ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1996Politik und Wissenschaft: Von der Fehleinschätzung der Leistungsfähigkeit unserer Universitäten

POLITIK: Kommentar

Politik und Wissenschaft: Von der Fehleinschätzung der Leistungsfähigkeit unserer Universitäten

Dtsch Arztebl 1996; 93(40): A-2524 / B-2154 / C-2018

Forth, Wolfgang

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LNSLNS In den letzten Monaten ist Bewegung in die universitäre Administration geraten, die dem Sachverständigen nur noch ein müdes Kichern entlockt. Der Umgang mit Sachverständigen, die sich als Experten der Lehre bezeichnen, erscheint selbst für universitäre Einrichtungen problematisch. Zur Frage der Einführung des sogenannten Kleingruppenunterrichtes wurden zumeist keine Befunde aus der Praxis eingeholt. Allerdings darf keine Generalisierung erfolgen: Die Verhältnisse in den betriebswirtschaftlichen Fächern oder auch in der Germanistik sind anders zu bewerten als die etwa im Fachgebiet der Pharmakologie und Toxikologie, wie es in einer medizinischen Fakultät gelehrt wird. Häufig werden deutsche Hochschullehrer in jüngster Zeit von "Didaktikern" amerikanischer Universitäten besucht, die viel von der Psychologie der Lehrvermittlung medizinischer Sachverhalte verstehen mögen, in der Regel aber nur wenig von den Fächern wissen, die gelehrt werden sollen.
Zur Zeit wird viel über Kleingruppenunterricht geredet, von dem sich neben den Politikern auch die Verwaltungsleute Wunder versprechen. Hier muß vor einer Fehlentwicklung gewarnt werden.
Der Kleingruppenunterricht kann ohne Zweifel Lehrinhalte intensiver an den "Mann" bringen als ein "Frontalunterricht" alter Prägung. Es muß aber gefragt werden, ob dieser denn auch wirklich in der universitären Lehre nützlich ist. Das Verarbeiten und das Verständnis wissenschaftlicher Sachverhalte muß stets vom Studenten erbracht werden. Selbst Hilfsschüler kann man über die Grundlagen der Pharmakologie und Toxikologie so informieren, daß sie mit dem Gefühl des augenblicklichen Verständnisses der gelehrten Sachverhalte das Institut wieder verlassen und auch das "Kreuzchen-Examen" bestehen könnten. Das kann aber nicht das angestrebte Lehr- und Lernziel für den Beruf von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern sein, die aufgrund der eigenen Erfahrungen und der Anwendung der wissenschaftlichen Methoden ihre Tagesarbeit verrichten müssen. Sie sollen mehr verstehen, als nur Arzneimittel nach Angaben der Roten Liste oder eines Beipackzettels zu verordnen.
Bei der Manie, alles nachzuahmen und alles Mögliche aus den angelsächsischen Ländern abzukupfern und hier einzuführen, stehen noch Erfahrungen ins Haus. Wenn Pharmakologie und Toxikologie in Zukunft tatsächlich in den vorklinischen Wissenschaften gelehrt werden sollen, ist vorauszusagen, daß ein Teil der Krankheitslehre, nämlich die der Pathophysiologie und Pathobiochemie der verschiedenen Krankheiten, von den Pharmakologen und Toxikologen reusurpiert wird. In diesem Zusammenhang darf darauf verwiesen werden, daß die Pathophysiologie im weiteren Wortsinne früher immer ein erklärter Lehrinhalt der Pharmakologen und Toxikologen war: Wie anders soll ein Student eine rationale Indikation für einen Therapievorschlag erarbeiten, wenn er nicht weiß, was er zu therapieren hat?
Der Kleingruppenunterricht kann nur unter Einsatz aller Assistenten durchgeführt werden. Die Assistenten, die das Fach in den Universitätsinstituten gründlich erlernen wollen und sich weiterbilden, werden so frühzeitig in die Vermittlung des Lehrstoffs einbezogen. Die Kapazitätsverordnung hat das so gewollt.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß durch den Kleingruppenunterricht die universitäre Effizienz gesteigert werden kann. Es wird so weniger Studienabbrecher geben, mehr Studenten werden die Examina bestehen. Sind das aber die guten Ärzte der Zukunft? Oder haben wir durch die rechtzeitige Vergabe von Krücken die Gehbehinderten gehfähig gemacht, ohne die Auslese, die durch die universitäre Lehre deutscher Prägung – eben die Anleitung zum selbständigen Lernen – erzielt wird, überhaupt zu nutzen? Kann es das Ziel der universitären Lehre sein, jeden, der das Studium beginnt, auch zum fertigen Arzt auszubilden, oder sollte man nicht die geeignetsten Studenten auswählen, die in der Lage sind, unter Nutzung aller gebotenen Möglichkeiten sich ein Grundwissen anzueignen, das dann für den Arztberuf angewendet werden kann?
Es ist nicht zutreffend, daß sich die universitäre Landschaft grundlegend verändert hat. Geändert haben sich nur die Menschen, die auszuloten versuchen, wie wenig zu leisten ist, um eine Berufsberechtigung als Arzt zu erhalten. Heute wird kaum noch ein Student der Humanmedizin als Doktorand an theoretischen Instituten aufgenommen. Gerade aber bei dieser Tätigkeit ist der Kontakt zu den Lehrenden und Lernenden besonders eng. Es wäre interessant zu erfahren, weshalb die Studenten sich dieser engen und zeitintensiven Kooperation zunehmend entziehen.
Was das bedeutet, wird sich erst in zehn bis zwanzig Jahren herausstellen, wenn die Lehre im Fach Pharmakologie und Toxikologie nicht mehr durch Ärzte vermittelt wird. Übrigens, was wollen eigentlich die Kultusminister mit den vielen Absolventen der Medizinischen Fakultäten im Alltag anfangen, wenn die "Effizienz" der Ausbildung so fabelhaft gesteigert wird? Sollen die Ärzte dann zwar approbiert sein, aber vor einem Weiterbildungsengpaß stehen und dann in die freie Praxis entlassen werden? Da wäre schon die Steigerung der Ansprüche im Rahmen einer intelligenten Ausbildung besser.
Jedes Lehrgebiet braucht Nachwuchs. Dieser rekrutiert sich aus den Hochschulassistenten, die für die Lehre eingesetzt werden können, wenn sie ihre Qualifikation, nämlich die Lehrbeschäftigung und die Lehrbefugnis, in der Habilitation erarbeitet haben. Nicht früher werden die Assistenten am Münchener Pharmakologischen Institut für die Lehre eingesetzt. Man tut gut daran, den Nachwuchs nicht zu gering zu bemessen. Es ist kontraproduktiv, die Zahl der Habilitierten stets dem Bedarf der Dozenten anzupassen.
Der Frontalunterricht ist nicht nur aus der Sicht der Studenten nützlich. Der Unterricht ist nicht einmal besonders teuer, zumal die mit der Lehre betrauten habilitierten Assistenten dabei lediglich einen Aufstieg zum Oberassistenten gewärtigen können. Man muß sich davon freimachen, daß ein Dozent im Augenblick seiner Habilitation schon die Lehre beherrschen muß. Er hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß er sich mit dem systematisch erarbeiteten Fundus eines gründlichen Sachverstandes der Lehre widmen kann. Auch ist dieses Verfahren keineswegs schädlich für die spätere Berufung auf adäquate Positionen, die stets aufgrund der Leistungen in der Forschung und der Lehre erfolgen sollte. Prof. Dr. med. Wolfgang Forth,
München
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