ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Kosovo nach dem Krieg: Übergang zur Normalität

THEMEN DER ZEIT

Kosovo nach dem Krieg: Übergang zur Normalität

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2865 / B-2452 / C-2277

Seitz, Hans Joachim

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Feierliche Erklärung: Die osteuropäischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter wollen partnerschaftliche Strategien entwickeln. Foto: WHO
Feierliche Erklärung: Die osteuropäischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter wollen partnerschaftliche Strategien entwickeln. Foto: WHO
Internationale Hilfe soll die Aus- und Fortbildung kosovarischer Ärzte sichern.

Als unter Slobodan Miloševi´c 1989 der Kosovo seine Autonomie verlor, eskalierte dort nicht nur die Gewalt. Auch die Universität unterlag der Repression: Medizinstudenten kosovo-albanischer Herkunft konnten fortan nur noch im „Untergrund“ unterrichtet werden. Vorlesungen und Kurse fanden in Hinterhöfen und Wohnungen statt, Famulaturen absolvierten die Studenten als Hilfspfleger verkleidet oder fernab auf dem Land. Kurz: ein Ausbildungs-Provisorium über mehr als ein Jahrzehnt.
Nach dem Ende des Kosovo-Krieges, nach der Zerstörung und Verwahrlosung der Krankenhäuser haben diese Ärzte zusammen mit ihren älteren Kollegen, die zum Teil noch in der „Vor-Miloševi´c-Ära“ ausgebildet wurden, unterstützt von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), die Verantwortung für den täglichen Krankenhausbetrieb und die Wiederherstellung des Gesundheitswesens übernommen.
Wie aber sollen sie den Übergang in die „Normalität“ schaffen? Die älteren Ärzte greifen auf ihr Wissen zurück, das sie im Ausland, in Belgrad oder Zagreb erworben haben. Ihnen fehlen jedoch zehn Jahre Fortbildung. Die Lage der jüngeren Ärzte ist noch schlechter. Sie konnten in ihrer „Untergrunduniversität“ weder auf moderne Lehrbücher noch Zeitschriften zurückgreifen, noch auf eine bescheidene wissenschaftliche Ausbildung hoffen.
Mithilfe der Weltbank, der Europäischen Union, der WHO, der Hochschulrektorenkonferenz und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ist es gelungen, ein Programm zu starten, das die Defizite in der medizinischen Aus-, Weiter- und Fortbildung ausräumen soll. Die Maßnahmen:
- Eine Ärztekammer ist neu gegründet worden. Der Druck ihres Informationsblattes „Praxis Medika“ wird finanziell unterstützt.
- Eine Fortbildungsakademie, die bei der UN Mission angesiedelt ist, hat in enger Zusammenarbeit mit dem Dekanat der Medizinischen Fakultät in Prishtina und der Ärztekammer ein ständiges Fortbildungsprogramm entworfen, das bereits angelaufen ist.
- Referenten aus der Region, beispielsweise aus Zagreb, Skopje oder Tirana sollen die Fortbildungsakademie mit Kursen und Seminaren unterstützen.
- Jüngere Ärzte können in ausgewählten Kliniken der Region, beispielsweise in der WHO-Diabetes-Klinik in Zagreb, hospitieren, um in jeweils vierwöchigen Kursen Kompetenz am Krankenbett zu erwerben.
- In der Bibliothek sind mit amerikanischer Hilfe Internet-Arbeitsplätze eingerichtet worden, die die Medizinstudenten nutzen können. Ein erstes Lehrbuch wurde vom Kroatischen ins Albanische übersetzt und an die Studenten verteilt. Den Druck hat die Hochschulrektorenkonferenz finanziert.
- Die Approbation der Ärzte wird – von Experten begleitet – nach einem einheitlichen Schema vorgenommen. Jeder Arzt soll während der nächsten fünf Jahre ein Ausbildungsprogramm durchlaufen, dann erfolgt eine Rezertifizierung.
- Die European Agency of Reconstruction hilft zum Teil tatkräftig, die mittelfristige Finanzierung all dieser Bemühungen sicherzustellen.
Um die Ausbildungsdefizite weiter abzubauen, sollen junge Ärzte für vier bis acht Wochen in Deutschland hospitieren können. Für solche Gastaufenthalte werden noch Krankenhäuser oder Praxen gesucht, deren Mitarbeiter möglichst kroatisch oder albanisch sprechen. Kontakt: Sekretariat der Medizinischen Fortbildungsakademie Kosovo, CME, E-Mail: aimeri@hotmail.com. Erforderlich sind vor allem Intensivkurse am Krankenbett in Innerer Medizin, Chirurgie, Anästhesie, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Pädiatrie. Gesucht werden außerdem Ärzte aus Deutschland, die bei Intensivkursen im Kosovo mitarbeiten.
Hans Joachim Seitz
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