ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2001Der erste epileptische Anfall im Erwachsenenalter: Psychogene Anfälle

MEDIZIN: Diskussion

Der erste epileptische Anfall im Erwachsenenalter: Psychogene Anfälle

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): A-2897 / B-2461 / C-2189

Nowack, Nicolas

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jürgen Bauer in Heft 20/2001
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wenn ein Patient sich wegen eines ersten „Anfalls“ an einen Arzt, meist seinen Hausarzt, wendet, ist es wichtig, nicht nur zwischen einer beginnenden Epilepsie im engeren Sinne und einem Gelegenheitsanfall zu unterscheiden, sondern beispielsweise auch an eine Synkope oder einen tetanischen Anfall nach Hyperventilation zu denken, vor allem aber differenzialdiagnostisch sofort zwischen organischer oder nichtorganischer Ursache abzuwägen (2, 3, 4). Daher ist es notwendig, eine ausführliche Eigen- und Fremdanamnese zu erheben, durch die eine möglichst anschauliche Beschreibung des Anfalls und auch der vorangehenden Situation erlangt werden sollte (Beziehung zu und Konflikte mit anwesenden Personen, weitere äußere Umstände und die Einstellung des Patienten zu diesen, eventuelle Einnahme von Drogen/Alkohol, Schlafdefizit, weitere Erkrankungen). Für einen psychogenen, „hysterischen“ Anfall in der Art eines Grand Mal sprechen eher (im Unterschied zu einem epileptischen Anfall im weiteren Sinne) sexuell symbolische oder bizarre Bewegungen, Schreie während des Anfalls (statt nur Initialschrei), die Anwesenheit von „Publikum“, das Fehlen von postiktalem Schlaf oder Verwirrtheit, fehlende Inkontinenz, Bisswunden fehlend oder in den Lippen oder in der Zungenmitte (statt Bisswunden lateral in der Zunge und/oder der Wangenschleimhaut), fehlende Verletzungen beziehungsweise Vorhandensein von verletzungsabwehrenden Bewegungen, das Erinnern des Grand-Mal-artigen Anfalls (statt Bewusstlosigkeit ohne Erinnerung (1, 2, 4). Sollte ein Arzt bei dem Anfall zugegen gewesen sein, sprechen für einen pseudoepileptischen Anfall die Untersuchung abwehrende Bewegungen, zum Beispiel Augen-Zukneifen bei der Pupillenprüfung, normale Pupillenreaktion auf Licht, fehlender positiver Babinski-Reflex und normales iktales (sowie interiktales) EEG ohne für eine Epilepsie typische Potenziale. Eine Vielzahl von Symptomen kann durch verschiedene fokale Anfälle bedingt sein, nach einem einfachen fokalen Anfall (also ohne Bewusstseinsbeeinträchtigung) könnte der Patient beispielsweise über Kribbeln, Angst oder Muskelzuckungen klagen. Doch können ganz ähnliche Beschwerden auch psychisch bedingt sein, etwa durch eine Hyperventilationstetanie. Aber bei ständigen Myoklonien ist eine organische, insbesondere nichtepileptische Ursache zu suchen. Myoklonien können (neben den essenziellen Myoklonien) bei einer Vielzahl von Erkrankungen als symptomatische Myoklonien auftreten, zum Beispiel bei toxischen,
paraneoplastischen und anderen Enzephalopathien, aber auch durch Prionen bei der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung. Aber Myoklonien sowie Urin-Inkontinenz und Verletzungen sind auch bei Synkopen oft zu finden. Als besondere Schwierigkeit ist bei weiteren Anfällen jedoch zu berücksichtigen, dass bei einem Patienten zu unterschiedlichen Zeiten sowohl organisch als auch nichtorganisch bedingte Anfälle auftreten könnten: Etwa 5 bis 35 Prozent aller Anfallspatienten haben zusätzlich oder ausschließlich psychogene Anfälle.

Literatur
1. Hoffmann, SO, Hochapfel G: Neurosenlehre, psychotherapeutische und psychosomatische Medizin. 6. Auflage, Stuttgart: Schattauer-Verlag, 1999; 220–230.
2. Nowack N: Hinweis zur Unterscheidung von organisch und nichtorganisch bedingten Anfällen. Im Internet unter: http://www.Sozial-Psychiatrie.de
3. O`Brien MD: Medically unexplained neurological symptoms – The risk of missing an organic disease is low. BMJ 1989; 316: 564–565.
4. Uexküll, Th. v. (ed.): Psychosomatische Medizin. 5. Auflage München, Wien: Baltimor Urban & Schwarzenberg. 1998; 693–700, 1080–1085.

Prof. Dr. med. Nicolas Nowack
Hochschule Magdeburg-Stendal
Standort Stendal
Osterburger Straße 25, 39576 Stendal

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema