ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Erstes deutsch-polnisches Symposium: Europäische Zukunft

POLITIK

Erstes deutsch-polnisches Symposium: Europäische Zukunft

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2854 / B-2428 / C-2273

Richter, Eva A.

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Der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Prof. Dr. med. Jan Schulze, der Präsident der Niederschlesischen Ärztekammer, Dr. med. Wlodzimierz Bednorz, und der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, legten am Grab von Mikulicz Radecki, einem der bekanntesten polnischen Ärzte, einen Kranz nieder. Foto: Sächsische Landesärztekammer
Der Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Prof. Dr. med. Jan Schulze, der Präsident der Niederschlesischen Ärztekammer, Dr. med. Wlodzimierz Bednorz, und der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, legten am Grab von Mikulicz Radecki, einem der bekanntesten polnischen Ärzte, einen Kranz nieder. Foto: Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer
Ärzte der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und der Niederschlesischen Ärztekammer trafen sich in Kreisau/Krzy·zowa.

Polen gilt als sicherer Kandidat für den Beitritt zur Europäischen Union; avisiert ist dafür das Jahr 2002. „Europa braucht Polen“, bekräftigte Egon Bahr (SPD) als Ehrengast des ersten deutsch-polnischen Ärzte-Symposiums „Vergangenheit verstehen – Zukunft gestalten“. Etwa 200 Ärzte der polnischen Niederschlesischen Ärztekammer Breslau und der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer trafen sich im September in Kreisau/Krzy·zowa. Den Tagungsort, das Kreisauer Gut, wählten die beiden Kammern als Symbol für die gemeinsame deutsch-polnische Vergangenheit und eine gemeinsame europäische Zukunft.
Egon Bahr, Bundesminister a. D. und nach 1969 unter Willy Brandt einer der Wegbereiter einer neuen Ost- und Deutschlandpolitik, hält die Erweiterung der EU durch Polen für „historisch, moralisch und kulturell richtig und wichtig“. Er warnte allerdings davor, den Beitritt zu überstürzen. „Lassen Sie sich Zeit“, sagte er. „Die Aufnahme Polens steht außer Frage, zuvor sind aber noch einige Details zu klären.“
Von den deutschen Ärzten und Ärztinnen werde die Osterweiterung der EU hauptsächlich mit Freude, aber auch mit Skepsis gesehen, erklärte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Als Dienstleister und Arbeitnehmer seien Ärzte sehr an einem Austausch interessiert. „Ein Zusammenwachsen ist eine Chance und eine Herausforderung zugleich“, betonte er. Bisher werde eine Harmonisierung der Gesundheitssysteme abgelehnt, da dies für einige Länder eine Absenkung ihres Versorgungsniveaus bedeuten würde. Im vereinten Europa könne das Gesundheitswesen jedoch nicht ausgegrenzt werden: „Die Krankenkassen werden entweder in einem europäischen Markt Leistungen europaweit ausschreiben und die Leistungserbringer einen Preiswettbewerb führen müssen, oder es muss die soziale Dimension der Gesundheitswesen auch in den Verträgen der EU verankert werden“, meinte Hoppe. Wenn die Nationalstaaten die Gesundheitswesen weiterhin als Teil ihrer Sozialwesen ansehen wollten, müsse eine Chancengleichheit der Menschen erreicht werden – ganz gleich in welchem Teil Europas sie geboren wären.
Die polnische Regierung ist an einem baldigen EU-Beitritt interessiert. „Ärzte und Krankenschwestern können dann im jeweils anderen Land angestellt werden“, sagte der zur Zeit des Symposiums polnische Vizegesundheitsminister Dr. Andrzej Rys. Die Sorge, dass polnische Ärzte Deutschland überschwemmen würden, sei jedoch unbegründet. Die unterschiedlichen Ausbildungen zum Arzt und die uneinheitlichen Gebühren für die ärztliche Behandlung seien noch große ungelöste Probleme.
Tatsächlich unterscheidet sich das Gesundheitswesen in Polen deutlich von dem in Deutschland. Die meisten Ärzte sind angestellt; zum Teil noch in Polikliniken, die inzwischen kommunale oder private Träger haben. Nur wenige polnische Ärzte sind niedergelassen. Sie arbeiten meist auf privater Basis; Verträge mit Krankenkassen laufen meist nur über ein Jahr. Einen Kredit aufzunehmen ist deshalb mit einem hohen Risiko verbunden. Seit 1989 gibt es in Polen wieder Ärztekammern, nachdem die sozialistische Regierung 1959 die ärztliche Selbstverwaltung aufgelöst hatte. Im Januar 1990 begann die Niederschlesische Ärztekammer, der in Polen auch die Zahnärzte angehören, ihre Tätigkeit.
1992 nahm der Präsident der Kammer, Dr. med. Wlodzimierz Bednorz, Kontakt zur Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer auf. Es folgten gegenseitige Besuche und Erfahrungsaustausche. „Gemeinsam haben wir 40 Jahre Staatsdirigismus und Planwirtschaft im Gesundheitswesen ertragen müssen, und gemeinsam bauten wir Ärztekammern und eine neue demokratische Grundordnung auf“, erklärte Prof. Dr. med. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. „Wir profitieren immer noch sehr von den ostdeutschen Erfahrungen bei der Umgestaltung des Gesundheitswesens“, bekräftigte Bednorz.
Seit fast zehn Jahren treffen sich die Ärzte der beiden Kammern regelmäßig, hospitieren im jeweiligen Nachbarland. Dabei diskutieren sie fachspezifische, berufspolitische und wirtschaftliche Fragen. Für ihre Bemühungen um die deutsch-polnische Zusammenarbeit wurde in Kreisau je ein Repräsentant der beiden Kammern geehrt: Dr. med. Bednorz nahm das Ehrenzeichen der deutschen Ärzteschaft vom Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer entgegen; Dr. med. Peter Schwenke erhielt die Mikulicz-Radecki-Medaille vom Präsidenten der polnischen Niederschlesischen Ärztekammer. Beide Ärzte werden künftig eine deutsch-polnische Arbeitsgruppe leiten, die die Kooperation der beiden Kammern besonders auf fachlicher Ebene im grenznahen Bereich intensivieren soll. Erste Ergebnisse will die Gruppe in zwei Jahren vorstellen – auf dem zweiten deutsch-polnischen Symposium in Sachsen. Dr. med. Eva A. Richter
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