ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Hospizarbeit und Palliativmedizin: Förderung für häusliche Sterbebegleitung

POLITIK

Hospizarbeit und Palliativmedizin: Förderung für häusliche Sterbebegleitung

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2846 / B-2438 / C-2266

Rabbata, Samir

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Dr. med. Franz Bernhard M. Ensink fordert: „Komplementieren statt Konkurrieren.“ Foto: Georg J. Lopata
Dr. med. Franz Bernhard M. Ensink fordert: „Komplementieren statt Konkurrieren.“ Foto: Georg J. Lopata
SPD und Grüne wollen die ambulante Hospizarbeit fördern. Voraussetzung ist aber das Einhalten von klar definierten Qualitätsstandards.


Ehrenamtliche Sterbebegleitung soll künftig finanziell von den Krankenkassen unterstützt werden. Das sieht ein Änderungsantrag der Bundestagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen zum geplanten Pflegeleistungsergänzungsgesetz vor. Die Voraussetzungen für eine solche Förderung sind klar definierte Qualitätsanforderungen, die eine fachkompetente schmerztherapeutische und palliativmedizinische Versorgung sterbender Menschen gewährleisten sollen. Die Regierungsfraktionen greifen damit einen Gesetzentwurf des Bundesrates auf, der ebenfalls eine Förderung der ambulanten Hospizarbeit vorsieht. „Durch die Verankerung qualitätssichernder Elemente im Entwurf der Regierungsfraktionen geht man hier aber einen Schritt weiter“, erklärte Wilhelm Walzik, Referent im Leitungsstab des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, bei einer Podiumsdiskussion der SPD-Bundestagsfraktion zu „Palliativmedizin und Hospizarbeit“ in der Evangelischen Akademie zu Berlin.
„Ambulant vor stationär“
Der Änderungsantrag der Regierungsfraktionen sieht unter anderem vor, dass der ambulante Hospizdienst künftig mit Pflegediensten und mit einem in der Sterbebegleitung oder Palliativmedizin erfahrenen Arzt zusammenarbeitet. Walzik betonte, dass es aber den Krankenkassen und den Hospizorganisationen freigestellt sei, neben den gemeinsamen und einheitlichen Regelungen auf Bundesebene auch Vereinbarungen über die Art und Weise der Förderung auf Landesebene zu treffen.
„Komplementieren statt Konkurrieren.“ Auf diese Formel brachte Dr. med. Franz Bernhard Ensink, Projektleiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe Support der Ärztekammer Niedersachsen, das Verhältnis zwischen ehrenamtlicher Laienhilfe und professioneller Palliativmedizin. „Wir sehen in unserer täglichen Arbeit immer wieder, dass eine fachkundige Anleitung durch geschultes Pflegepersonal und routinierte Ärzte motivierend auf ehrenamtliche Sterbebegleiter wirken kann.“ Die Ärztekammer Niedersachsen habe bereits vor sechs Jahren das Projekt Support initiiert. Der Arzt erläuterte, dass das Modellprojekt neben der übergeordneten Maxime einer verbesserten Lebensqualität für Palliativpatienten die Umsetzung von Qualitätszirkeln und die Etablierung eines mobilen Palliative-Care-Teams verfolge. Einzig die Finanzierung des Projektes bereite Sorgen. Ensink: „Es bedarf einer Bereitschaft der Krankenkassenverbände, um die positiven Effekte der Support-Idee auf Dauer und über die Grenzen der bisherigen Modellregionen hinaus realisieren zu können.“
Solche Forderungen sind dem Vorstandsvorsitzenden der rheinland-pfälzischen AOK, Walter Bockemühl, nicht neu. Er wies darauf hin, dass es im Interesse der Kassen liege, dass Versorgungslücken in der ambulanten Sterbebegleitung geschlossen werden. „Ambulant vor stationär, dieser Grundsatz ist in allen Sektoren des Gesundheitswesens gültig. Die AOK bezuschusst deshalb die Tätigkeit von Hospizfachkräften.“ Dies sei ein richtiger Schritt, erklärten Vertreter des Ehrenamtes. Dabei dürfe man aber nicht vergessen, dass es sich hierbei lediglich um „Kann-Leistungen“ handele. Trotzdem sei die Finanzierung stationärer Hospize und die Diskussion um einen Gesetzentwurf zur Förderung der ambulanten Hospizarbeit Ausdruck für die „politische Relevanz der hospizlichen Arbeit in der Bundesrepublik“, erklärte Adelheid Rieffel, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz.
Für die Bielefelder Sozialarbeiterin Theresia Brechmann geht der Gesetzentwurf nicht weit genug. „Der Gesetzgeber muss sich für eine Stärkung nachbarschaftlicher Beziehungen bei der Begleitung sterbender Menschen einsetzen“, forderte Brechmann. Die Vorteile eines solchen Zusammenlebens beobachtet die Expertin für Sozialfragen in ihrer täglichen Arbeit in dem Verein „Alt und Jung“, der sich für die Begleitung sterbender Menschen in ihrer gewohnten Umgebung stark macht. Nach Überzeugung Brechmanns ist der Umgang mit sterbenden Menschen erlernbar. Damit werden unfassbare Ängste jüngerer Menschen in positive Bilder und Erinnerungen gewandelt. Brechmann zitierte die Sätze einer Zehnjährigen, die letztlich das gemeinsame Ziel aller in der Sterbebegleitung engagierten Menschen zusammenfassen: „Frau Müller, unsere älteste Frau im Haus, ist nach ihrem Schlaganfall zum Sterben nach Hause gekommen. Ich habe ihr einen Blumenstrauß gepflückt und ihr in die Hände gelegt, und dann ist sie gestorben. Aber die Blumen hat sie noch gesehen.“ Samir Rabbata
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