POLITIK

Kinder- und Jugendärzte: Kritik am Therapiewildwuchs

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2860 / B-2447 / C-2273

Gerst, Thomas

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Varianz kindlicher Entwicklung oder tatsächliche Störung – die Entscheidung fällt nicht immer leicht. Foto: Peter Wirtz
Varianz kindlicher Entwicklung oder tatsächliche Störung – die Entscheidung fällt nicht immer leicht. Foto: Peter Wirtz
Zu viele Kinder werden nach Ansicht des Berufsverbandes der Kinder- und
Jugendärzte wegen vermeintlicher Entwicklungsstörungen therapiert.

Ein Viertel aller Kinder, die nach der Geburt als nicht risikobelastet eingestuft wurden, befindet sich bis zum neunten Lebensjahr in einer entwicklungsfördernden Therapie (Ergotherapie, Sprachtherapie, Krankengymnastik und anderes mehr). Diese Ergebnisse einer neuen Studie präsentierte Prof. Dr. med. Hans-Georg Schlack vom Kinderneurologischen Zentrum Bonn auf dem 29. Herbst-Kongress der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Bad Orb. Angesichts des kaum mehr überschaubaren Wirrwarrs von Heil- und Hilfsmitteln rund ums Kind sei eine sorgfältige Indikationsstellung wichtig, die zwischen einer Varianz der Entwicklung und einer tatsächlichen Störung, die ohne Therapie zu Entwicklungsschäden führt, unterscheidet. Wenig hilfreich seien hier etwa voreilige Diagnosen von Erzieherinnen in den Kindergärten, die Eltern auf vermeintliche Entwicklungsrückstände ihrer Kinder aufmerksam machen und so den Druck auf die behandelnden Ärzte erhöhen, ohne ausreichende Diagnostik eine Therapie anzuordnen.
Entwicklungsfördernde Therapien stellen inzwischen einen bedeutenden Kostenfaktor in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung dar. Prof. Dr. med. Hermann Schulte-Wissermann, Kinderklinik des Klinikums Krefeld, verwies auf seriöse Schätzungen, nach denen 50 000 Kinder eines Jahrgangs in Deutschland solche Therapien erhalten. Veranschlage man für jedes behandelte Kind Ausgaben in Höhe von 2 000 DM pro Jahr, so entstehen allein für die Behandlung von Kindern im Vorschulalter Gesamtkosten in Höhe von 600 Millionen DM jährlich. Hier habe sich inzwischen eine wahre „Förder-Industrie“ entwickelt, wo neben vielen seriösen Anbietern auch eine Reihe zweifelhafter Therapien zu finden sei.
Der BVKJ begrüßt es, dass mit den seit 1. Juli 2001 gültigen Heilmittelrichtlinien die Verordnung von Heilmitteln von bestimmten Kriterien abhängig gemacht wird. Für notwendig erachtet man auch die in den Richtlinien verbindlich festgelegte enge Zusammenarbeit zwischen verordnenden Ärzten und Heilmittelerbringern in Form einer gegenseitigen schriftlichen Information. Mit der Definition des Regelfalls erhalte der Vertragsarzt eine gewisse Rechtssicherheit und werde vor ungerechtfertigten Regressforderungen der Krankenkassen geschützt. Allerdings habe es der Bundes­aus­schuss für Ärzte und Krankenkassen versäumt, „den Sachverstand der Kinder- und Jugendärzte in der Endphase der Beratungen einzubeziehen“, beklagte Dr. med. Wolfram Hartmann vom BVKJ. So enthielten die Heilmittelrichtlinien unscharfe Formulierungen über die Notwendigkeit von Verordnungen, sodass jedem Kind ein Anspruch auf eine entwicklungsfördernde Therapie zugebilligt würde.
Zudem könne nicht jede Verhaltensauffälligkeit eines Kindes mit einer bestimmten Therapie behoben werden. Schlack wies darauf hin, dass mit einer Stunde Ergotherapie pro Woche nicht die Folgen ungünstiger sozioökonomischer Rahmenbedingungen für ein Kind ausgeglichen werden könnten.
In der Eröffnungsansprache zum Kongress kritisierte BVKJ-Präsident Dr. med. Klaus Gritz den Kurs des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums bei der gesundheitlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Wiederholt habe man darauf hingewiesen, dass schon in wenigen Jahren eine flächendeckende pädiatrische Versorgung nicht mehr möglich sein wird, wenn nicht unverzüglich zusätzliche Weiterbildungsstellen auch in den Praxen niedergelassener Kinderärzte geschaffen würden. Hier sieht der BVKJ eine einseitige Förderung der Allgemeinärzte zum Nachteil der pädiatrischen Versorgung. Gritz wies auch auf Versäumnisse der Gesundheitspolitik bei der Prävention hin. Obwohl sich hier durch gezielte und früh ansetzende Maßnahmen bis zu 30 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen einsparen ließen, würden die Vorschläge des BVKJ für eine Erweiterung des Früherkennungsprogramms mit Hinweis auf zusätzliche Kosten zurückgewiesen. Auch auf dem Gebiet des Impfwesens könne man auf ein stattliches Sündenregister verweisen. Trotz immer noch guter wirtschaftlicher Verhältnisse erscheine Deutschland im internationalen Vergleich beim Impfen als ein Entwicklungsland. Thomas Gerst
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