ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Orthopädie: Chancen auf durchgreifende Verbesserung

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Orthopädie: Chancen auf durchgreifende Verbesserung

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2947 / B-2516 / C-2335

Hontschik, Bernd

Zu dem Kommentar „Konservative Orthopädie: Ein Plädoyer“ von Prof. Dr. med. Jürgen Krämer in Heft 40/2001:
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LNSLNS Wenn Prof. Krämer davon spricht, dass das „bewährte System der ambulanten Versorgung muskuloskelettaler Erkrankungen im deutschen Gesundheitssystem nicht aufs Spiel“ gesetzt werden darf, fallen mir als Durchgangsarzt, der seine Praxis zehn Stunden am Tag für die Sofortversorgung berufsgenossenschaftlicher Unfälle offen hält, als Erstes die vielen Patienten mit akuten Rückenschmerzen oder akuten Schulterschmerzen ein, die uns als Notfälle mehrmals täglich aufsuchen und berichten, dass sie bei ihrem Orthopäden erst in zwei oder drei Wochen einen Termin in der Sprechstunde erhalten hätten. Wenn wir einen akuten Bandscheibenvorfall oder einen massiven Schmerzschub bei osteoporotischen Wirbelfrakturen finden, so sind es immer neurochirurgische oder (unfall-)chirurgische Kliniken, die mit ihrer Notaufnahme zur Verfügung stehen; in einer orthopädischen Klinik habe ich noch nie von hier auf jetzt ein Bett für einen meiner Akutpatienten bekommen. Die Orthopädie scheint mir insgesamt das „Gefühl“ dafür verloren zu haben, dass es akute Notfälle auch in ihrem Bereich gibt. Deswegen bin ich eigentlich sicher, dass die geplante Zusammenführung der unfallchirurgischen und der orthopädischen Facharztausbildung das „bewährte System“ nur verbessern kann.
Ganz und gar unterstützen möchte ich Herrn Prof. Krämers Plädoyer für die konservative Orthopädie. Wenn ich mir die Entwicklung der Zahl der Arthroskopien des Kniegelenks in meinem, dem niedergelassenen, Bereich in den letzten fünf Jahren anschaue, so möchte ich doch hoffen, dass ein Weg gefunden wird, diesem Unsinn Einhalt zu gebieten. Auch hier glaube ich, dass die geplante Zusammenlegung der Facharztausbildung einen positiven Einfluss haben wird.
Abschließend: Ich wundere mich immer wieder, wie wenig die Orthopädie in Deutschland bis jetzt von dem längst überfälligen Paradigmawechsel aufgenommen hat, der rundherum in heißer Diskussion ist. Der Vorsitzende der Schweizer Gesellschaft für Orthopädie, Dubs, schreibt: „Wir haben in der Vergangenheit erkennen müssen, dass biomechanisch einleuchtende, gut durchdachte Therapiekonzepte die Probleme des Patienten nicht immer lösen konnten, auch wenn die Eingriffe technisch einwandfrei durchgeführt wurden. Ebenso haben identische Operationen bei einem Patienten genützt, beim anderen nicht. In solchen Momenten beginnt man sich zu fragen, welche Elemente der ärztlichen Behandlungskonzepte unerkannt und unberücksichtigt geblieben sind.“
Das wären also die drei Dinge, die ich an dem „bewährten Konzept“ der derzeitigen Orthopädie immer wieder, sozusagen mehrmals täglich, scheußlich finde: kein Konzept für akute orthopädische Notfälle, kein Konzept zur Eindämmung der Arthroskopie-Indikationen, kein Konzept zur Einbeziehung der Wirklichkeit des Patienten in die therapeutischen Maßnahmen.
Mir scheint (im Gegensatz zu Prof. Krämer), dass die geplante revolutionäre Änderung der chirurgischen Facharztausbildung hier voller Chancen auf durchgreifende Verbesserungen steckt, nicht zuletzt wegen der Einbeziehung der Qualifikation zur psychosomatischen Grundversorgung in den „common trunk“, den alle operativ tätigen Facharztkandidaten zunächst durchlaufen müssen.
Dr. med. Bernd Hontschik,
Zeil 65–69, 60313 Frankfurt/Main
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