ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 6/2001Internet-Recherche: Störungen des Kindes- und Jugendalters

Supplement: Praxis Computer

Internet-Recherche: Störungen des Kindes- und Jugendalters

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): [44]

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen weisen wichtige Unterschiede zu Störungen bei Erwachsenen auf. Der Beitrag stellt eine Auswahl qualifizierter Websites zur Kinderpsychologie und
-psychiatrie vor.
Noch im 19. Jahrhundert wurde das Vorhandensein von psychischen Störungen im Kindesalter bestritten. Durch die Erkenntnisse der Entwicklungspsychopathologie und -psychiatrie der letzten drei Jahrzehnte kann man heute jedoch auf differenziertes Wissen in Bezug auf Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen zurückgreifen. Die Zahlen zur Epidemiologie von psychischen Störungen in dieser Lebensspanne werden allerdings von verschiedenen Autoren je nach zugrundegelegter Studie unterschiedlich eingeschätzt: Warnke (2001) zum Beispiel stellt fest, dass mindestens fünf bis sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen so schwerwiegend psychisch erkrankt sind, dass sie therapeutischer Hilfe bedürfen. Shaffer (1998) geht davon aus, dass mindestens zwölf Prozent, möglicherweise bis zu
20 Prozent aller Kinder vor Erreichen des 18. Lebensjahres von psychischen Störungen und gravierenden emotionalen Problemen betroffen sind. Nach Comer (1995) liegen die Prozentzahlen sogar noch höher: Er zitiert Studien, wonach 17 bis 22 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in den USA eine diagnostizierbare psychische Störung haben. Dabei übertrifft die Zahl der Jungen mit psychischen Erkrankungen die der Mädchen. Dies ist hochinteressant vor dem Hintergrund, dass die Prävalenz von psychischen Störungen bei erwachsenen Frauen in der Regel höher ist als bei Männern.
Abbildung oben: Die Homepage des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V. Abbildung rechts: Website der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Erlangen-Nürnberg
Abbildung oben: Die Homepage des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V. Abbildung rechts: Website der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Erlangen-Nürnberg
Übereinstimmung herrscht jedoch darüber, dass wichtige Differenzen zwischen den Störungen von Kindern und Erwachsenen bestehen und erstere somit nicht als altersentsprechende Fortschreibungen der Störungen von Erwachsenen zu behandeln sind. Daher ist es notwendig, dass Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und alle anderen Berufsgruppen, die mit erkrankten Kindern und Jugendlichen in der Pra-xis konfrontiert sind, über Kenntnisse in Entwicklungspsychiatrie und -psychopathologie verfügen. Im Folgenden werden Internet-Adressen vorgestellt, die gute Startpunkte zur eigenen Recherche sind und qualifizierte Ressourcen zum Thema bieten.
Leitlinien
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat auf ihrer Website zum Thema Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Leitlinien für Diagnostik und Therapie publiziert (1), die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (2) zusammen mit den anderen Verbänden dieses Faches entwickelt wurden. Betont wird, dass das Ziel der Leitlinien nicht sei, Ärzte im Umgang mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen und deren Familie zu reglementieren, ärztliche Handlungsspielräume einzuengen oder Fehler zu vermeiden, sondern das Bemühen, Diagnostik und Therapie zu optimieren. Fachleute finden hier Informationen zu verschiedenen Störungsbildern, wie beispielsweise Entwicklungsstörungen der Sprache und schulischer Fertigkeiten, tiefgreifende Entwicklungsstörungen, hyperkinetische Störungen, phobische und emotionale Störungen des Kindesalters, Tic-Störungen und Suizidalität im Kindes- und Jugendalter.
Der Internet-Auftritt des Berufsverbandes der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e.V. (3) hält nicht nur Informationen zum Verband (Satzung, Regionalgruppen etc.) bereit, sondern hat eine umfangreiche Linksammlung zu einzelnen psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter zusammengetragen. Fachleute und auch betroffene Eltern können dort in einer Datenbank nach Praxen, Ambulanzen, Tageskliniken und Kliniken in Wohnortnähe suchen. Ein Tageskalender, Verweise auf Fachzeitschriften, eine Rubrik mit Buchbesprechungen und ein Diskussionsforum runden das Angebot ab.
Auf den WWW-Seiten des Ausbildungsgangs für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Universität zu Köln, Ausbildungsschwerpunkt Verhaltenstherapie (4), finden Ausbildungsinteressierte eine Liste mit Instituten, die zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ausbilden. Das Linkverzeichnis soll künftig erweitert werden, zum Beispiel um Psychologische Institute an Universitäten, die den Forschungsschwerpunkt Kinder- und Jugendpsychotherapie und -psychiatrie haben.
Die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland e.V. (5) beantwortet Fragen, wie analytische Psychotherapie Kindern und Jugendlichen helfen kann, welche Symptomatiken und Krankheitsbilder behandelt werden können und welche zentralen Fragestellungen Betroffene bei der Erstuntersuchung erwarten. Neben Hinweisen zur Ausbildung in Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie richtet sich ein Bereich speziell an junge Ratsuchende und informiert in altersgemäßer Sprache über Psychotherapie und Kontaktadressen.
Websites für Patienten und Betroffene
Für erkrankte Kinder und Jugendliche und für betroffene Eltern gibt es im Internet eine Vielzahl von Ressourcen, die sowohl von Fachleuten als auch von Leidensgenossen angeboten werden. Exemplarisch werden einige Internet-Adressen genannt:
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie stellt nicht nur Fachinformationen online, sondern ebenso eine Rubrik mit dem Titel „Informationen für Familien“ (6). Diese enthält eine aktuelle Übersicht zu Themen, die Kinder, Jugendliche und deren Familien betreffen. Unter den Stichworten: Ängstlichkeit, Alkohol und andere Drogen, Aufmerksamkeitsstörungen, Bettnässen (Enuresis), Darmkontrolle, Essstörungen, Manisch-depressive Erkrankungen, Panikattacken, Psychisch kranke Kinder, Psychisch kranke Erwachsene, Scheidung, Schizophrenie, Schulangst, Selbsttötung und Tic-Störungen erhalten Hilfesuchende eine leicht verständliche Aufklärung zu Aspekten wie Epidemiologie, Symptomatik und Behandlungsmöglichkeiten der Störungsbilder.
Darüber hinaus bieten niedergelassene Psychotherapeuten im WWW Informationsmaterial zu einzelnen Krankheitsbildern an, auf die sie sich spezialisiert haben. So unterhalten der Diplom-Psychologe Piero Rossi und der Arzt Martin Winkler das Portal „ADD-online“ (ADD steht für „Attention-Deficit-Disorder“, auch bekannt unter „Hyperkinetische Störungen“) (7). Dort werden häufig gestellte Fragen von Eltern beantwortet, deren Kinder unter ADD leiden. Die Nutzer erhalten Tipps zum Umgang mit und zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen sowie Hinweise auf Mailinglisten zum Austausch unter Betroffenen und auf Selbsthilfeliteratur.
Für Internet-Seiten von Betroffenen kann exemplarisch die Homepage von Robin, einem autistischen Jungen angeführt werden, die seine Mutter gestaltet (8). Dort berichtet sie ausführlich über die Krankheit, schildert eindrucksvoll Robins Entwicklung durch Textbeiträge und Fotos und stellt eine „Tipp-Ecke für Erziehungsfragen“ zur Verfügung, ein Forum, in dem sich betroffene Eltern austauschen und unterstützen können. Weitere Internet-Quellen zu dieser Erkrankung finden sich unter 9 und 10.
Betroffene Jugendliche sind auch im Netz aktiv, um Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen, über ihre Krankheit zu berichten, die eigenen Probleme darzustellen und so dazu beizutragen, Vorurteile über psychisch Kranke abzubauen (vgl. Eichenberg, 1998). Ein Beispiel hierfür ist die Schülerzeitung „Klapse“, ein Projekt an der Schule in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rheinische Lan-des- und Hochschulklinik Düsseldorf. Die Zeitschrift erscheint seit 1991 und wird – mit Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer –
auch im Internet veröffentlicht. Christiane Eichenberg
Kontaktadresse: Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg, Universität zu Köln, E-Mail: Christiane@rz-online.de,
Internet: www.christianeeichenberg.de

Literatur
Comer RJ: Klinische Psychologie. Heidelberg: Spektrum 1995.
Eichenberg C: In der virtuellen Welt – Selbstdarstellung im Internet. In: Janssen L (Hrsg.): Auf der virtuellen Couch – Selbsthilfe, Therapie und Beratung im Internet. Bonn: Psychiatrie-Verlag
1998.
Shaffer D: Seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen. In H.-U. Wittchen, Handbuch psychische Störungen (2. Aufl.). Weinheim: Beltz 1998.
Warnke A: Psychische Störungen. In: Speer CP/Gahr M (Hrsg.): Pädiatrie. Berlin: Springer 2001.

 1 Leitlinien für Diagnostik und Therapie:Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, veröffentlicht von der AWMF © www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/ll_kjpp.htm
 2 Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V. © www.dgkjp.de/
 3 Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e. V. © www.bkjpp.de/kinderpsychiatrie.htm
 4 Ausbildungsgang für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Universität zu Köln © www.akip.de
 5 Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland e.V. © www.vakjp.de
 6 Informationen für Familien der DGKJP © www.kjp.uni-marburg.de/fff/ Fact_pg1.htm
 7 ADD-online © www.psychologie-online.ch/add
 8 Robins Homepage zum Thema Autismus © www.autismus.com
 9 AutismusTherapieZentrum Köln © www.autismus-koeln.de
10 Bundesverband Hilfe für das autistische Kind © www.Autismus.de
11 Schülerzeitung der Schule in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rheini-
sche Landes- und Hochschulklinik Düsseldorf © www.klapse.de
12 Dr. med. Jan Nedoschill, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Erlangen-Nürnberg © www.kinder-psych.de
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