ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Psychotherapie: Altlasten und Probleme übergangen

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Psychotherapie: Altlasten und Probleme übergangen

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2946 / B-2500 / C-2344

Sporner, Thomas

Zu dem Beitrag „Gutachterverfahren in der Psychotherapie: Sinnvoll und verbesserungsfähig“ von Dr. med. Dipl.-Psych. Dieter Kallinke und Dr. biol. hum. Dipl.-Psych. Peter Kosarz in Heft 40/2001:
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LNSLNS Es ist zu begrüßen, wenn auch die Psychotherapie als Heilverfahren im DÄ Interesse und Raum findet. Das so genannte Gutachterverfahren in der Richtlinienpsychotherapie verdient erst recht diese Aufmerksamkeit, stellt es doch eine Einzigartigkeit in der ärztlichen Versorgung dar. Kein Internist, Chrirurg oder Gynäkologe würde akzeptieren, die Inanspruchnahme seiner Heilkunst und seine Behandlungsplanung gegenzeichnen zu lassen. Hier muss man schon Vergleiche zur zahnprothetischen Versorgung oder zur ästhetisch-plastischen Chirurgie bemühen. So erfordert dieser Sachverhalt differenzierte und fundierte Begründung. Die Stellungnahme der verhaltenstherapeutischen Gutachter liefert diese nicht, auf tiefenpsychologischer Seite sieht es nicht besser aus: Die beschworene „Synopsis der Angaben des antragstellenden Psychotherapeuten und der Krankenkasse hinsichtlich relevanter Vorerkrankungen und sozialmedizinischer Aspekte (Arbeitsunfähigkeitszeiten)“ leistet jeder Arzt in seiner Praxis täglich. Die Abwägung von Symptomschwere und Aufwand der Heilmaßnahme erfordert durchaus Erfahrung und Sensibilität, nicht jedoch zwingend einen anonymen Dritten.
Es wird nicht offen bekannt, dass das Gutachterverfahren aus Zeiten rührte, als es noch keine allgemeingültigen Standards bezüglich der Qualifikation von Psychotherapeuten gab. Dies hat sich im ärztlichen Bereich seit 1988, im psychologischen Bereich nun mit dem PTG geändert.
Es wird nicht offen bekannt, dass das Gutachterverfahren eigentlich ein Kuriosum im ärztlichen Bereich darstellt, nämlich ein verbindliches Urteil über einen Kranken zu fällen, ohne diesen je gesehen zu haben.
Nicht umsonst ist das Prinzip der psychotherapeutischen Supervision zunehmend in Kritik geraten. Supervision ist eben kein Super-Wissen, sondern eine Gelegenheit zum Reflektieren. Die Autonomie der Behandlungssituation muss respektiert bleiben.
Es wird nicht offen bekannt, dass nicht die Realität des Patienten beurteilt wird, sondern die schriftliche Darstellung durch den Therapeuten. Die Problematik von Krankengeschichten und ihrer begrenzten Möglichkeit der klinischen Abbildung gerade in der Psychotherapie wird gar nicht bedacht.
Es mag zugestanden werden, dass in Deutschland auch durch das Gutachterverfahren ein international herausragender Standard in der Psychotherapie errungen und gewahrt wurde. Auch ist das Gutachterverfahren allein schon fachlich allemal einer MDK-Beurteilung vorzuziehen. Es sollten jedoch die impliziten Altlasten und Probleme nicht salbungsvoll übergangen werden!
Dr. Thomas Sporner, Lange Straße 47, 89160 Dornstadt
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