ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2001Information bei Komplikationen: Schmerzensgeld nach Koloskopie

VARIA: Rechtsreport

Information bei Komplikationen: Schmerzensgeld nach Koloskopie

Dtsch Arztebl 2001; 98(43): A-2828 / B-2424 / C-2252

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LNSLNS Ein Arzt, der damit rechnen muss, dass er seinem Patienten eine Gesundheitsschädigung zugefügt hat, muss auch nach Behandlungsende alles tun, um die Auswirkungen der Schädigung so gering wie möglich zu halten. So ist er verpflichtet, den Patienten und dessen Hausarzt über Komplikationen und einen drohenden weiteren Schaden zu unterrichten, damit eine sachgerechte Nachbehandlung oder Vorsorge eingeleitet werden kann.
Bei der in stationärer Behandlung befindlichen Klägerin sollte wegen Darmblutungen eine Koloskopie vorgenommen werden. Im Lauf der Untersuchung fanden sich mehrere kleinere Polypen, die sich problemlos entfernen ließen, sowie ein breit gestielter, haselnussgroßer und spontan blutender Polyp. Bei dessen Entfernung trat eine arterielle Blutung auf, die Darmwand wurde hierdurch in Mitleidenschaft gezogen.
Die Klägerin, die am nächsten Tag aus der Klinik entlassen wurde, wurde nicht über diese Komplikationen informiert. Später auftretende Bauchschmerzen wurden von ihr zunächst nicht beachtet. Nachdem sie sich aber verstärkten, wurde die Patientin von einem Notarzt ins Krankenhaus eingewiesen. Dort musste ein künstlicher Darmausgang gelegt werden und später mit einer zweiten Operation die natürliche Darmpassage wieder hergestellt werden.
Schmerzensgeld bei versäumter Risikoaufklärung
Dies wäre nach Meinung des Oberlandesgerichts Koblenz vermeidbar gewesen. Hätte der beklagte Arzt die Patientin auf die Komplikation hingewiesen, wäre es ihr möglich gewesen, gezielt auf Warnzeichen, insbesondere auf heftige Bauchschmerzen, zu achten und dann frühestmöglich den bauchchirurgischen Eingriff vornehmen zu lassen. Die Klägerin hatte jedoch als Folge der nach der Polypektomie versäumten Risikoaufklärung ein erhebliches Mehr an Schmerzen und Beeinträchtigungen zu tragen. Deshalb befand das Oberlandesgericht ein Schmerzensgeld von 10 000 DM als angemessen.
Der Behandlungsfehlervorwurf wurde dagegen im Hinblick auf die von der Klägerin vorgetragene fehlerhafte Blutstillung zurückgewiesen. Der behandelnde Chefarzt hatte in der (seltenen) Notfallsituation durch eine spritzende arterielle Blutung bei dem Einsatz des Medikaments Topostasin zwar in zweifacher Hinsicht von der Herstellerinformation abweichend gehandelt: Das Mittel wurde in doppelt konzentrierter Form eingesetzt und auch nicht lediglich auf die Blutstörungsstelle aufgespritzt, sondern „unterspritzt“, also zumindest teilweise in die Darmwand injiziert. Das war nach Auffassung des Gerichts im vorliegenden Fall im Sinne eines „Heilversuchs“ jedoch gerechtfertigt.
Ausnahmen bei medizinischer Rechtfertigung
Es ist einem Arzt grundsätzlich nicht verboten, in Abweichung von Angaben in Medikamentenbeipackzetteln auf individuelle Situationen zu reagieren und abweichend zu dosieren und zu applizieren. Geht es darum, wie hier eine weitere, möglicherweise lebensbedrohliche Komplikation von einem Patienten abzuwenden, so kann ein solches Vorgehen ausnahmsweise als nicht behandlungsfehlerhaft beurteilt werden, weil es in den besonderen Sachzwängen des konkreten Falls seine medizinische Rechtfertigung findet. (Oberlandesgericht Koblenz, Urteil vom 24. August 1999, Az.: 3 U 1078/95) Be
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