ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Museumsquartier in Wien: Die Moderne im Barock

VARIA: Feuilleton

Museumsquartier in Wien: Die Moderne im Barock

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2821 / B-2403 / C-2249

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LNSLNS Bericht aus dem größten Kulturzentrum Europas

MQ ist überall. Am Flughafen, am Hauptbahnhof, in den U-Bahnhöfen, selbst vor dem Zentralfriedhof in Wien leuchten die weißen Schriftzeichen auf einem rotem Punkt dem Besucher entgegen. Als ob es dort nicht schon genug Unterhaltung gäbe. Aber der Wiener braucht eben nicht nur „eine scheene Leich“ (Nestroy), sondern auch Kunst und Musik. Lange sah es danach aus, als ob das MuseumsQuartier (wie es sich offiziell schreibt; MQ ist das Logo) in den jahrzehntelangen Rankünen und Intrigen der Wiener Stadtpolitik begraben werden sollte, aber dann entsprang plötzlich nach nur 36-monatiger Bauzeit die umstrittene Karteileiche wie Phönix aus der Asche und versetzte selbst die verwöhnten Wiener in einen Freudenrausch. Allein 300 000 strömten bis Ende Juni auf das riesige Areal der ehemaligen Hofstallungen, obwohl mit
der Inbetriebnahme der neuen Kunsthalle nur die erste von drei „Eröffnungsetappen“ stattgefunden hat. „20 Jahre Streit und drei Jahre Bauzeit, das macht uns keiner nach“, scherzt Doris Trinker vom Wiener Tourismusverband. Wer mit dem Fiaker die Hofburg passiert, fährt zwischen viel Barock hindurch. Er kommt am Kunsthistorischen und am Naturhistorischen Museum vorbei bis vor die 400 m lange, aber eher unauffällige Außenfassade des neuen Museumsareals, das mit einer Fläche von 60 000 Quadratmetern zu den zehn größten auf der Welt zählt. Die vom Barockbaumeister Fischer von Erlach zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbauten kaiserlichen Hofstallungen wurden in den Originalfarben restauriert und bilden den äußeren Rahmen des Komplexes. „47/13 ergab die Farbprobe, also ein geschmackiges Apricot mit einem leichtem Nusseinschlag, so haben wir es dann gemacht“, erklärt stolz der Farbverantwortliche vom Bundesdenkmalamt. Von den Neubauten selbst sieht man allerdings erst etwas, wenn man den Hof hinter der historischen Front betritt.
Weltgrößte Egon-Schiele-Sammlung
Zu heftig war der Widerstand gegen die Pläne der Architekten Laurids und Manfred Ortner, einen 67 m hohen Leseturm als klares Zeichen für die Moderne ins Zentrum zu setzen. So mussten die Architekten nicht nur den Turm streichen, sondern auch den hellweißen Kubusbau für die
milliardenschwere Sammlung Leopold und den schwarzen Würfel für die Sammlung Ludwig zur Hälfte in die Erde versenken, damit die Moderne den Barock nicht erschlägt. Seit September sind im Leopoldmuseum auf fünf Ebenen und einer Ausstellungsfläche von 5 400 Quadratmetern Meisterwerke von Klimt und Kokoschka, vor allem aber die weltgrößte Egon-Schiele-Sammlung zu sehen. Ganz anders das dunkle „Mumok“, das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien. Dort befinden sich die Künstlerwohnungen beziehungsweise Wohnateliers des neu geschaffenen Quartiers 21.
Der anthrazitfarbene „Monolith“ aus deutscher Basaltlava, zu dessen hoch gelegenem Foyer eine zehn Meter breite Freitreppe führt, macht mit seinen schmalen Sehschlitzen und der gekrümmten Dachfläche von außen einen strengen, abweisenden Eindruck. Hier ist, ebenfalls seit September, die größte österreichische Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst auf einer Fläche von 4 800 Quadratmetern zu sehen – unter Kunstlicht.
Hinter den Fassaden des Barocks wartet Wien mit drei Museumsneubauten auf.
Hinter den Fassaden des Barocks wartet Wien mit drei Museumsneubauten auf.
„Zeitgenössische Vitaminspritze“
„Wir wollen einen Imagewandel durch das MQ erreichen“, sagt Doris Trinker im trendigen zwischen „Mumok“ und der Kunsthalle gelegenen Café Halle. „Wien ist nicht nur die Stadt des Barocks und des Theaters. Wien soll auch als Stadt moderner Kunst positioniert werden.“ Infolgedessen gibt es für das MuseumsQuartier auch keinen Museumsführer, sondern einen Eventguide. Aber noch hält es sich mit den Events in Grenzen. Sie finden bisher in der neuen Kunsthalle statt, die zusammen mit den gleichzeitig bespielbaren Konzerthallen E und G die ehemalige, mit roten Klinkersteinen restaurierte Winterreithalle ausfüllen. Die Kunsthalle versteht sich als Werkstatt, als Labor und als „Verhandlungsort“ für die junge, zeitgenössische Kunst und verzichtet daher auf eine auffällige dominierende Architektur. „Wir wollen die Inhalte unterstützen“, meint Gerald Matt, der Chef der neuen Kunsthalle, zu dem funktionalen, zurückhaltenden Bau ganz im Dienst der aktuellen Kunst.
In der neuen Kunsthalle stinkt es ganz eindeutig. „Cloaka“ heißt der bestaunte maschinelle Verdauungsapparat aus sechs gläsernen Bioreaktoren, die mit Schläuchen verbunden sind. Zweimal am Tag wird das Kunstwerk des Belgiers Wim Delvoye, das offensichtlich an Descartes’ Bild vom Mensch als Maschine erinnern will, mit Essensresten aus dem Restaurant gefüttert.
„Attraktiv irritieren“ will Gerald Matt und dabei den Besuchern eine „zeitgenössische Vitaminspritze“ verpassen. Neben beunruhigenden Bildern und fleischlichen Wachsobjekten des 1988 an Aids gestorbenen Paul Thek bestimmten deshalb mit Schreckensbotschaften beschriftete, überdimensionale Totenköpfe aus Pappmaché die Ausstellung, mit der die Kunsthalle Wien als erste Einrichtung des neuen Museumsquartiers in Vollbetrieb ging. Allerdings erschien das Motto „Eine barocke Party“ etwas aufgesetzt, auch wenn der Pressereferent des Museums, Thomas Soraperra, meint, der Barock sei nicht nur an den historischen Fassaden gegenwärtig, sondern auch die ausgestellten „künstlerischen Positionen“ seien schließlich eine Art Spurensuche nach „barocken Ideen in unserer Zeit“.
Das moderne Café Halle, in das man als Clou die ehemalige Kaiserloge zur Winterreithalle integriert hat, ist vom jugendlichen Wiener Publikum bereits voll angenommen. Es fällt schwer, um die Mittagszeit einen freien Tisch zu ergattern, obwohl das über zwei Ebenen verteilte Caférestaurant mit dem Edelstahldesign auch über eine große Terrasse im Freien verfügt.
Von der Terrasse, die einen Teil der Freitreppe zum „Mumuk“ einnimmt, hat man einen guten Überblick über das Gesamtareal. Zwei Milliarden Schilling, knapp 300 Millionen DM und damit genau im Kostenplan liegend, wurden in den größten Kulturneubau in der Geschichte Österreichs gesteckt. Entstanden ist nicht nur ein MuseumsQuartier, sondern ein neuer Stadtteil, der sich mitten im Zentrum der Stadt zwischen den ersten und den siebten Bezirk geschoben hat und die barocke Kulturmeile Hofburg und das Kneipenviertel Spittelberg einander näher bringt. Wie pulsierend das Leben in dem durchgängig geöffneten neuen Kulturareal sein kann und ob die anvisierte jährliche Besucherzahl von mehr als einer Million erreicht werden kann, wird sich noch zeigen, wenn die Restaurants, Cafés, Bars, Museumsshops und Buchläden zwischen den Grünoasen der verschiedenen Innenhöfe ihre Rolläden hochziehen. Im September und Oktober öffneten nicht nur das Leopold Museum und „Mumuk“ ihre Pforten, sondern auch Tanzquartier, Architekturzentrum, das „Zoom“ Kindermuseum und weitere Institutionen.
Vieles spricht dafür, dass die „Revitalisierung“ des lange lieblos als Messegelände genutzten und dann vernachlässigten, brachliegenden Trakts gelingen wird. Das letzte Urteil sprechen die vielen Besucher Wiens und nicht zuletzt die Wiener selbst. „Es wird“, so verspricht Doris Trinker, „ab Herbst ein MQ-Allround-Ticket geben.“ Wie viel es kosten wird und wie die Einnahmen zwischen den Museen verteilt werden, darüber wird hinter den Kulissen noch heftig gestritten, wie das in Wien halt seit Jahrhunderten so üblich ist. Roland Motz


Informationen: MuseumsQuartier Wien, Museumsplatz 1, A-1070 Wien.
Telefon: 08 20/600 600. Das MQ-Besucherzentrum in der Ovalhalle
am Haupteingang ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Besuch des durchgängig geöffneten Areals ist von zehn Zugängen aus möglich und unentgeltlich.
Ab Herbst wird es ein Gemeinschaftsticket für alle Museen geben.
Unter www.mqw.at finden sich umfangreiche Informationen zur Architektur, zu den verschiedenen Institutionen sowie ein täglich aktualisierter Veranstaltungskalender mit zahlreichen Links. Internet: www.kunsthallewien.at, www.mumok.at, www.leopoldmuseum.org, www.kindermuseum.at
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