ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Ruanda: Es war Genozid, kein Bürgerkrieg

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Ruanda: Es war Genozid, kein Bürgerkrieg

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2874 / B-2444 / C-2289

Tröndle, Reinhard

Zu dem Beitrag „SOS-Kinderdörfer: Kleine und große Opfer“ von Dr. med. Peter Bartmann in Heft 37/2001:
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LNSLNS Leider schleicht sich bei der Beschreibung der jüngeren ruandischen Geschichte immer wieder ein schlimmer Fehler in der Wortwahl ein: Einen Bürgerkrieg hat es in Ruanda 1994 und auch in den Jahren davor nicht gegeben. Was im Oktober 1990 begann und im August 1993 mit dem Friedensvertrag von Arusha endete, war ein Angriff von außen (der Patriotischen Front, vom Territorium Ugandas aus) mit den entsprechenden kriegerischen Auseinandersetzungen und nach einigen Monaten sich relativ stabil ausprägenden Frontverläufen.
Es folgte eine spannungsgeladene Friedenszeit bis zu dem gewaltsamen Tod des ruandischen Präsidenten am 6. April 1994. Die sich anschließenden Massaker an den Tutsi und an liberal eingestellten Hutu entwickelten sich zu dem, inzwischen auch von der UNO als solchem anerkannten, Genozid, dem innerhalb von drei Monaten nahezu die gesamte im Lande lebende Tutsi-Population zum Opfer fiel. Diese Menschen hatten keine Waffen und waren wehrlos, von Widerstand war keine Spur. Die Gemetzel wurden von regulären Regierungssoldaten und durch sie bewaffnete Hutu-Milizen über das ganze Land organisiert und durchgeführt. Das anschließende erneute Vorrücken der Patriotischen Front kam zu spät, um diese Gemetzel irgendwo zu verhindern (die UNO-Truppen wurden ja zurückgezogen). Aus Angst vor Rache sind die militärisch unterlegene Regierungsarmee, Hutu-Milizen und große Teile der sie unterstützenden Bevölkerung in die Nachbarländer geflohen.
In der Tat wäre es eine unzulässige Verschleierung, den Genozid an den Tutsi als „Bürgerkrieg“ abzuhandeln. Dies käme einer posthumen Verleumdung der knapp eine Million Todesopfer (einschließlich der liberalen Hutu) gleich.
Dr. Reinhard Tröndle, Lindenstraße 106, 73760 Ostfildern
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