ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Grundschüler im Internat: „Zwergenhaus“ und „Spatzennest“

VARIA: Bildung und Erziehung

Grundschüler im Internat: „Zwergenhaus“ und „Spatzennest“

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): A-2984 / B-2334 / C-2096

Kühn, Beate

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In der Freizeit erkunden die Großen mit den „Zwergen“ die Umgebung des Internats. Foto: Schloss-Schule Kirchberg
In der Freizeit erkunden die Großen mit den „Zwergen“ die Umgebung des Internats. Foto: Schloss-Schule Kirchberg
Wenn es um den Internatsbesuch Sechs- bis Zehnjähriger geht, scheiden sich die Geister.

Gerade bei Arztehepaaren sind häufig beide Partner stark in den Beruf eingebunden. Die Zeit für die Familie ist knapp bemessen – zum Leid der Kinder wie der Eltern. In einer solchen Situation mag sich die Frage stellen, ob die Sprösslinge in einem Internat vielleicht besser aufgehoben sind.
In Deutschland ist die Internatserziehung längst nicht so populär wie in den angelsächsischen Ländern, gleichwohl gibt es eine Reihe interessanter Angebote. Ob die Kinder allerdings schon im Grundschulalter das Internat besuchen sollten, wird als Gewissensfrage behandelt.
Nur in begründetenFällen ins Internat
Von einem Internatsbesuch vor der fünften Klasse rät Dr. phil. Detlef Kulessa von der Agentur „Töchter und Söhne“ eher ab. Nur in begründeten Fällen, zum Beispiel bei sehr gespannten Familiensituationen oder für verwaiste Kinder, stelle das Internat eine Alternative dar. Die Nachfrage nach Internatsplätzen für Grundschüler sei mit einem Anteil von ungefähr fünf Prozent relativ gering.
Bis zur siebten Klasse ist die räumliche Nähe zum Elternhaus noch bedeutsam. „Das Gefühl, dass Mutter und Vater in kurzer Zeit das Internat erreichen können, ist für jüngere Kinder wichtig“, so Kulessa. Ab der Pubertät ist es für die Heranwachsenden „cooler“, wenn sie weiter von zu Hause weg sind. Das ist dann häufiger für die Eltern ein Problem.
Bernhard Marohn vom Verband Deutscher Privatschulen e.V., Frankfurt, vertritt ebenfalls die Meinung, dass für Grundschüler die Unterbringung in einem Internat lediglich als Notfallhilfe zu verstehen sei.
Ein deutsches Internat mit einer privaten Grundschule gibt es bisher nur in Baden-Baden. Grundschulen in freier Trägerschaft sind überhaupt recht selten. Das liegt vor allem daran, dass das Grundgesetz die Entstehung von Grundschulen in freier Trägerschaft erschwert. Im Vergleich zu anderen Schulzweigen müssen besondere Auflagen erfüllt sein oder bestimmte (zum Beispiel religiöse) Prägungen vorliegen, damit eine private Grundschule staatlich anerkannt werden kann.
Nur ein Prozent der Kinder im Grundschulalter besucht überhaupt eine private Schule, bei den älteren Schülern sind es fünf bis sechs Prozent, bei Gymnasiasten sogar zehn.
Zum traditionsreichen Pädagogium Baden-Baden gehören neben der Realschule, dem allgemein bildenden und dem Wirtschaftsgymnasium auch ein Tageskindergarten sowie die Wohn- und Tagesgrundschule. In einer separaten, kindgerechten Anlage am Waldrand ist reichlich Platz für bis zu 25 Internatskinder und 135 Tagesschülerinnen und -schüler. Die zweizügigen Klassen 1 bis 4 lernen in der „Eulenschule“ und nehmen im „Futterhaus“ gemeinsam die Mahlzeiten ein. Die kleinen Internatler wohnen zu zweit oder zu dritt in ihren „Spatzennest“-Zimmern. Die Kinder sind aber nicht völlig abgeschirmt. Sie besuchen die älteren Schüler im „großen Päda“, unternehmen Ausflüge nach Karlsruhe, Heidelberg oder in die Schullandheime des Pädagogiums.
Der Tagesablauf lässt keine Langeweile aufkommen: Es gibt ausreichend Zeit für Spiel und Sport, auch eine halbe Stunde zum gemeinsamen Lesen ist fest eingeplant. Einen Fernseher brauchen die Kinder nicht.
Alle zwei Wochen können die Kleinen nach Hause fahren. Im Pädagogium wird die Auffassung vertreten, dass zu häufige Heimfahrten die Kinder beunruhigen und in ihrer kontinuierlichen Entwicklung stören würden.
Auch in anderen Internaten sind Erst- bis Viertklässler oft gut aufgehoben. So betreut zum Beispiel die Schloss-Schule Kirchberg zurzeit fünf Schüler, die vormittags die gegenüber liegende staatliche Grundschule besuchen. In der übrigen Zeit kümmert sich eine Erzieherin im „Zwergenhaus“ um die Kleinen.
Zwei von ihnen stammen aus einer Binnenschiffer-Familie, die ständig zwischen Rotterdam und Budapest unterwegs ist. Es gibt aber auch andere Beweggründe dafür, ein Kind ins Internat zu geben. Maximilian zum Beispiel ist ein Einzelkind, und seine Eltern sind beruflich stark engagiert. In der Nähe ihres Wohnortes gibt es weder eine Schule noch gleichaltrige Spielkameraden.
Das Wochenende verbringen die Kinder meist zu Hause. „Das ist ein spannender Wechsel“, so Dr. Michael Knoll, der Leiter der Schloss-Schule. „Zu Hause hat sich die Familie dann viel zu erzählen.“
Beate Kühn
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