ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Ernährung im Kindes- und Jugendalter: Konzepte gehen oft am Adressaten vorbei

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Ernährung im Kindes- und Jugendalter: Konzepte gehen oft am Adressaten vorbei

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2942 / B-2512 / C-2332

Bühring, Petra

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Adipositas ist das am schnellsten wachsende Gesundheitsrisiko. Präventive Maßnahmen sind erfolgversprechend. Foto: Wegner/laif
Adipositas ist das am schnellsten wachsende Gesundheitsrisiko. Präventive Maßnahmen sind erfolgversprechend. Foto: Wegner/laif
Überernährung und Nährstoffmangel sind die hauptsächlichen Probleme bei Kindern und Jugendlichen, wie auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn berichtet wurde.


Kinderernährung in den westlichen Industrienationen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist von Überernährung und gleichzeitigem Mangel gekennzeichnet. Die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt. Die Diagnostik und Behandlung von ernährungsbedingten Krankheiten koste inzwischen mehr als die Behandlung von Unfallopfern, betonte Prof. Dr. med. Michael Krawinkel, Institut für Ernährungswissenschaft, Justus-Liebig-Universität Gießen, bei der wissenschaftlichen Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) in Bonn. Um dem entgegenzuwirken, müssten vor allem die Eltern Ernährungskompetenz erwerben, denn: „Die sozialen Ursachen für Adipositas und nährstoffarme Ernährung sind die gleichen.“ Verstärkt müsse versucht werden, diejenigen mit Informationsangeboten über gesunde Ernährung zu erreichen, die aufgrund ihrer Schulbildung oder mangelnden Sprachkenntnisse bisher davon ausgeschlossen sind. „Unsere Konzepte gehen oft am Adressaten vorbei“, erklärt Krawinkel. Ein Lösungsansatz sei, Ernährung als Schulfach einzuführen. Die DGE setzt auf die Kompetenz von Eltern, Multiplikatoren und Kindern, für die sie ernährungswissenschaftliche Forschungsergebnisse aufbereitet. In Sachsen beispielsweise wurden 70 Ernährungsberaterinnen eingesetzt, die in Kindergärten, Schulen und auf Elternabenden aufklären.
Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation sind jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland übergewichtig. Adipositas ist das am schnellsten wachsende Gesundheitsrisiko; die Begleiterkrankungen (Typ 2 Diabetes mellitus, Hypertonus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und Folgeerkrankungen (diabetische Nephropathie) steigen ebenfalls. Prof. Dr. med. Manfred J. Müller, Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde, Universität Kiel, berichtete über die Zwischenergebnisse der Kieler Adipositaspräventionsstudie (Kiel Obesity Prevention Study, KOPS). Dabei wurden seit 1996 jährlich jeweils 500 bis 1 000 fünf- bis siebenjährige Kinder bei ärztlichen Schulanfangsuntersuchungen in Kiel erfasst. Die Kinder werden hinsichtlich ihres Adipositasrisikos charakterisiert und bis zur Pubertät verfolgt. Präventive Interventionen wurden im Schulunterricht (Ernährungserziehung, „bewegte Pausen“) und in den Familien (Ernährungsberatung) durchgeführt.
Die Adipositasprävalenz der fünf- bis siebenjährigen Kinder beträgt 23 Prozent; ein Adipositasrisiko haben weitere 21 Prozent der Normalgewichtigen. Die Prävalenz hat sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt. Adipositas findet man häufiger bei Kindern, deren Eltern selbst übergewichtig sind, bei Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss und bei inaktiven Kindern. Die Interventionen wurden von allen Beteiligten gut angenommen und verbesserten die Ernährung, das Wissen darüber und das gesundheitsrelevante Verhalten (mehr Bewegung, weniger Zwischenmahlzeiten). Die Ergebnisse zeigten, wie erfolgreich Prävention sein kann, betonte Müller. Eine geeignete Maßnahme der Adipositas-Prävention sei neben der „Hochrisiko-Strategie“, wie der Behandlung Übergewichtiger mit hohem Krankheitsrisiko, die „Public-Health-Strategie“, die auf Gesund­heits­förder­ung und Ernährungserziehung setzt. Ernährung sollte nicht nur Bestandteil in Schulcurricula sein, gesunde Nahrung sollte in allen öffentlichen Kantinen selbstverständlich sein.
Die Prävalenz der Nahrungsmittelallergien bei Kleinkindern liege derzeit bei acht Prozent, berichtete Dr. rer. medic. Imke Ehlers, München. Die häufigsten Allergene sind Hühnerei, Kuhmilch, Weizen und Soja. Häufig treten sie in Verbindung mit atopischen Erkrankungen auf; rund ein Drittel der Kinder mit mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis leidet auch unter einer Nahrungsmittelallergie. Das Risiko, eine atopische Erkrankung zu entwickeln, steigt mit der Zahl der Atopiker in der nahen Familie, das Asthma-Risiko allerdings nur, wenn ein Elternteil, meist der Vater, erkrankt ist. Über präventive Maßnahmen werde derzeit kontrovers diskutiert, betonte Ehlers. Während bis vor kurzem ein allergikerfreundliches Wohnmilieu (keine Haustiere und Teppiche) bei Hochrisiko-Säuglingen empfohlen wurde, mehrten sich die Daten, dass der sehr frühe Kontakt mit Tieren – insbesondere mit Stalltieren – negativ mit dem Auftreten allergischer Erkrankungen korreliere. Kinder aus Bauernfamilien haben ein deutlich niedrigeres Allergierisiko. Für das Stillen zur Prävention gilt die gleiche Empfehlung weiter: Risikosäuglinge sollten sechs Monate ausschließlich gestillt, danach Beikost schrittweise eingeführt werden. Haben Krankengeschichte und Tests einen Verdacht auf ein bestimmtes Nahrungsmittel ergeben, folgt eine Auslassdiät bis zur Symptomfreiheit. Anschließend sollte auf jeden Fall eine Provokation erfolgen, erklärte Ehlers, im Idealfall doppelblind und placebokontrolliert (DBPC). Wegen des aufwendigen Verfahrens werde darauf bei Kleinkindern oft verzichtet, wenn es sich um klare Sofortreaktionen handelt. Liege jedoch ein zusätzliches chronisches Krankheitsbild vor, sichere die DBPC-Provokation die schwierige Interpretation. Schließlich brauche der Patient nicht unnötig auf ein bestimmtes Nahrungsmittel zu verzichten, wenn die Provokation negativ ausfällt.
Ist hingegen die Allergen-Karenz notwendig, müsse der Patient umfassend über das Vorkommen von Allergenen beraten werden. Auch auf versteckte Allergene, beispielsweise in Restmengen aufgrund des Herstellungsverfahren oder auch durch Rezepturveränderungen, sollten Ernährungsberater hinweisen. Wichtig sei auch, über Ersatznahrungsmittel aufzuklären. Viele Patienten seien wenig darüber informiert, dass die fehlenden Nährstoffe ausgeglichen werden müssen, beklagte Ehlers.
Vegetarische Ernährung erfordert mehr Kenntnisse
Über Risiken und Nutzen alternativer Ernährungsformen im Wachstumsalter berichtete Priv.-Doz. Dr. troph. Mathilde Kersting, Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE), Dortmund. Grundsätzlich werden die vom FKE entwickelten Ernährungskonzepte für Säuglinge („Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr“) und Kinder (Optimierte Mischkost, optimiX“) empfohlen. Legen die Eltern Wert auf eine vegetarische Ernährung, seien spezielle Sojanahrungen für Säuglinge (jedoch keine Sojadrinks) Ersatz für herkömmliche Säuglingsanfangsnahrungen.
Erste Wahl ist jedoch das Stillen in den ersten vier bis sechs Monaten. Selbst zubereitete Säuglingsnahrung aus Tiermilch sei dagegen immer mit Risiken (Nährstoffmangel, Allergien) verbunden. Grundsätzlich abzulehnen seien Roh- und Vorzugsmilch. Die Beikost im „Ernährungsplan“ könne selbst zubereitet werden, allerdings enthielten selbst hergestellte Breie im Gegensatz zu Fertigbreien nicht ausreichend Jod, da die Jodzugaben im Getreide fehlen. Anders bei den Fertigmahlzeiten in Gläsern: Diese enthielten, aufgrund der EU-Gesetzgebung, nicht ausreichend Fett, die FKE empfiehlt daher, den Gläschen jeweils einen Teelöffel Öl zuzusetzen.
Eine vegetarische Ernährung ist prinzipiell möglich, erfordert allerdings umfangreiche ernährungsphysiologische Kenntnisse des Verbrauchers. Insofern ist sie risikoreicher. Petra Bühring
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