ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Krankenhausbedarfsplanung: Kaum brauchbar für die Praxis

POLITIK

Krankenhausbedarfsplanung: Kaum brauchbar für die Praxis

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2918 / B-2478 / C-2322

Clade, Harald

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LNSLNS Harsche Kritik an den aktuellen Gutachten auf Länderebene.
Bedarfspläne werden revidiert.


Ein Krankenhausplanungsgutachten ist wie ein Laternenpfahl für den Betrunkenen. Es dient nicht zur Erleuchtung, sondern nur zum Festhalten.“ So urteilte der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, Bernd Krämer, Kiel, bei einem Expertenforum anlässlich der Biersdorfer Krankenhausgespräche im September in Biersdorf/Eifel über den Aussage- und praktischen Umsetzungswert oftmals hoch dotierter Gutachten, die zur Krankenhausbedarfsplanung von interessierter Seite „bestellt“ wurden. Oftmals sind die herangezogenen Planungs- und Prognosekriterien eindimensional, zum Teil basieren sie auf überholten Statistiken und beinhalten eine Leistungsplanung ohne jeden Kapazitätsbezug. Der traditionelle Ansatz der Krankenhausplanung nach der so genannten Hill-Burton-Formel* mit gängigen Indikatoren, wie etwa der Einwohnerzahl, der Krankenhaushäufigkeit, der Liegedauer und der Bettennutzung als einzige Richtschnur zur Bemessung des Bettenbedarfs, scheint inzwischen „out“ zu sein. Vielmehr ist die Krankenhausbedarfsplanung auf Länderebene nur bedarfsgerecht, wenn sie differenziert ist und sich an den Leistungen der Plankrankenhäuser orientiert. So auch das Bekenntnis des Präsidenten der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, Dr. rer. pol. Rudolf Kösters, Münster, und der ehemaligen Gesundheitssenatorin von Berlin, Beate Hübner (CDU), über zum Teil irreale und längst überholte Bedarfs- und Kapazitätsanpassungsprognosen.
Bernd Krämer
Bernd Krämer
Beate Hübner
Beate Hübner
Rudolf Kösters
Rudolf Kösters
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Hans Heinrich Rüschmann
Hans Heinrich Rüschmann
In Biersdorf wurde vor 200 Klinikmanagern berichtet: Die von einigen Bundesländern, etwa in Nordrhein-Westfalen, Berlin, in Schleswig-Holstein und Sachsen eingeholten Krankenhausplanungsgutachten haben zwar einen heftigen Streit zwischen den Parteien und einen hohen Beachtungswert in der Öffentlichkeit erzielt. Tragfähige Entscheidungen sind auf dieser Basis aber bisher kaum getroffen worden. Im Vorfeld der Bundestagswahl im kommenden Jahr herrscht mancherorts hektischer Stillstand, Gutachten und Gegengutachten stehen sich gegenüber, so wie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, wo nach Ankündigung von Sozial- und Ge­sund­heits­mi­nis­terin Birgit Fischer (SPD) Ende dieses Jahres eine Vorentscheidung über den Bettenabbau und eventuelle Schließungen von Krankenhäusern fallen soll.
Das von Dipl.-Math. Prof. Dr. rer. nat. Hans Heinrich Rüschmann, dem Direktor der Gesellschaft für Systemberatung im Gesundheitswesen, Kiel, im Auftrag der Landesregierung Schleswig-Holstein erstellte Gutachten (von Mitte April 2000) kommt zum Ergebnis, dass im nördlichsten Bundesland rund 1 900 Klinikbetten kurzfristig abgebaut werden müssten, wenn die im Gutachten herangezogenen Methoden und Kriterien anerkannt und für die Entscheidung ausschlaggebend wären. Die angepeilte Zahl resultiert sowohl aus Schließungen von Krankenhäusern und Abteilungen, einer Neustrukturierung, der Aufnahme neuer Kliniken in den Bedarfsplan und der Genehmigung von weiteren Vertragsbetten als auch aus dem Aufbau und der Vergrößerung von Abteilungen und von Fachgebieten, die bisher unterversorgt waren.
Das Kieler Gutachten empfiehlt, zwölf Akutkrankenhäuser und zwei Abteilungen bis 2003 aus dem Plan herauszunehmen. Dies entspräche einem Abbau von 1 916 Planbetten. Damit würden fast 12 Prozent der 1998 vorgehaltenen 16 432 Krankenhausbetten abgebaut. Die Bettendichte läge dann bei 5,2 Betten je 1 000 Einwohner (Bundesdurchschnitt: sieben Betten je 1 000 Einwohner). Gleichzeitig sollten allerdings ambulante Operationszentren neu eingerichtet und Klinik-Dependancen eröffnet werden. Außerdem sollte die praxisklinische Versorgung gefördert werden. Zusätzlich sollen zwei Krankenhäuser und in bestimmten Fachgebieten zusätzliche Vertragsbetten bewilligt werden. Künftig sollen insbesondere die Bereiche Geriatrie, Frührehabilitation, Psychiatrie (auch Tageskliniken) und Praxiskliniken gefördert werden.
Der Geschäftsführer der Landeskrankenhausgesellschaft, Krämer, berichtete, dass der Krankenhausbedarfsplan im „Planungsblatt“ künftig sowohl die Zahl der Planbetten als auch die Fallzahlen vorgeben wird. Verbindlich genannt wird künftig die Gesamtzahl der Planbetten. Die Gesamtfallzahlen sollen ebenso vorgegeben, die Zahl der Abteilungen soll dagegen lediglich nachrichtlich mitgeteilt werden. Schleswig-Holstein geht von einer derzeitigen Kapazitätsauslastung von 86 bis 90 Prozent aus. Dabei wird für das Fachgebiet Pädiatrie mit 82 Prozent von einem unteren Wert bei der Kapazitätsauslastung ausgegangen. Für Belegabteilungen gelten ohnedies abweichende Auslastungsvorgaben.
Mit dem Rüschmann-Gutachten kontrastieren die Ergebnisse der Landeskrankenhausplanung: Diese weisen für das Jahr 2000 insgesamt 16 528 Planbetten, für das Jahr 2001 genau 16 163 Betten und in der Zielplanung für 2005 rund 16 200 Betten aus. Der rechnerische Saldo zwischen Auf- und Abbau von Krankenhausbetten liegt in Schleswig-Holstein bei 365 Betten.
Vorerst keine Klinikschließungen
Trotz aller Restriktionen ist die Landeskrankenhausgesellschaft mit den kurzfristigen Planungsabsichten einverstanden. Danach soll kein Krankenhaus an der Waterkant vorschnell geschlossen werden. Allerdings will man auch mithilfe der neu einzuführenden diagnoseorientierten Fallpauschalen (DRGs) ab 2003 beziehungsweise 2004 Anreize über das Regionalbudget und Komplexpauschalen setzen. Krämer berichtete, es sei ein „heilsamer Schock“ des Rüschmann-Gutachtens für die Krankenhausträger gewesen, dass die Diskussion über Krankenhauskooperationen und -fusionen forciert worden ist, der Trend zur Privatisierung beschleunigt werden könnte und Regionalkonzepte realisiert werden sollen. Es müsse allerdings noch eingehend überprüft werden, ob die Krankenhausplanungsabsichten des Landes gerichtsfest sind. Nach Angaben Krämers sind bereits Klagen gegen mögliche Feststellungsbescheide angedroht worden. Unter dem Strich resultieren aus dem zu revidierenden Krankenhausplan in Kiel Mehrforderungen der Krankenhäuser in Höhe von 60 Millionen DM pro Jahr (Schlaganfallversorgung: 12 Millionen DM jährlich; Geriatrie: rund 30 Millionen DM jährlich) – all dies unter der Vorgabe, die Planungsabsichten möglichst kostenneutral umzusetzen.
Die Krankenhausmanager bekundeten in Biersdorf einmütig: Die Landeskrankenhausplanung muss auch künftig „genuine“ Aufgabe der Bundesländer bleiben, ebenso der Letztentscheid und die Aufsicht der Landesbehörden, die für die Krankenhausplanung zuständig sind (Regierungspräsidenten). Daran dürfe auch das neue pauschalierte Vergütungssystem auf der Basis der Diagnosis Related Groups nichts ändern.
Vor einer voreiligen Bettenschließung, ohne das Morbiditätsrisiko der Bevölkerung bei der Bemessung der Bettendichte zu berücksichtigen, warnte der Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, Dr. Rudolf Köster. Wer stationäre Krankenhauskapazitäten abbauen wolle, müsse zunächst den erheblichen Nachholbedarf im komplementären Bereich „bedienen“. Es sei notwendig, teilstationäre Kapazitäten, das ambulante Operieren im Sektor der niedergelassenen Fachärzte und im klinischen Bereich zu fördern und mehr vertragsärztliche Leistungserbringer an das Krankenhaus zu binden. Dies seien allesamt bewährte Instrumente, um den vollstationären Sektor kostenwirksam zu entlasten.
Allerdings gibt es nach Überzeugung des Sprechers der nordrhein-westfälischen Krankenhäuser an Rhein und Ruhr und in Westfalen-Lippe derzeit keinen Anlass, wegen besonders hoher Fallkosten Betten stillzulegen. Die Krankenhauskosten je Fall betragen in Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt 6 000 DM (im Jahr 2000), wohingegen die Fallkosten im stationären Bereich im Durchschnitt aller Bundesländer zurzeit bei 6 335 DM liegen. Dr. rer. pol. Harald Clade

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