ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Neue Medien: Vom statischen Buch zum dynamischen Service

MEDIEN

Neue Medien: Vom statischen Buch zum dynamischen Service

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2842 / B-2434 / C-2262

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Zeitung auf elektronischem Papier. Foto: IBM
Die Zeitung auf elektronischem Papier. Foto: IBM
Auf der „Frankfurter Big Questions Conference“ anlässlich der Buchmesse diskutierten Experten darüber, wie sich die internationale Verlagswelt durch die elektronischen Medien in den nächsten Jahren verändern wird.

An offenen Fragen mangelt es der Branche nicht. Dazu gehören beispielsweise: Wie schnell wird sich der Bildschirm als Lesemedium durchsetzen? Welche Veränderungen kommen in den nächsten Jahren auf die Bibliotheken zu? Wie wird sich die Rolle von Verlagen, Autoren und Buchhändlern wandeln? Wie werden Verlage und Autoren in einem elektronischen Umfeld künftig entlohnt? Im Mittelpunkt der Konferenz standen dabei weniger definitive Antworten und Lösungen als eine Analyse der Probleme sowie ein Ausblick auf die Formen und Funktionen der Lektüre von morgen.
Problemfeld E-Books
Für das Lesen am Bildschirm beispielsweise stehen inzwischen verschiedene Lesegeräte zur Verfügung: PDA (Personal Digital Assistant), PC, E-Book oder Handy. Doch wird sich das Lesen am Bildschirm so lange nicht durchsetzen, wie die Lesegeräte nicht handlicher und preiswerter werden. Verbreitet ist die Ansicht, dass der Bildschirm Papiercharakter erhalten muss, damit er akzeptiert wird: Er soll leicht, kontrastreich, flexibel und von jedem Blickwinkel aus zugänglich sein. Erste Entwicklungen eines elektronischen Papiers auf der Basis millimeterdünner Kunststofffolie gibt es bereits. Gegenwärtig fehlen darüber hinaus geeignete Infrastrukturen für den Vertrieb von E-Books. Hier können öffentliche Bibliotheken eine neue Aufgabe als Ausleihstelle für elektronische Lesegeräte übernehmen, wie erfolgreiche Projekte in Schweden und Finnland gezeigt haben. Ein weiteres Hemmnis besteht im Mangel an Content, weil die Verleger Angst vor Raubkopien haben und befürchten, die Kontrolle über ihre Inhalte zu verlieren. Als Negativbeispiel gilt zudem die Musikbranche: Internet-Tauschbörsen von Musikstükken (Napster, Gnutella und andere) haben diese das Fürchten gelehrt. Dennoch gibt es auch in der Verlagsbranche inzwischen den Ansatz, das Buch nicht länger als „statisches Produkt“ zu betrachten, sondern als multimedialen, dynamischen „Service“, für den die traditionellen Vertriebs- und Abrechnungsmodelle allerdings ungeeignet sind.
Das betrifft vor allem Publikationen in elektronischer Form und weniger den elektronischen Handel mit „physischen Produkten“, der nach wie vor das Logistik-Problem zu bewältigen hat. Der Vertrieb digitaler Formate ermöglicht dagegen einen kapitelweisen und zeitbezogenen Verkauf sowie die sofortige Lieferung (ohne Zwischenhändler) aus der Sicht des Anbieters – und den direkten Konsum auf der Seite des Käufers. Dies bedeutet, dass nicht lediglich ein physisches Produkt durch ein elektronisches ausgetauscht wird, sondern dass ein neues Produkt entsteht. Experten erwarten, dass vor allem die Fachliteratur und das Segment E-Learning für die Distribution von E-Content eine Vorreiterrolle spielen werden, bevor auch im fiktionalen Bereich eine entsprechende Entwicklung einsetzen wird. Ähnlich wie in der Musikindustrie sind künftig intelligente Suchmaschinen denkbar, die eine Recherche nach Genre, Titel und anderen Kriterien ermöglichen.
Ein Bereich, der für elektronische Innovationen besonders geeignet erscheint, ist beispielsweise die Reiseliteratur. Künftig wird es möglich sein, sich den Landesführer aktuell und maßgeschneidert auf die eigenen Bedürfnisse per Mausklick zusammenzustellen. Das Ergebnis kann beispielsweise als „Book on Demand“ bestellt, auf dem eigenen Drucker ausgedruckt oder per E-Book auf die Reise mitgenommen werden.
Digitaler Druck „on Demand“
Eine andere Vision, die zurzeit erste Umsetzungen erfährt, sind weltweit verteilte „Point-of-Sale“-Verkaufsstellen für – bei Bedarf individuell zusammengestellte – elektronische Zeitungen, Zeitschriften und andere Publikationen. Diese werden via Internet übermittelt und können über dezentrale Produktionsstätten, etwa Automaten in Kiosken, Bahnhöfen, Flughäfen und Hotels, abgerufen und ausgedruckt werden.
So erstellt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung seit drei Jahren eine „Global Edition“ für die Länder außerhalb Europas, die sich die Leser im PDF-Format über das Internet herunterladen und rund um die Uhr auf dem Drucker ausdrucken können. Auch die Tageszeitung „Die Welt“ soll künftig als elektronische Ausgabe an 2 000 Standorten weltweit „on Demand“ abrufbar sein. Dieses Distributionsverfahren spart Fracht- und Vertriebskosten, ist auch bei kleinen Mengen rentabel, aktueller und gegebenenfalls schneller beim Leser als auf herkömmlichen Vertriebswegen.
Zugang schaffen
Wie lässt sich der freie Zugang zu elektronischen Inhalten und Wissensfortschritt weltweit – auch für wirtschaftlich nicht entwickelte Länder – gewährleisten? Hier könnten Büchereien künftig eine wichtige Rolle als organisierte Zugangsvermittler auch zu digitalen Inhalten übernehmen, da sie offen für jeden sind und frei oder zumindest kostengünstig zur Verfügung stehen. Allein in Europa gibt es mehr als 200 000 öffentliche Bibliotheken, die als „information gas station“, wie ein finnisches Projekt heißt, fungieren können. Das „Electronic Information for Libraries Direct“-Programm (www.eifl.net) beispielsweise verschafft rund 3 000 Büchereien weltweit einen freien oder kostengünstigen Zugang zu Zeitschriften, vorwiegend aus den Sozial- und Humanwissenschaften. Ziel der Initiative ist es, die Wirtschaftskraft vieler Bibliotheken, etwa beim Erwerb von Lizenzen, zu bündeln und eine Infrastruktur für die Vermittlung digitaler Inhalte aufzubauen, damit auch ärmere Länder am Informationsfortschritt in Wissenschaft und Forschung partizipieren können. Heike E. Krüger-Brand
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema