ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Suchmaschine „Guideline Search Engine“: Leitlinien im tagesaktuellen Zugriff

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Suchmaschine „Guideline Search Engine“: Leitlinien im tagesaktuellen Zugriff

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2863 / B-2450 / C-2275

Linzbach, Matthias; Müller, Marcel Lukas; Müller, Wolfgang; Ohmann, Christian; Prokosch, Hans-Ulrich

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LNSLNS Über die Guideline Search Engine können Ärzte täglich aktualisierte Leitlinien am Arbeitsplatz aufrufen. Die Suchmaschine identifiziert die Leitlinien anhand der eingegebenen ICD-Codes zu einem Krankheitsbild.


Der Zugriff auf die Vielzahl der vorhandenen Leitlinien wird klinisch tätigen Ärzten dadurch erschwert, dass systematische Quellen und Datenbasen fehlen, die es ermöglichen, diese Leitlinien am Arbeitsplatz zu finden oder zu vergleichen. Vor allem für Ärzte und Krankenhäuser, aber auch für Patienten ist der einfache und schnelle Zugriff auf Leitlinien als Informationsquelle wichtig. Um Leitlinien effektiv nutzen zu können, stellt der Transport der richtigen Information zur rechten Zeit an den richtigen Ort die Schlüsselaufgabe dar. Eine Leitlinie, auf die der Arzt beispielsweise am Arbeitsplatz nicht direkt zugreifen kann, macht wenig Sinn. Darüber hinaus hat der Arzt häufig nicht die Zeit, aktiv nach Informationen zu einem Krankheitsbild zu suchen. Informationssysteme sollten dem Ratsuchenden relevante Informationen zur Verfügung stellen, ohne dass er sich in zeitraubenden Recherchen um sie bemühen muss.
Das Ziel des „Guideline Search Engine“-Projektes (GSE) ist daher, einen schnelleren und aktuelleren Zugriff auf die Leitlinien der Fachgesellschaften über verschiedene Zugangswege zu ermöglichen. Entwickelt wird dazu eine XML-(Extensible Markup Language-)
basierte Standardschnittstelle für die Integration in medizinische Portale und Krankenhaus-, Praxis- und Patienteninformationssysteme sowie in Webschnittstellen. Es wird erwartet, dass der effiziente, zielgerichtete Zugriff auf Leitlinien auch dazu beiträgt, deren Akzeptanz und Nutzung zu erhöhen.
Als koordinierende Institution stellt die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften; Internet: www.awmf-online.de) die von den Fachgesellschaften entwickelten, qualitativ hochwertigen Leitlinien zur Verfügung. Ergänzend wird mit der GSE eine in ganz Deutschland zugängliche einheitliche Schnittstelle geschaffen, die die Leitlinienquellen – bezogen auf ein entsprechendes Krankheitsbild – standardisiert identifiziert und präsentiert. Damit wird das Einspeisen in medizinische Portale und Krankenhausinformationssysteme ermöglicht. Pilot-Einbindungen der GSE in Krankenhausinformationssysteme und Internet-Portale wurden bereits erfolgreich realisiert und werden gegenwärtig evaluiert.
Methodik und Ergebnisse
Zunächst werden in enger Kooperation mit der AWMF und deren Fachgesellschaften die Leitlinien den Krankheitsbildern zugeordnet. Jeder Leitlinie werden dabei – sofern dies möglich ist – eine oder mehrere ICD-(International Classification of Diseases-)Nummern zugewiesen, das heißt, die Leitlinien werden mit der ICD indiziert. Parallel wird die Leitliniensuchmaschine kontinuierlich weiterentwickelt. Die Daten sollen unter anderem in standardisierter Form (XML) präsentiert werden (zur Anbindung an Informationssysteme und Portale siehe Abbildung 1).
GSE: Die Anfrage eines Krankenhausinformationssystems oder medizinischen Portals über die ICD-10 (1.) liefert Informationen über aktuelle Leitlinien (2.).
GSE: Die Anfrage eines Krankenhausinformationssystems oder medizinischen Portals über die ICD-10 (1.) liefert Informationen über aktuelle Leitlinien (2.).
Wenn der ICD-Code der relevanten Erkrankung in das Krankenhausinformationssystem (KIS) eingegeben wird, werden die Ärzte nicht nur auf das Vorhandensein der Leitlinien hingewiesen, sondern erhalten direkten Zugang zu deren Inhalten. Voraussetzung hierfür ist, dass die Suchmaschine in das Krankenhausinformationssystem oder in ein Internet-Portal integriert wird.
Gegenwärtig stellt die GSE knapp 300 Leitlinien ICD-indiziert zur Verfügung, wobei im Durchschnitt etwa sechs ICD-Nummern einer Leitlinie zugeordnet wurden. Bei der Entwicklung der Suchmaschine wurde auf eine kostengünstige Lösung gesetzt, die die zu erwartenden späteren hohen Zugriffszahlen bewältigen kann (System Linux, Datenbank MySQL, Skriptsprache PHP4).
Auf die GSE kann folgendermaßen zugegriffen werden:
- Webportal (Prototyp): www.guideline-search-engine.de
- Krankenhausinformationssysteme (KIS): Hierbei ist
die Integration durch den Systemadministrator erforderlich.
- Medizinische Portale: Beispiel www. hisos.de („Health Information System Online Service“)
Erste Krankenhausinformationssysteme und Medizinportale wurden mit der GSE verbunden. So wurde zum Beispiel innerhalb des KIS des Universitätsklinikums Münster ein Prototyp entwickelt, in dem – ausgehend von den Diagnosen eines Patienten – unmittelbar die GSE aufgerufen wird und kontextsensitiv die im WWW vorhandenen und zu diesen Diagnosen passenden Leitlinien zur Auswahl angeboten werden (Abbildung 2).
Das Krankenhausinformationssystem des Universitätsklinikums Münster mit GSE-Anbindung. Der Arzt wird auf eine Leitlinie zur Hauptdiagnose S06.5 hingewiesen.
Das Krankenhausinformationssystem des Universitätsklinikums Münster mit GSE-Anbindung. Der Arzt wird auf eine Leitlinie zur Hauptdiagnose S06.5 hingewiesen.
Durch die ICD-basierte Indexierung ist die Integration in andere, auf dem gleichen Schlüssel basierenden Informationen möglich. So wurde zum Beispiel in dem medizinischen Portal
„hisos“ die Integration biomedizinischer Pressemeldungen und Leitli-
nieninformationen realisiert. Leitlinien und Pressemeldungen, beispielsweise von Hochschulen über neueste Verfahren und Forschungsergebnisse, können so krankheitsbildbezogen abgerufen werden (Abbildung 3).
Im Medizinportal „hisos“ realisiert: die krankeitsbildbezogene Integration von Leitlinien und biomedizinischen Meldungen (URL: www.hisos.de).
Im Medizinportal „hisos“ realisiert: die krankeitsbildbezogene Integration von Leitlinien und biomedizinischen Meldungen (URL: www.hisos.de).
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Darüber hinaus ist auch die Abbildung auf andere Schlüssel realisierbar. So wurde zum Beispiel für das DRG-Portal der DRG-Research-Group in Münster ergänzende Leitlinieninformation integriert (Abbildung 4).
Diagnosen-Browser mit Leitlinienintegration (Ausschnitt). Hinweis auf Leitlinien (roter Rahmen) bei Abbildung auf Hauptdiagnosekategorien und weitere Zuordnungen (http://drg.unimuenster.de/de/webgroup/m.brdiagnosen.php)
Diagnosen-Browser mit Leitlinienintegration (Ausschnitt). Hinweis auf Leitlinien (roter Rahmen) bei Abbildung auf Hauptdiagnosekategorien und weitere Zuordnungen (http://drg.unimuenster.de/de/webgroup/m.brdiagnosen.php)
Die GSE wird täglich aktualisiert. Entsprechend stellt sie eine tagesaktuelle ICD-Liste der vorhanden Leitlinienverweise zur Verfügung. Diese kann, wie im DRG-Portal umgesetzt, automatisiert in das System eingespeist werden.
Anforderungen
Folgende Aspekte sind für die Einbindung qualitätsgesicherter medizinischer Information in die Praxis wichtig:
1. Medizinische Informationen (Leitlinien, Scores et cetera) sollten in standardisierter Form zur Verfügung gestellt werden, sodass diese in Portale und Krankenhaus- beziehungsweise Praxisinformationssysteme eingespeist werden können. Dies erfordert deutschlandweit einheitliche, möglichst auf dem XML-Standard aufbauende Schnittstellen – idealerweise in internationaler Abstimmung. Sind diese Standards nicht vorhanden, sollten sie über Konsensbildungsverfahren geschaffen werden.
Damit medizinische Informationen eingespeist werden können, ist es erforderlich, dass diese entweder gemeinfrei sind (wie zum Beispiel Pressemeldungen) oder Lizenzen von Leitlinienentwicklern zur Verfügung gestellt werden.
2. Medizinische Informationen wie Leitlinien müssen qualitativ hochwertig sein, wenn sie in Informationssysteme eingespeist werden sollen. Die enge Zusammenarbeit mit qualitätssichernden Institutionen ist daher unabdingbar.
3. Deutschland benötigt dringend eine Institution, die sich schwerpunktmäßig mit der zentralen Integration von medizinischer Information beschäftigt. Die proprietären Ansätze, die zurzeit weit verbreitet sind, sollten kontinuierlich auf allgemeine Standards umgestellt werden. Eben dies könnte eine solche Institution leisten. Der entscheidende Vorteil liegt in der Verringerung der Kosten durch die zentrale Einspeisung.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2863–2864 [Heft 44]

Literatur
1. Eich HP, Ohmann Ch: Medizinische Leitlinien im Internet. DGI-Online-Tagung 2000 – Session 8: Medizin-Information, 183–188
2. Hölzer S, Dudeck J: Medizinische Leitlinien. Strategien zur Implementation. Dt Ärztebl 2001; 98: A 665–666 [Heft 11]

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Matthias Linzbach
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Koordinierungszentrum für Klinische Studien und
Funktionsbereich Theoretische Chirurgie
Klinik für Allgemein- und Unfallchirurgie
Moorenstraße 5
40225 Düsseldorf

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