzeige
In der DDR gab es fast nur angestellte Ärzte
Tatsächlich bedeutete die „Wende“ einen totalen Einschnitt in das Berufsleben der Ärzte. Ende 1989 waren nahezu alle 20 500 ambulant tätigen Ärzte der DDR in Polikliniken oder anderen
Einrichtungen beschäftigt; lediglich 400 (etwa zwei Prozent) arbeiteten in einer eigenen Praxis. Die waren in der DDR „Auslaufmodelle“. Eltern konnten ihre Praxen nur an ihre Kinder vererben; Neuzulassungen gewährte der Staat nicht. Binnen weniger Jahre änderte sich dann das Gesundheitswesen in Ostdeutschland nahezu komplett: Im Juni 1991 hatten sich bereits 64 Prozent der ambulant tätigen Ärzte in Ostdeutschland niedergelassen; sechs Monate später, im Dezember 1991, 76 Prozent.
Obwohl die Zukunft ungewiss war, widmeten sich die meisten mit viel Enthusiasmus und Engagement den neuen Aufgaben (DÄ, Heft 25/2000). Einige Ärztinnen und Ärzte wären jedoch lieber in den Polikliniken geblieben. Sie fühlten sich in die Niederlassung gedrängt. Denn der Gesetzgeber legte 1990 Folgendes fest: „Die Niederlassung in freier Praxis ist mit dem Ziel zu fördern, dass der freiberuflich tätige Arzt maßgeblicher Träger der ambulanten Versorgung wird.“ Die Polikliniken sollten zunächst „abgewickelt“ werden, zur vertragsärztlichen Versorgung waren sie nur bis zum 31. Dezember 1995 zugelassen. Trotzdem traten 1991 einige Ärztinnen und Ärzte in die modellhaft entstehenden GmbH-Strukturen ein. Erst am 1. Januar 1993 hob das Gesundheitsstrukturgesetz die Befristung für die Gesundheitszentren auf.
Heute existieren die „311er-Einrichtungen“ hauptsächlich in Berlin und Brandenburg. Denn hier erhielten sie Hilfe von der brandenburgischen Landesregierung und vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES). Das Institut begutachtete 1990 die Situation der ambulanten Versorgung in Ostdeutschland und kam zu dem Schluss, dass „der totale Zusammenbruch der Polikliniken verhindert und die Funktionsfähigkeit der Patientenversorgung gesichert werden kann“. Zumindest die Hauptstandorte der Polikliniken könnten als „Orte der Gesundheit“ erhalten werden. IGES entwickelte dazu ein Konzept, das „Brandenburger Modell“, das den ehemaligen Polikliniken die Möglichkeit bot, sich in wirtschaftlich selbst tragende Gesundheitszentren umzustrukturieren. Die Landesregierung Brandenburg unterstützte dieses Programm mit Krediten. Auch das Bundesministerium für Gesundheit förderte zwei Poliklinik-Projekte: das „Brandenburger Modell“ sowie den Zusammenschluss von 13 Gesundheitseinrichtungen Ostberlins zu einem landeseigenen Betrieb, den „Gesundheitlich-Sozialen Zentren Berlin“.*
Die berliner gesundheitszentrum gmbh übernahm 1996 die Polikliniken der „Gesundheitlich-Sozialen Zentren Berlin“. Heute arbeiten 100 Ärzte nahezu aller Fachrichtungen in großen Ärztehäusern oder Einzelpraxen der bgz gmbh, die über alle Ostberliner Bezirke verteilt sind. Viele der 82 Ärztinnen und 18 Ärzte, davon 88 aus den östlichen und zwölf aus den westlichen Bundesländern, sind hausärztlich tätig.
Geführt wird die GmbH – wie für alle Gesundheitszentren vorgeschrieben – von einem ärztlichen Leiter und einem Geschäftsführer. Während der Ärztliche Leiter die medizinischen Fragen regelt, trägt der Geschäftsführer die betriebswirtschaftliche Verantwortung für das Unternehmen mit allen rechtlichen Konsequenzen. Geschäftsführer der bgz gmbh ist Dr. jur. Fritz Hausmann. Er unterzeichnete 1998 mit dem Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung über Tätigkeit, Vergütung und Härtefallausgleich der angestellten Ärzte. Diese erhalten ihr Honorar über ein internes Vergütungssystem, das an den Erfolg ihrer Praxis gekoppelt ist. „Jede Praxis hat eine eigene KV-Nummer“, berichtet Hausmann. Er rechnet jedoch für das gesamte Gesundheitszentrum bei der KV Berlin ab. Die Ärzte zahlen dafür einen prozentualen Anteil, nämlich 4,3 Prozent des Praxisertrags, an die Verwaltung sowie die Betriebskosten, die Miete und die Abschreibung der Geräte.
„Jeder Arzt ist für seinen Bereich wirtschaftlich verantwortlich und haftet auch mit 25 Prozent seines Gehaltes dafür“, erläutert der Geschäftsführer. Entsprechend der Zahl ihrer Berufsjahre erhalten die Ärzte zwischen 5 417 DM und 8 450 DM pro Monat. „Wir zahlen diese volle Vergütung jedoch nur, wenn der Ertrag der Praxis auch dem Gesamtaufwand entspricht, also alle Personal- und Sachkosten gedeckt sind“, berichtet Hausmann weiter. Ist dies nicht der Fall, wird die Leistungsvergütung des Arztes reduziert. Wenn der Arzt nicht für das negative Praxisergebnis verantwortlich ist, erhält er jedoch zumindest 75 Prozent des Gehaltes. Besonderes Engagement wird hingegen belohnt: Übersteigt der Praxisertrag die Aufwendungen, erhält der Arzt bis zu 30 Prozent zusätzlich. „Wir sind eine Probierstube für Ärzte, die testen wollen, ob sie sich niederlassen können“, erläutert Hausmann, „sie müssen sich nicht mit Schulden in das ambulante System einkaufen. Neu angestellten Kollegen garantieren wir ein Jahr lang eine Vergütung von 5 400 DM monatlich – dann muss die Praxis laufen.“
Das Haus der Gesundheit in Berlin-Mitte ist bereits teilweise umgebaut, unter anderem die Praxis von Werner-Rustner und Wiegel. Seit Februar 2001 hat auch eine niedergelassene Orthopädin Praxisräume gemietet: Dr. med. Ramona Schmid. „Zunächst war es nur eine Notlösung, aber inzwischen empfinde ich es als angenehmes Novum, in dem Haus zu arbeiten“, berichtet sie. „Besonders die Zusammenarbeit mit den Kollegen läuft gut. Allerdings lerne ich, mit Zeitdimensionen zu rechnen, die man in der freien Wirtschaft nicht kennt“, kritisiert Schmid. „Die Verwaltungswege sind oftmals lang und zäh.“
In der zentralen Verwaltung sehen die Befürworter der Gesundheitszentren freilich die meisten Vorteile. „Ich bin froh, dass mir der wirtschaftliche Druck erspart bleibt“, meint Dr. med. Renate Herzog vom Gesundheitszentrum Potsdam. Sie könne sich dadurch besser ihren Patienten widmen. „Eine gute Verwaltung übernimmt im Allgemeinen mit viel mehr Kompetenz, als es dem Arzt überhaupt möglich ist, den nichtärztlichen Teil der Praxisführung“, bekräftigt Dr. Hans-Joachim von Essen, Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Potsdam. Er ist von der Wirtschaftlichkeit des Modells überzeugt, baute das Gesundheitszentrum Potsdam hauptsächlich auf. „Ich wollte die kooperative Arbeitsweise aufrechterhalten und der neuen Situation anpassen“, erläutert er. „Wir nutzen Röntgen, EKG, Sonographie und Sterilisation sowie Sanitär-, Warte- und Vortragsräume gemeinsam“, ergänzt Herzog. „Dies schafft nicht nur ökonomische Vorteile, sondern verbindet auch die Kollegen untereinander.“ 100 Mitarbeiter sind derzeit am Gesundheitszentrum angestellt, davon 23 Ärzte elf verschiedener Fachrichtungen. Zusätzlich befinden sich eine Apotheke, ein Sanitätshaus, eine Physiotherapie, eine Hörgeräteakustik, eine Logopädie und eine Hauskrankenpflege im Haus.
Die Ärzte des Gesundheitszentrums Potsdam nutzen Empfang, Sanitär- und Warteräume gemeinsam. Foto: Gesundheitszentrum Potsdam
Die Ärzte des Gesundheitszentrums Potsdam nutzen Empfang, Sanitär- und Warteräume gemeinsam.
Foto: Gesundheitszentrum Potsdam
Gesellschafter der GmbH ist die Stadt Potsdam. Gegen die Vermutung, dass die Stadt das Unternehmen bezuschusst, wehrt sich von Essen: „Lediglich die brandenburgische Landesregierung gewährte uns 1992 eine Anschubfinanzierung. Jetzt tragen wir uns allein, haben 25 000 Patienten pro Quartal und schreiben schwarze Zahlen.“ Das marktwirtschaftliche Denken hat das DDR-Vergütungssystem abgelöst. „Jede Praxis wird als eigene Kostenstelle geführt“, erklärt Herzog. „Alle Einnahmen, aber auch alle Ausgaben unserer Praxen werden kostenstellenbezogen verbucht.“ Dies geschieht jedoch nur intern; nach außen tritt das Zentrum als Einheit auf. Während beim Berliner Gesundheitszentrum jede Praxis ihre eigene KV-Nummer hat, rechnet das Gesundheitszentrum Potsdam als fachübergreifende Gemeinschaftspraxis nur über eine KV-Nummer mit der KV Brandenburg ab. „Der Geschäftsführer erstellt für jeden von uns eine Leistungskurve“, erläutert Herzog. „Danach erhalten wir unsere monatlichen Abschlagszahlungen: ein Grundgehalt und einen leistungsabhängigen Zuschuss.“ Entsprechend der wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Praxis werden auch Investitionen, Praxisgröße und Mitarbeiterzahl geplant. Praxisübergreifende Ausgaben werden auf die einzelnen Kostenstellen umgelegt. Dies gilt für Betriebs- und Verwaltungskosten, Versicherungen und Kredite. „Ich bin für die Ärzte die Bank“, berichtet von Essen. „Alle Investitionen müssen von ihnen zurückgezahlt werden.“
Das zunächst gespannte Verhältnis der Gesundheitszentren zu den KVen hat sich inzwischen entspannt. „Ich begrüße es, wenn Ärzte kooperieren und dadurch effizient arbeiten“, betont
Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der KV Berlin und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Das Prinzip der Freiberuflichkeit muss jedoch erhalten bleiben“, ergänzt Richter-Reichhelm kritisch. In Berlin gibt es keinen gesonderten Topf für die Vergütung der 311er-Einrichtungen, jedoch innerhalb der KV Brandenburg. „Wir wollen keine Sonderrolle“, kritisiert von Essen, „sondern uns als freies Unternehmen Markt und Wettbewerb stellen.“ Dem stimmt auch der Geschäftsführer des Medizinischen Zentrums Lübbenau, GmbH, Rainer Schwitalski, zu: „Die Gesundheitszentren sind eine Alternative, nicht mehr und nicht weniger. Da sie viele Vorteile bieten, haben sie als solche auch eine Zukunft.“ „Die anfänglichen Meinungsverschiedenheiten zur Rolle der Polikliniken sind seit mehreren Jahren vom Tisch“, erklärt der Vorsitzende der KV Brandenburg, Dr. med. Hans-Joachim Helming. „Die Ärztinnen und Ärzte der 311er-Einrichtungen sind heute ein unverzichtbarer Bestandteil der ambulanten Versorgung in Brandenburg.“
„Die Zentren sollten bundesweit geöffnet werden“
Im Land Brandenburg gibt es heute insgesamt 141 angestellte Ärzte bei 31 Gesundheitszentren. Viele von ihnen sind im Bundesverband der Gesundheitszentren und Praxisnetze e.V. organisiert. Rainer Jeniche, Geschäftsführer des Verbandes, setzt auf die „Vorbildwirkung“ der „311er“: „Die Politik braucht solche Einrichtungen, um Ansatzpunkte für eine neue Gesundheitspolitik zu finden. Da die Zentren sich bewähren und kostengünstig sind,
müsste der § 311 SGB V bundesweit geöffnet werden.“ Derzeit gewährt er nur den Polikliniken der ehemaligen DDR Bestandschutz – „soweit sie am 1. Oktober 1992 noch bestanden“. Neue Polikliniken dürfen nicht eröffnet werden. Doch Jeniche hofft auf Veränderungen: „Bereits jetzt kooperieren wir mit Praxisnetzen in den westlichen Bundesländern; vielleicht werden die Gesundheitszentren auch dort bald eine Alternative sein.“ Dr. med. Eva A. Richter

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema