ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 6/2001Health-Care-Information-System (HCIS): Workflow-Management

Supplement: Praxis Computer

Health-Care-Information-System (HCIS): Workflow-Management

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): [18]

Koerdt, Alexander

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LNSLNS Die mangelhafte Zusammenarbeit in der ambulanten Gesundheitsversorgung trägt mit dazu bei, dass Leistungen ineffizient und teuer erbracht werden. Ein Steuerungssystem für die Behandlungskette kann hier Abhilfe schaffen.
Häufig zeichnet sich die ambulante Gesundheitsversorgung dadurch aus, dass mehrere Leistungsträ-ger orts- und zeitunabhängig an einer Behandlungskette beteiligt sind. Dabei handelt es sich nicht nur um Leistungsträger des Gesundheitswesens, son-dern darüber hinaus auch um Experten im Sozialwesen. Beispielhaft ist die Behandlung von Schleudertraumapatienten. Als Experten treten auf: Hausarzt, Neurologe, Chiropraktiker, Physiotherapeut und bei Umschulungen noch Experten des Sozialwesens.
In einer solchen Behandlungskette ist es üblich, willkürlich und unsystematisch zu kommunizieren. Es gibt keine Metasteuerungsebene für die interdisziplinäre Kommunikation. Arztbriefe werden verschickt, Telefonate geführt, gegebenenfalls Sitzungen einberufen und Protokolle verschickt. Der Wissensaustausch ist ineffizient. Die Folgen sind: Doppelungen, Informationsdefizite, Zielkonflikte und Zeitverschwendung. Es fehlt ein Steuerungssystem, das einerseits den Experten ihre Verantwortung und Kompetenz belässt, anderseits die interdisziplinäre Kommunikation orts- und zeitunabhängig so steuert, dass nicht nur Informationen ausgetauscht werden, sondern auch Wissen generiert wird.
Erforderlich ist ein Steuerungssystem, dass die Experten zu Teilnehmern in einem virtuellem Team macht und in dem sich die Teilnehmer als lernende Organisation auf Zeit verstehen. Im amerikanischen Modell des „Case-Managements“ wird der Patient durch das Hilfesystem geführt, und die Leistungen der Experten werden direktiv durch den Case-Manager definiert.
Das amerikanische Modell beschneidet jedoch die Kompetenzen der verschiedenen Leistungsträger und ist nicht auf europäische Verhältnisse in der ambulanten Versorgung übertragbar. Ein anderes Modell ist das Konzept des „Health-Care-Information-Systems“ (HCIS).
Im HCIS wird die ambulante Behandlung eines Patienten durch mehrere Leistungsträger als Geschäftsprozess betrachtet, der durch einen Workflow-Manager (WM) so moderiert wird, dass sowohl Informationen systematisch ausgetauscht werden als auch methodisch Wissen generiert wird. Das HCIS ist ein internetgebundenes Informationssystem. Der Workflow-Manager des HCIS steuert nicht Personen, sondern strukturiert den Informationsaustausch. Die Steuerung des Informationsflusses statt der Personen macht das HCIS rollen-und funktionsunabhängig. Für den Informationsaustausch ist unerheblich, ob der Arzt oder der Physiotherapeut das System nutzt – es sind die Informationen, die Relevanz haben, nicht die Personen.
Der WM nutzt für seine Leistungen der Informationsverarbeitung Methoden des Wissensmanagements. In einem ersten Informationsverarbeitungszyklus werden allen Teilnehmern der Behandlungskette vom WM Fragen auf der Grundlage der lösungs- und systemischen Beratungsmethode gestellt (zum Beispiel Zielfragen). Die Antworten jedes Leistungsträgers werden durch den WM allen Leistungsträgern zur Verfügung gestellt. In diesem ersten Zyklus bekommt somit jeder Teilnehmer Informationen über die spezifischen Leistungen jedes weiteren Teilnehmers.
Wissensmanagement
Für das Beispiel der Behandlung des Schleudertraumapatienten heißt das: Der Hausarzt erfährt, welche Differenzialdiagnose der Neurologe erstellt hat. Der Physiotherapeut wird darüber informiert, welche Schmerzmedikamente der Hausarzt verschrieben hat. Der Chiropraktiker erfährt, welche Umschulungsmaßnahmen in Angriff genommen werden und welche Schmerzmittel verschrieben wurden. Jeder kann seine Leistungen in Bezug zu den anderen Teilnehmern angleichen. Die Administration wird erleichtert, weil nur noch dem WM berichtet werden muss. Bilaterale Kontakt sind dabei möglich, aber nicht notwendig. Vorstellbar ist, dass künftig die Finanzabrechnung der gesamten Behandlungskette über das HCIS laufen könnte – die Folge wäre Kostentransparenz.
Der Begriff „Ganzheitlichkeit“ bekommt damit eine neue Bedeutung. Darüber hinaus kann jeder Teilnehmer seine Leistungen so verändern, dass Überschneidungen vermieden und die verschiedenen Ziele harmonisiert werden. Vorher implizites Wissen der Teilnehmer wird durch die Beantwortung der Fragen des WM explizit. Neues Wissen wird generiert. Das Ganze (virtuelle Team) „weiß“ mehr als die Teile (einzelne Leistungsträger).
Die Nutzung des HCIS trägt zur Effizienzsteigerung (Zeitverkürzung) und Qualitätsverbesserung bei. Es ist besonders geeignet bei allen Erkrankungen, Behinderungen und Beeinträchtigungen, bei deren Behandlung gleichzeitig mehrere Experten zuständig sind. Es ist interdisziplinär und bezieht bei Bedarf Experten im Sozialwesen mit ein. Als zusätzliche Dienstleistung stellt das HCIS behandlungsbezogene „Links“ in den Informationspool. Zur Teilnahme am HCIS ist seitens der Leistungsträger die Bereitschaft erforderlich, die Fragen des WM zu beantworten und sich so der sozialen Kontrolle durch die anderen Teilnehmer auszusetzen. Die Leistungen des Experten werden transparent – aber es entstehen keine informellen Hierarchien, weil jeder von jedem die Leis-
tungen erfährt. Seitens der Patienten ist Vertrauen in den Daten- und Persönlichkeitsschutz notwendig, ebenso wie Vertauen in die Technik (EDV-Verschlüsselung und Passwortschutz) und Vertrauen in die Teilnehmer (einschließlich des WM).
Vertrauensbildend dabei ist, dass auch die Patienten Informationen, die über sie gespeichert werden, abfragen können. Prinzipiell ändert sich für den Patienten in Bezug auf den Informationsaustausch seiner sensiblen Daten wenig. Auch ohne HCIS wurden letztlich – unsystematisch und deshalb unkontrollierbar – patientenbezogene Daten ausgetauscht. Alexander Koerdt
Kontaktadresse: Alexander Koerdt, (Psychologe FSP), Oberbergstraße 39,
CH-6390 Engelberg, Telefon: 00 41/41/
6 37 08 88, alexander.koerdt@bluewin.ch


Literatur
Wendt WR: Case-Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Freiburg Brsg.: Lambertus 1997.
Bullinger J-J (Hrsg): Workflow-Management bei Dienstleistern. Baden-Baden: GFBO-Verlag 1994.
Ferstl O, Sinz EJ: Geschäftsprozessmodellierung. In: Wirtschaftsinformatik 1993 (35); 6: 589–592
Senge MP: Die fünfte Disziplin. Stuttgart: Klett-Cotta 1996.
Radatz S: Beratung ohne Ratschlag. Institut für systemisches Coaching und Training, Wien 2000.
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Schaubild: Wissensmanagement im HCIS

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