Supplement: Geldanlage

Aktienmarkt: Unsicherheit im Gepäck

Dtsch Arztebl 2001; 98(44): [2]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Die Ereignisse in den USA bringen noch mehr Unwägbarkeiten in einen Markt, bei dem die Zeichen schon seit einiger Zeit auf Sturm stehen. Wo Risiken lauern, da winken aber auch Chancen.


Arme Börsianer. Nach den teilweise traumhaften Gewinnen der letzten Jahre ist die Euphorie tiefer Depression gewichen. Das Börsenkarussell drehte sich schneller und schneller, und viele schafften in ihrer Gier, noch mehr Geld machen zu wollen, den Absprung nicht mehr. Der Neue Markt, von vielen Experten als Zockerbude bezeichnet, legte einen atemberaubenden Absturz hin, der von einem Indexhöchststand von
8 000 Punkten erst unter der Eintausendermarke einen vorläufigen Halt fand.
Aber auch ehemalige Börsenstars aus der ersten Reihe deutscher Vorzeigeunternehmen mussten kräftigst Federn lassen. Siemens, Daimler, Thyssen gingen in die Knie, und vor allem die Deutsche Telekom, vor einiger Zeit noch als die Volksaktie betitelt, schockte die Nation mit einem beispiellosen Abstieg vom Kursolymp. Als die T-Aktie noch über 100 A kostete, und das ist nur ein paar Monate her, wurde sie von manchen Banken munter weiter zum Kauf empfohlen. Auf der aktuellen Basis von unter 20 A ist der Freundeskreis allerdings zusehends geschrumpft.
Unerfahrene Fondsmanager
Der Niedergang der Kurse zieht sich nahezu durch sämtliche Wertpapierdepots. Viele Anleger haben Kursverluste in den Büchern stehen, die nicht selten zweistellige Größenordnungen erreichen. „Ich traue mich schon gar nicht mehr, meine Depotauszüge anzusehen, so schlimm sieht meine Bilanz mittlerweile aus“, schrieb mir jüngst ein frustrierter Jungbörsianer, der zudem eingestand, wie sehr ihn seine Fehleinschätzung der eigenen Börsenkompetenz inzwischen wurmt. Dabei befindet er sich in guter Gesellschaft. Selbst die meisten von Experten betreuten Fonds liegen ziemlich unter Wasser. Viele Fondsmanager haben in ihrem jungen Börsenleben noch nie einen richtigen Crash erlebt und reagieren nicht situationsgerecht.
Die Baisse an den Weltbörsen kam keineswegs aus heiterem Himmel. Wer die Zeichen zu deuten verstand, konnte schon seit Monaten erkennen, dass die aufgeblähten Kurse den wirtschaftlichen Realitäten nicht standhalten konnten. In den USA beispielsweise zeigen die konjunkturellen Signale einen ziemlich deutlichen Abwärtstrend auf. Um glatte 22 Prozent sind die Gewinne der Unternehmen in der Zeit von Juli bis September gefallen. Damit setzte sich die auch schon schlechte Tendenz des Vorquartals fort (minus 17 Prozent). Wie die Zahlen nach den schrecklichen Terrorakten aussehen, kann im Moment nur geahnt werden.
Aber auch in Deutschland droht die Konjunktur zu kippen. Als in diesen Tagen der Ifo-Geschäftsklimaindex für September veröffentlicht wurde, war plötzlich klar, das Rezessionsgespenst lugt durch alle Ritzen. Der viel beachtete Stimmungsindikator für die deutsche Wirtschaft sackte von 89,5 auf 85 Punkte und liegt damit auf dem tiefsten Stand seit 1993, weit unter den Erwartungen der Volkswirte. Man mag dagegenhalten, die jüngsten Ifo-Zahlen seien noch unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder in New York zustande gekommen, aber es steht fest, dass die Wirtschaft auch in Deutschland schon vorher auf Talfahrt war.
Bemerkenswert ist, dass die vielen Zinssenkungen dieses Jahres der Wirtschaft bislang nicht auf die Beine halfen. Klar auch, dass der Ruf nach staatlichen Ankurbelungsprogrammen, wie dieser Tage geschehen, immer lauter wird und dabei auch leichtfertig weitere Schulden gemacht werden sollen. Vor Schnellschüssen beim Schuldenmachen kann hier aber nur gewarnt werden, nichts ist für die Börse schlimmer, als das Vertrauen der Finanzmärkte in die Solidität der Wirtschaftspolitik zu erschüttern.
Wenn dieses Szenario auch nur einigermaßen stimmt, dann sind einige Aktien selbst auf der erreichten Kursbasis immer noch zu teuer. Mein Kollege Ingo Narat vom Handelsblatt, der auch schon lange im Geschäft ist, sieht das ähnlich. Seiner Meinung nach müssten sich die Aktien, bloß um historische Durchschnitte bei den üblichen Bewertungskriterien zu erreichen, fast halbieren. Ob es wirklich so weit kommen muss, vermag ich nicht zu beurteilen. Sicher scheint aber wichtig zu sein, dass die Anlagepolitik grundsätzlich überdacht werden muss – mit der Konsequenz, unter Umständen gravierende Änderungen im persönlichen Depot vorzunehmen.
Wer bei Aktien nicht auf die Nase fallen will, tut wirklich gut daran, sich auf klassische Bewertungsmaßstäbe (KGV, Buchwert, Börsenwert in Relation zum Sozialprodukt, discounted cash flow) zu verlassen. Aber welche sind geeignet? Das Beste ist wohl, sich nicht auf ein einziges System zu verlassen, sondern einen optimalen Mix aus verschiedenen zu wählen. Das kann nur ein Experte schaffen. Für den privaten Anleger allerdings scheinen mir folgende Bewertungsverfahren besonders sinnvoll: die Beurteilung von Aktien nach der Dividendenrendite und nach den Buchwerten.
Kriterium: Dividendenrendite
Obwohl die Auswahl einer Aktie nach der Dividendenrendite von vielen belächelt wird und dahinter eine uralte Bewertungskennzahl steckt, dürfte sie – zu Recht – in der nächsten Zeit eine Renaissance erleben. Die Logik ist zwingend. Jede Dividende spiegelt relativ klar die Ertragskraft eines Unternehmens wider, und wer auch in schwierigen Zeiten Kontinuität beweist, hat meistens keine Probleme mit dem Aktienkurs. Aktien mit einer hohen Dividendenrendite sind unter anderem BASF, Degussa, IKB, Südzucker und Salzgitter. Diese Werte würde ich derzeit ohne Bedenken in ein Depot aufnehmen. Aber Achtung: Nicht jede Aktie mit einer hohen Rendite ist auch gleichzeitig ein Kauf. Das gilt beispielsweise für Unternehmen, bei denen absehbar ist, dass sie im nächsten Jahr weniger oder gar keine Ausschüttungen vornehmen werden.
Beim Kriterium „Buchwert“ wird darauf geachtet, ob der innere Wert eines Unternehmens über oder unter dem Börsenkurs liegt. Normal ist, dass der Börsenkurs deutlich höher als der Buchwert ist. In Zeiten anhaltender Kursschwäche kommt es aber auch vor, dass die Notierungen einzelner Titel so niedrig sind, dass der Buchwert höher als die so genannte Börsenkapitalisierung ist. Bei solchen Titeln liegt ein klares Indiz vor, dass der Kursverfall schon so stark fortgeschritten ist, dass mutige Anleger im Prinzip zu Schnäppchenpreisen einkaufen können. Das gilt meiner Meinung nach besonders für Thyssen, die Commerzbank, die Hypovereinsbank und (siehe auch bei der Dividendenrendite) für Degussa.
Festverzinsliche Wertpapiere
In ein gut sortiertes Depot gehörten allerdings auch festverzinsliche Wertpapiere. Nach meiner Meinung müssten hier aber eher kurze und mittlere Laufzeiten favorisiert werden, wobei ein wichtiges Augenmerk auf den Kauf von steueroptimalen Renten zu legen ist. Bei diesen Werten gilt, dass der Kursunterschied zwischen Kaufkurs und Rückzahlungsbetrag steuerfrei ist.
Auslandsanleihen halte ich generell für problematisch, egal ob DM oder A, das Risiko ist zu groß. Für eine Verbesserung der Rendite sind Genussscheine besser geeignet. Hier ist allerdings darauf zu achten, dass nur Papiere erstklassiger Emittenten gewählt werden und auch nur die Scheine ausgesucht werden, bei denen ein fester Ausschüttungssatz mit einem Nachzahlungsanspruch besteht. So gerüstet kann die Unsicherheit im Anlagegeschäft auf ein Mindestmaß reduziert werden. Und Rendite gibt es obendrein. Reinhold Rombach
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