ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Antibiotika in der Tiermast: Resistente Erreger in Fleisch und Geflügel

AKTUELL: Akut

Antibiotika in der Tiermast: Resistente Erreger in Fleisch und Geflügel

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2913 / B-2489 / C-2313

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die gegenwärtige Milzbrand-Angst droht andere „Bio-Risiken“ in den Hintergrund zu drängen. Dabei ist für die US-Bevölkerung der Griff in die Tiefkühltruhe des Supermarktes vermutlich weitaus gefährlicher als das Öffnen der Briefpost. So enthielten 20 Prozent aller Hackfleischproben, die Mikrobiologen 1998 in Supermärkten in Washington erwarben, Salmonellen. Von denen waren 84 Prozent gegen Antibiotika resistent – die Hälfte davon gegen drei oder mehr Mittel. Einige Isolate waren sogar gegen Cef-triaxon resistent, das in der Pädiatrie Mittel der ersten Wahl bei Salmonellosen ist. Auch der in der Intensivmedizin gefürchtete Serotyp Typhimurium DT 104 wurde gefunden (N Engl J Med 2001; 345: 1147–1154).
Streng genommen beweist dies nicht, dass die Erreger, die durch die Mastbeschleuniger selektioniert werden, auch nur für eine von 1,4 Millionen jährlichen Salmonellosenerkrankungen in den USA verantwortlich sind. Auch eine weitere Studie von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta belegt keine Kausalität, selbst wenn der Nachweis von Enterokokken in 86 Prozent aller in US-Supermärkten gekauften Hähnchen nicht gerade den Appetit anregt (Seiten 1155–1160). Mehr als das: Die meisten Proben enthielten Quinupristin-Dalfopristin-resistente E. faecium. Dieser Erreger war auch in einem Prozent von menschlichen Stuhlproben vorhanden – obwohl das Medikament zum Untersuchungszeitpunkt noch nicht für die Humanmedizin zugelassen war.

Die US-Agrarindustrie, die Antibiotika noch ungehindert einsetzen darf, vermag dies sicher nicht zu überzeugen. Sie fordert den stichhaltigen Beweis dafür, dass die in geringer Konzentration in Fleisch enthaltenen Erreger für den Menschen gefährlich werden können. Doch die Experimente von Niels Frimodt-Møller vom Statens Serum Institut in Kopenhagen zeigen, dass Antibiotika-resistente E. faecium aus dem Supermarkt nach einmaliger Ingestion noch bis zu 14 Tage im Stuhl nachweisbar sind (Seiten 1161–1166). 18 Probanden hatten die Erreger in zehnfacher Verdünnung mit einem Glas Milch getrunken. Zwar erkrankte niemand, doch ein Kommentator der Tufts-Universität hält auch für die USA den Zeitpunkt für gekommen, die Mastbeschleuniger wie in Europa zu verbieten (Seiten 1202– 1203). In Deutschland sind mit Avilamycin, Flavomycin, Salinomycin und Monensin noch vier Antibiotika als Leistungsförderer erlaubt. EU-weit verboten sind dagegen Avoparcin, Bacitracin, Spiramycin, Tylosin und Virginiamycin. Das Avoparcin-Verbot hat bereits nach eineinhalb Jahren zu einem Rückgang von Resistenzen geführt. Rüdiger Meyer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema