ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Verletzungen und Beschwerden im Laufsport: Umdenken ist eingeläutet

MEDIZIN: Diskussion

Verletzungen und Beschwerden im Laufsport: Umdenken ist eingeläutet

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2894 / B-2473 / C-2298

Ulmer, Hanns-Volkhart

zu dem Beitrag Prävention und Therapie von Priv.-Doz. Dr. med. Frank Mayer Dr. rer. soc. Stefan Grau Heiner Baur Anja Hirschmüller Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Horstmann Prof. Dr. phil. Albert Gollhofer Prof. Dr. med. Hans-Hermann Dickhuth in Heft 19/2001
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LNSLNS Dem Deutschen Ärzteblatt ist zu gratulieren für die Titelseite zum Thema „Verletzungsrisiko beim Laufsport“. Sah diese doch vor 18 Jahren (Heft 1/2, 1983) ganz anders aus, als dort ein strammes Joggerpaar als Zugpferd für die Kampagne „Trimming 130: einfaches Handlungskonzept für 20- bis 60-jährige“ lief, mit der Empfehlung eines dosierten Ausdauertrainings als gemeinsame Aktion des Deutschen Sportbundes und der Bundes­ärzte­kammer.
Interessanterweise findet man auf der Rückseite des jetzigen Titelblatts zum fünften Mal eine ganzseitige Werbung für ein Buch über das „gesamte Gebiet der Sportmedizin“, das sich wohl erstmals in einem Lehrbuch der Sportmedizin mit einem Anteil von 25 Prozent auch mit Traumatologie befasst. Wer beim Lesen des Leitartikels „Verletzungen und Beschwerden im Laufsport“ den Eindruck gewinnt, es handele sich beim dargelegten Umfang an Sportverletzungen um etwas Neues, der irrt zumindest bezüglich der relativen Häufigkeit von Sportverletzungen gerade im Laufsport. Neu ist allerdings die hochrangige Platzierung im Deutschen Ärzteblatt und die Autorenschaft mit Beteiligung des sportmedizinischen Establishments.
Mit dem Vortrag „Präventive Sportmedizin – Plädoyer für eine neue Betrachtungsweise“ hatte der Leserbriefautor schon 1986 auf dem Sportärztekongress in Kiel ein Umdenken gefordert – leider erfolglos. Die Veröffentlichung eines Beitrags mit den Ergebnissen der Dissertation von U. Achenbach im Deutschen Ärzteblatt über „Zielsetzung und Wirklichkeit beim Jogging“ und zur Frage „Laufen für die Gesundheit“ wurde 1986 durch zwei sportmedizinische Gutachter blockiert. Dass sich der niedergelassene Arzt sportmedizinisch zu 80 Prozent mit Sporttraumatologie zu befassen hat, wurde 1990 auf dem Sportärztekongress in München vorgetragen und 1991 ausführlich in Anlehnung an die Dissertation von U. Dauerhauer belegt. Auf dem Sportärztekongress in Paderborn (1993) stellte J. Mertes ein Poster mit Hinweisen darauf vor, dass die Klientel orthopädischer Kliniken zu rund 30 Prozent aus akut und chronisch Sportverletzten besteht.
So erfreut es den Leserbriefautor, dass nunmehr im Deutschen Ärzteblatt ein Umdenken erkennbar ist. Schließlich kursieren nach wie vor Werbesprüche wie „Gesundheit braucht Bewegung“ und „Bewegung ist die beste Medizin“. Erst kürzlich wurde erneut mit ausdrücklichem Bezug auf W. Hollmann dokumentiert: „Es gibt kein Medikament und keine Maßnahme, die einen vergleichbaren Effekt hat wie das körperliche Training. Gäbe es ein solches Medikament mit solch hervorragenden Wirkungen und quasi ohne Nebenwirkungen, wäre jeder Arzt gehalten, es zu verschreiben“ (NN). – Stufte man den Sport wirklich als ein Medikament ein, dann müsste er wegen seiner gesundheitlichen Nebenwirkungen (einschließlich Herzinfarkt, circa 650 Tote pro Jahr in Deutschland gemäß Schätzdaten von R. Rost, 1988) verboten werden.
Je nach Bedarfslage kann Sport einen großartigen Weg zur Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung bieten, aber nicht für alle Menschen. Diejenigen, die ihn betreiben, empfinden ihn zumeist als Balsam für ihr psychisches Wohlbefinden. Für die Knochen und Gelenke sowie für das Herz (Herzstillstand beim Volksmarathon!) ist er jedoch gesundheitlich riskant. Daher sollte endlich Schluss sein mit der verharmlosenden, pauschalen Gesundbeterei des „Gesundheitssports“, auch gerade im Deutschen Ärzteblatt. Dies gilt auch bezüglich der Unterscheidung zwischen Sport zur Prävention oder zur Therapie. Als Therapeutikum sollte die spezifische Auswahl der Mittel gemäß diagnosegeleiteter Indikationen dazugehören und nicht pauschal „Sport als beste Medizin“ ohne Nebenwirkungen.

Literatur beim Verfasser sowie über:
http://www.uni-mainz.de/ FB/Sport/physio/pdffiles/06spomed.pdf

Prof. Dr. med. Hanns-Volkhart Ulmer
Sportphysiologische Abteilung
FB Sport
Johannes Gutenberg-Universität
55099 Mainz

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