ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Indien: Völkermühle am Ganges

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Indien: Völkermühle am Ganges

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2978 / B-2522 / C-2244

Loosen, Hans-Werner

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Taj Mahal in Agra/Indien – von Shah Jahan in den Jahren 1630 bis 1652 errichtet
Taj Mahal in Agra/Indien – von Shah Jahan in den Jahren 1630 bis 1652 errichtet
Unter der Dunstglocke hupen Autos, Busse, Dreirad-Rikschas, Mopeds und Lastwagen eine endlose Kakophonie. Beulen belegen Kollisionen im Schritttempo. Kühe und Ziegen blockieren die Blechlawinen. Ochsenkarren, Radfahrer und ausgemergelte Hunde schlängeln sich artistisch durch die Karawanen. In den Staus putzen Kinder mit Lappen die Scheiben der Taxis und zeigen den Fremden auf den Rücksitzen bettelnd ihre dünnen Bäuche. Mütter stillen ihre Babys am Straßenrand. Neben den Betonbändern mit staubigen Bougainvilleen werben farbige Reklametafeln für Computer. Die Schaufenster sind prall gefüllt mit Teppichen, Gold, Silber und Edelsteinen, Seide und Malereien. Vor den Kinos warten viele Männer mit Turbanen und wenige verschleierte Frauen auf einen Liebesfilm oder den Celluloidstreifen vom programmierten Sieg des Guten über das Böse. Diskotheken gibt es nicht, Bars nur in den Hotels.
Delhi ist eine Metropole der Kontraste. Zwölf Millionen Menschen drängen sich in Indiens Hauptstadt. Niemand weiß, wie viele Jahr auf Jahr auf der Suche nach Arbeit aus anderen Regionen hinzuströmen. 43 Prozent Arbeitslosigkeit beuteln den Subkontinent. „Indiens Reichtum“, erkannte Mahatma Gandhi, „sind seine Menschen.“ Das Land, neunmal so groß wie Deutschland, müsste danach unermesslich reich sein: Mehr als eine Milliarde Menschen teilen sich 3 287 263 Quadratkilometer. Der Hügel, auf dem der Leichnam des gewaltlosen Freiheitskämpfers 1948 eingeäschert wurde, ist ein Wallfahrtsort: Hindus knien barfüßig und streuen Blumen. Aus der Pipeline, die zur Gedenkstätte Raj Ghat gelegt wurde, fließt Wasser des fernen Ganges.
Für die vielen Fremden, die das Land zwischen Kaschmir im Norden und Kap Kanyakumari im Süden bereisen, ist Raj Ghat nur ein Stein im gigantischen Mosaik der Shenswürdigkeiten. Ramseh Punjabi, Manager des Reiseveranstalters Sita-Tours, Partner des Hamburger Fernreise-Spezialisten Aeroworld, weiß: „Die Besucher aus Deutschland haben die Franzosen als touristische Spitzenreiter abgelöst.“ Seine Fremdenführer verstehen längst nicht alle der 1 652 Dialekte im fernöstlichen Babylon, aber sie sprechen die Sprachen ihrer Gäste. Nahezu perfektes Deutsch haben sie bei den Goethe-Instituten gelernt – wie Dipendra Singh, der im Goldenen Dreieck zwischen Delhi, Agra und Jaipur in Rajasthan die Historie früherer Jahrhunderte zu neuem Leben erweckt.
Das Rote Fort in Delhi und das Indiagate mit 80 000 in Sandstein gemeißelten Namen der Kämpfer für die Unabhängigkeit von Agra trennen 200 Kilometer. Am Ufer des Yamuna reckt sich das größte Bauwerk, das je aus Liebe geschaffen wurde, in den blauen Novemberhimmel: das Taj Mahal. Mogul Shan Jahan ließ es zwischen 1631 und 1653 von 20 000 Arbeitern für seine Lieblingsfrau Mumtaz errichten, die nach 14 Geburten in 19 Ehejahren im Kindbett gestorben war. Der symmetrische Palast aus weißem Marmor, Weltkulturerbe der Unesco, schimmert je nach Tageslicht in einer anderen Farbe und zieht jährlich zwei Millionen Ausländer und drei Millionen Inder an. Die Eintrittspreise – 950 Rupien für Fremde, 20 für Einheimische – ärgern die Verkäufer von Schnickschnack.
In Sichtweite, hinter bis zu 21 Meter hohen Mauern aus rotem Sandstein und Wassergräben, lockt ein zweiter Magnet: Fort Agra mit einst 500 Räumen, davon drei für die drei Frauen des Mogul-Kaisers – eine Hindu, eine Muslimin und eine Christin.
Auf der Tour in Indiens Geschichte muss Fahrer Kalid viermal tanken. Er weicht auf den Schotter aus, wenn überladene Lastwagen und überfüllte Busse im Linksverkehr den gesamten Asphalt für sich beanspruchen und Kamelkarren überholen. Er bremst und lässt die Hand nur von der Hupe, wenn heilige Kühe gemächlich die Straße überqueren. Er stoppt für ein Foto, wenn Mongolen ihre schwarzen Tanzbären am Nasenring hochreißen; umkurvt zwischen Feldern und gelb blühendem

Senf die Schlaglöcher, bis der weiße Fiat in einer ausgefahrenen Rinne aus Sand stecken bleibt. Jaipur ist, gemessen an indischen Verhältnissen, eine schmucke Kleinstadt mit 2,5 Millionen Einwohnern. 108 Fuß breite, im Jahr 1727 am Reißbrett geplante Straßen verbinden die sieben Eingangstore. Die Häuser mit morbidem Charme, neun Blocks für neun Kasten, sind rosarot gestrichen, seit der britische König Edward im Jahr 1876 die Stadt besuchte. Vor Hawa Mahal, dem Palast der Winde, der nur eine prunkvolle potemkinsche Fassade vor den ehemaligen Unterkünften der Haremsdamen ist, tobt der Verkehr. Auf dem Bürgersteig vor dem alten Observatorium, in dem noch immer die religiösen Feiertage bestimmt werden, lässt ein Schlangenbeschwörer eine zahnlose Kobra tanzen.
Das nahe Amber war sechs Jahrhunderte lang die Metropole des Raiputenreiches, bis es um 1730 von Jaipur abgelöst wurde. Der Weg zur Festung Amber führt durch das Genesha-Tor, prunkvoll mit Mosaiken, Fresken, Skulpturen und einem Bild des Elefantengottes dekoriert. Der dickbäuchige Lieblingsgott der Hindus ist allgegenwärtig: Er schmückt Tempel und Paläste, Hausschreine und Taxischeiben. Führer Singh erzählt seine Geschichte: „Gott Shiva hielt seinen Sohn Ganesha für den Liebhaber seiner Frau Parvati und schlug ihm mit einem einzigen Schwerthieb den Kopf ab. Shiva musste der zornigen Parvati versprechen, den Kopf ihres Lieblingssohnes durch das Haupt des ersten Lebewesens zu ersetzen, das ihm über den Weg lief. Es war ein Elefant.“ Indiens Himmel ist voller Götter.
Fort Amber thront wehrhaft auf dem Gipfel einer Bergkette hinter einer 14 Kilometer langen Mauer. 120 Elefanten, ihrer wertvollen Stoßzähne ledig, schaukeln für 450 Rupien Touristen den steilen Weg zur Festung hoch, in der sich Maharadscha Mansingh im 16. Jahrhundert von drei Haupt- und 120 Nebenfrauen verwöhnen ließ.
Wie die alten Herrscher lebten, belegt eine gewaltige Festung, drei Autostunden von Amber entfernt. Die Nachfahren des Maharadschas Zalim Singh haben keine Macht mehr, aber sie haben ihren Besitz weitgehend retten können. Um das Erbe vor dem Verfall zu bewahren, lassen sie nun Touristen im Fort Kuchaman wohnen: 1 100 Arbeiter haben die Latifundie auf dem Felsen elf Monate lang restauriert und 51 historische Zimmer im Gewölbe für sie hergerichtet.
Im Tal, an der Straße nach Amber, ist der Beweis, dass die Kunst die Jahrhunderte überdauert hat. 40 Maler pinseln hinter der unscheinbaren Fassade der Mewar Art Gallery mit haarfeinen Strichen. Sie arbeiten mit Naturfarben auf altem Papier, Seide, Marmor, Holz und Kamelknochen, bis zu zwei Jahre an einem einzigen Werk. Babuhal Somi hat 7 000 Bilder und filigrane Schnitzereien zur Auswahl. Die erotischen Bilder holt Somi aus einer Mappe unter der Ladentheke hervor. Er reicht seinen Besuchern eine Lupe für einen Blick auf die kunstvollen Details.
Hans-Werner Loosen
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