ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Medizin und Ethik: Wenn das Leben mit dem Tod beginnt

POLITIK

Medizin und Ethik: Wenn das Leben mit dem Tod beginnt

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2848 / B-2422 / C-2268

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Die Rechtslage zur Bestattung von Fehl- und Totgeburten sorgt weiterhin für Diskussionsbedarf. Als erstes Bundesland hat Bremen eine sinnvolle Regelung auf den Weg gebracht.

Erschreckende Erkenntnisse gelangten 1998 durch einen Bericht des ARD-Magazins „Report“ in die Öffentlichkeit. Tot geborene Föten aus Berliner Krankenhäusern, die weniger als 1 000 Gramm wogen, waren zusammen mit dem Klinikmüll zu Granulat verarbeitet worden. Die Schlacke war für den Straßenbau und die Abdeckung von Deponien bestimmt. Die Empörung war groß. Inzwischen ist es ruhig geworden um das Thema, doch das ethische Dilemma bleibt. Der medizinische Fortschritt der letzten Jahre hat bewirkt, dass heute auch extreme Frühchen, die nur wenige Hundert Gramm wiegen, überleben können. Ein genauso schweres Totgeborenes hingegen ist je nach Bundesland unter Umständen nicht bestattungspflichtig und landet legal im Klinikmüll.
Wie kommt es zu dieser gesetzlichen Schieflage? Tatsache ist: Nach dem bundesweit geltenden Personenstandsgesetz wird zwischen Totgeburt und Fehlgeburt unterschieden.
Eine Totgeburt ist definiert als ein Fötus, der nach der Geburt keine Lebensmerkmale zeigt, also keine natürliche Lungenatmung, keinen Herzschlag und kein Pulsieren der Nabelschnur. Das Gewicht eines Totgeborenen ist auf mindestens 500 Gramm festgelegt. Eine standesamtliche Meldung hat zu erfolgen.
Fehlgeburten sind nach dem Personenstandsgesetz „Leibesfrüchte“, die nach der Scheidung vom Mutterleib keine Lebensmerkmale zeigen und weniger als 500 Gramm wiegen. Es erfolgt keine standesamtliche Meldung.
Das Personenstandsgesetz regelt jedoch nur die Anzeige und Eintragung bei den zuständigen Behörden. Die Vorschriften über das Bestattungswesen fallen in die Zuständigkeit der Länder. So erklärt sich, dass die Änderung der Gewichtsgrenze im Personenstandsgesetz von
1 000 auf 500 Gramm aus dem Jahr 1994 nicht zwingend auch in den Bestattungsgesetzen beachtet wird. In zahlreichen Bundesländern besteht eine Bestattungspflicht für Totgeborene erst ab 1 000 Gramm. Eine Beisetzung findet nur auf Wunsch der Eltern statt – ein unerträglicher Zustand nicht nur für Betroffene.
Das Grab ist für viele Eltern ein wichtiger Ort der Trauer – die erste gemeinschaftliche Urnenbestattung in Bremen. Foto: dpa
Das Grab ist für viele Eltern ein wichtiger Ort der Trauer – die erste gemeinschaftliche Urnenbestattung in Bremen. Foto: dpa
Der Skandal um die „Granulat-Entsorgung“ hat in Berlin seine Spuren hinterlassen. Die damalige Gesundheitssenatorin Beate Hübner (CDU) stellte im März 1999 ein neues Prozedere für den Umgang mit Totgeburten vor. Demzufolge sollten alle nach der zwölften Schwangerschaftswoche tot geborenen Föten unter 1 000 Gramm, deren Eltern keine andere Form der Bestattung wünschen, einer Sammelkremation zugeführt werden. Die Berliner Krankenhäuser rief sie in einem Rundschreiben dazu auf, sich an dem neuen Verfahren zu beteiligen. Eine Änderung des Bestattungsgesetzes aber erfolgte nicht.
Mit Bremen hat das erste Bundesland eine Gesetzesänderung vollzogen. Hier gilt seit Februar eine Bestattungspflicht für alle Fehl- und Totgeburten, außerdem für aus Abtreibungen stammende Föten ab der zwölften Schwangerschaftswoche. Sofern die Eltern keine eigene Bestattung veranlassen, erfolgt eine gemeinsame Beisetzung mit anderen Föten. Eine gemeinschaftliche Bestattung findet vierteljährlich statt, zuvor erfolgt eine Einäscherung. Nach Angaben von Klaus Krancke, dem Referenten der Bremer Gesundheitssenatorin Hilde Adolf (SPD), ist der Zuspruch immens. Zur ersten Bestattung am 25. September seien viele Eltern erschienen, deren Kinder schon vor Jahren tot zur Welt gekommen seien. Dies zeige, wie wichtig es für die Betroffenen sei, einen Raum zum Abschiednehmen zu finden.
Für einen würdigen Umgang mit Fehl- und Totgeborenen setzt sich auch die „Initiative Regenbogen – Glücklose Schwangerschaft e.V.“ ein. Dem Verein gehören bundesweit 50 Selbsthilfegruppen an. Seit langem fordert man gesetzliche Veränderungen. Die Vorsitzende Martina Severitt begrüßt die neue Gesetzeslage in Bremen ausdrücklich und wünscht sich bundesweit derartige Veränderungen. Besonders bedenklich sei die Situation in Nordrhein-Westfalen, hier liege überhaupt keine gesetzliche Regelung vor.
Um nicht länger auf den Gesetzgeber zu warten, haben viele Kliniken in Deutschland die Initiative ergriffen. Im Frühjahr 2001 startete die schleswig-holsteinische Landesgruppe des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands e.V. (VDK) eine bundesweite Aktion und sensibilisierte mit Informationsmaterial in den Krankenhäusern für das Problem. Mittlerweile haben 400 geburtshilfliche Abteilungen freiwillige Regelungen zur Beisetzung nicht bestattungspflichtiger Tot- und Fehlgeburten in Kraft gesetzt. Diese positive Zwischenbilanz zog der Landesvorsitzende Lothar Obst bei einer Mitgliederversammlung am 4. Oktober in Lübeck. Es habe sich gezeigt, wie ausgeprägt der Diskussionsbedarf in den Krankenhäusern sei.
Eine Vorreiterrolle für die freiwilligen Zusatzregelungen hat unter anderem das katholische Krankenhaus St.-Adolf-Stift im schleswig-holsteinischen Reinbek. Obst ist der kaufmännische Direktor der Klinik. Die krankenhausinternen Regelungen in Reinbek verstehen sich als notwendige Ergänzung zu gesetzlich unzureichenden Bestattungsregeln. In Schleswig-Holstein ist die Grenze zur Bestattungspflicht auf 1 000 Gramm festgelegt. Der Umgang mit Eltern und Angehörigen steht im Mittelpunkt der Bemühungen. Wichtiges Ziel ist es, einen Raum für Trauer zu schaffen. Die Eltern erhalten wiederholt das Angebot, ihr totes Kind anzuschauen. Oftmals wird dies von Betroffenen zunächst abgelehnt, später aber bereut, weil keine Möglichkeit mehr besteht, Abschied zu nehmen. Die Bestattung wird mit den Eltern genau besprochen. Eine Elternmappe kann angelegt werden. Diese enthält ein Foto des Kindes, das Namensbändchen und Kontaktadressen zu Selbsthilfegruppen. Der würdige Umgang mit dem toten Kind ist ein weiterer Grundsatz. Die Aufbewahrung erfolgt zunächst in einem „Moses-Körbchen“.
Trotz des Engagements der Krankenhäuser bleibt es ein unhaltbarer Zustand, dass die gesetzlichen Regelungen der Länder so erheblich voneinander abweichen. In die rechtliche Situation muss endlich eine sinnvolle und klare Linie gebracht werden. Allerdings ist auch eine intensive öffentliche Diskussion nötig, denn die ethischen Grundsätze einer Gesellschaft können nicht von Paragraphen geregelt werden.
Birgit Hibbeler
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