ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Arzthelferinnen: Mehr Kompetenz in Praxisorganisation und Kommunikation erwartet

THEMEN DER ZEIT

Arzthelferinnen: Mehr Kompetenz in Praxisorganisation und Kommunikation erwartet

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2928 / B-2486 / C-2329

Meye, Maria Rita

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LNSLNS Leser des Deutschen Ärzteblattes beschreiben ihre Vorstellungen.

Die Entscheidung für oder gegen die Novellierung einer Ausbildungsverordnung ist wohl noch nie so gründlich vorbereitet worden wie dieses Mal bei den Arzthelferinnen. Dies ist nicht zuletzt Ausdruck der hohen Wertschätzung gegenüber dem Beitrag, den diese Mitarbeiterinnen jetzt schon leisten und den sie erst recht in der ambulanten Patientenversorgung der Zukunft leisten werden.
Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung beauftragten das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) in Köln, eine arbeitsmarktbezogene Analyse zum künftigen Qualifikationsbedarf bei Arzthelferinnen durchzuführen. Nachdem die Stellungnahmen der Berufsbildungsausschüsse der Lan­des­ärz­te­kam­mern ausgewertet worden waren, gab es zum Thema „Reformbedarf“ mehrere Expertendiskussionen mit Vertretern der Ärzteschaft, der Arzthelferinnen sowie der Berufsschullehrer. Das so ermittelte Spektrum an Fakten und Einstellungen erlaubte die Formulierung eines zwar komprimierten, aber gleichzeitig umfassenden Fragebogens, der am 18. Mai 2001 im Deutschen Ärzteblatt erschien. Mehr als 1 600 Ärzte nutzten die Möglichkeit, ihre Wünsche in Bezug auf die künftigen Qualifikationen von Arzthelferinnen zu formulieren.*
Von den eingegangenen Fragebögen konnten 1 580 in die Auswertung einbezogen werden. Ärzte aus den neuen Bundesländern waren deutlich unter-, Ärzte aus Gemeinschaftspraxen etwas überrepräsentiert. Wenn man davon ausgeht, dass hauptsächlich Ärzte mit Ausbildungserfahrungen geantwortet haben, ist das nicht verwunderlich: In den neuen Bundesländern wird seltener ausgebildet; Fachärzte und Ärzte in Gemeinschaftspraxen haben höhere Ausbildungszahlen als Allgemeinärzte beziehungsweise Einzelpraxen.
Mehrheit pro Reform
Knapp 70 Prozent der Antworter sahen eine Diskrepanz zwischen den künftigen Anforderungen und den Fertigkeiten und Kenntnissen, die eine Arzthelferin derzeit normalerweise in drei Jahren Ausbildung erwirbt. Die „Hitliste“ der aus Sicht der Ärzte erweiterungs- oder verbesserungsbedürftigen Bereiche hat zwei „Spitzenreiter“: Praxisorganisation und psychosoziale/kommunikative Kompetenzen mit jeweils mehr als 80 Prozent Zustimmung. Aber auch die übrigen vorgeschlagenen Bereiche werden noch von rund 50 Prozent der antwortenden Ärzte als verbesserungsbedürftig erachtet (Tabelle).
Im Rahmen der ersten beiden Untersuchungsstufen hatte sich ein Spektrum von als „verbesserungsbedürftig“ beurteilten medizinischen Fertigkeiten ergeben. Dieses wurde im Fragebogen abgebildet mit der Bitte, alle diejenigen Kompetenzen anzukreuzen, die Arzthelferinnen künftig besser als bisher beherrschen sollten. Die häufigste Zustimmung erhielt das „Notfallmanagement“ (62 Prozent), gefolgt von der „präventiven/therapeutischen Gesundheitsberatung“ (53 Prozent). „Medizinisch-fachliches Wissen“, „Anwendung medizinischer Fachausdrücke und Grundkenntnisse über Krankheiten“ und „praktisches Können in diagnostischer und therapeutischer Assistenz“ wurden jeweils von rund der Hälfte der Antworter als verbesserungsbedürftig beurteilt.
Auch verschiedene Fertigkeiten im Hinblick auf Praxisorganisation waren im Rahmen der vorangegangenen Untersuchungen als verbesserungsbedürftig bezeichnet worden. Diese Fertigkeiten hatten wir ebenfalls kategorisiert und zur Bewertung vorgelegt. Die Ärzteblatt-Leser nannten hier am häufigsten: „Grundlagen Arbeitsorganisation/Zeitmanagement“ (78 Prozent), gefolgt von „Praxismarketing“ (68 Prozent) und „Kostendenken“ (66 Prozent). !
Da die psychosozialen und kommunikativen Kompetenzen, die „soft skills“, in den vorhergehenden Diskussionen besonders betont worden waren, haben wir auch hier im Detail nachgefragt: „Spitzenreiter“ wurden die „personenorientierte (Patienten, Ärzte, Lieferanten) und situationsangemessene (Notfälle, Terminänderungen et cetera) Gesprächsführung“ (82 Prozent) sowie der „Umgang mit ,schwierigen‘ Patientengruppen“ (70 Prozent). Was dahinter steht, war in den Expertengesprächen zum Beispiel so formuliert worden: „Bei der Arzthelferin als erster Anlaufstelle wird vieles von dem weiteren Weg bestimmt. Wenn die Arzthelferin nicht zuhören kann, sind die Patienten frustriert, und uns bleibt auf medizinischem Gebiet ein Zugang versperrt.“
Solides Grundwissen gefragt
58 Prozent der Antworter plädierten für die „Allround-Helferin“, 40 Prozent wünschten fakultative zusätzliche (zertifizierte) Spezialkenntnisse, und 38 Prozent votierten für eine Kombination aus „Basiswissen und fachspezifischen Kenntnissen“. Für eine fachspezifische Qualifizierung im Rahmen der Ausbildung ergab sich also keine Mehrheit.
72 Prozent der Befragungsteilnehmer befürworteten ein Kooperationsverfahren (zum Beispiel Verbund/Rotation/Hospitation) im Rahmen der Grundausbildung. Die überwiegende Mehrheit (83 Prozent) hat allerdings noch keine eigene Erfahrung damit, erst 16 Prozent haben bereits an einem Kooperationsverfahren teilgenommen.
Weitgehende Übereinstimmung gab es bezüglich der überbetrieblichen Ausbildungsmaßnahmen für bestimmte Qualifikationen: Sie wurden von 81 Prozent der Antworten befürwortet.
Unterschiedliche Akzente
Größere Unterschiede in der Beurteilung durch Fach- und Allgemeinärzte gab es lediglich hinsichtlich der Kenntnisse in der Prävention. Allgemeinärzte halten diesen Bereich zu 61 Prozent für verbesserungswürdig gegenüber 47 Prozent Zustimmung vonseiten der Fachärzte. Bezüglich der „präventiven/therapeutischen Gesundheitsberatung“ liegen die Prozentsätze bei 64 Prozent gegenüber 48 Prozent.
Etwas häufiger wünschen Fachärzte eine bessere Beherrschung der praxisorganisatorischen Fähigkeiten „Kostendenken“ (69 Prozent versus 61 Prozent) und „Grundlagen Qualitätsmanagement“ (51 Prozent versus 42 Prozent).
Drei Viertel der Allgemeinärzte befürworten ein breites Basiswissen, allerdings plädiert auch die Hälfte der Fachärzte für die „Allround-Helferin“. Ein Viertel der Allgemeinärzte votiert für die Kombination aus Basiswissen und fachspezifischen Kenntnissen, bei den Fachärzten ist der Prozentsatz fast doppelt so hoch.
Aus den neuen Bundesländern beteiligten sich nur relativ wenige Ärzte, das heißt: Die Auswertungsergebnisse können nur als Anhaltspunkte verstanden werden. Trotz der kleinen Zahlenbasis bestätigen die Ergebnisse aber die vorangegangene Stellungnahme der Expertenrunde mit ärztlichen Vertretern aus den neuen Bundesländern: Medizinisches Wissen und Können werden häufiger, praxisorganisatorische Fertigkeiten seltener als reformbedürftig bewertet. Insgesamt sind aber die Profile recht ähnlich, es gibt keine extremen Unterschiede.
Vor allem hinsichtlich der Praxisorganisation wünschen sich viele Ärzte eine stärkere Berücksichtigung bei der künftigen Ausbildung der Arzthelferinnen. Foto: Eberhard Hahne
Vor allem hinsichtlich der Praxisorganisation wünschen sich viele Ärzte eine stärkere Berücksichtigung bei der künftigen Ausbildung der Arzthelferinnen. Foto: Eberhard Hahne
Die bisherigen Untersuchungsschritte waren qualitativ ausgerichtet und zielten nicht auf Repräsentativität. Allerdings hat die schriftliche Leser-Umfrage die Ergebnisse aus den Expertendiskussionen im Wesentlichen bestätigt. Durch die Mitwirkung der Leser des Deutschen Ärzteblattes konnten präzisere Vorstellungen über die Gestaltung von Ausbildungsinhalten und ihre relative Relevanz für verschiedene Arztgruppen hinzugewonnen werden.
In der ersten Oktoberwoche haben 4 000 Ärzte in Deutschland Post vom Zentralinstitut erhalten mit der Bitte, auch im Rahmen der repräsentativen Befragung die Chance zu nutzen, ihre Erfahrungen aus der täglichen Praxis und ihre Vorstellungen zur Qualifikation von Arzthelferinnen in die Ausbildungsnovellierung einzubringen. Die repräsentative Studie wird die bisher ermittelten ärztlichen Einschätzungen auf breiter Basis widerlegen oder absichern. Mithilfe ihrer Ergebnisse können die bislang gewonnenen Informationen quantifiziert und gewichtet werden. Erst dadurch hat die arbeitsmarktbezogene Analyse eine verwertbare Aussagekraft mit Ergebnissen, auf die sich ein Novellierungsverfahren legitimiert stützen kann.

Maria Rita Meye
Diplom-Volkswirtin
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung
Höninger Weg 115
50969 Köln
E-Mail: MMeye@KBV.de
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