ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2001Finanzmarkt: Klingelzeichen

VARIA: Schlusspunkt

Finanzmarkt: Klingelzeichen

Dtsch Arztebl 2001; 98(45): [68]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Börsenweisheiten heißen vielleicht auch deswegen so, weil sich die meisten ihrer erst dann erinnern, wenn sie – wieder einmal – eingetreten sind. Vor dem Status der Realitätswahrnehmung spielen nämlich meiner Beobachtung nach solch durchaus ernst zu nehmende Wissensverdichtungen im Anlegerverhalten vieler Leute durchaus nur eine minimale Rolle.
„An der Börse wird zum Ausstieg nicht geklingelt“ ist so eine Richtschnur, die harmlos klingt, aber in den letzten Monaten eindrucksvoll ihre bösartige Richtigkeit unter Beweis gestellt hat. Aber genauso wichtig: Zum Einstieg läutet erst recht keiner!
Ausgerechnet als die Ängste aus terroristischen Bedrohungen und konjunkturellen Schlechtwetterlagen sich zusammenballten wie düstere Gewitterwolken, da setzten im letzten Monat die Weltbörsen zu einer beeindruckenden Hausse an. Der DAX schaffte ein Plus von 30 Prozent, und der Neue Markt verbesserte sich gar um 60 Prozent. Zwischenzeitlich standen die Indizes besser als vor den Attentaten von New York und Washington am 11. September.
Dass wir uns richtig verstehen: Fundamental gibt es für diese Aufwärtsbewegung eigentlich (noch) keinen Anlass. Die Konjunktur in den USA bricht seit dem großen Unglück stärker ein als befürchtet, und auch das Verbrauchervertrauen sackt auf Tiefstände ab, wie sie seit Jahren nicht für möglich gehalten wurden.
Die Weltwirtschaft folgt den amerikanischen Tendenzen anscheinend mit einer gewissen Zeitverzögerung, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch hier die Bremsspuren noch stärker zutage treten. Viele Gesellschaften, so jüngst Degussa und Bayer, erschrecken überdies schon heute die Börsianer mit drastischen Gewinnwarnungen und lassen ahnen, was in den nächsten zwölf Monaten noch alles an Hiobsbotschaften aus den Konzernzentralen quellen wird.
Und dennoch erleben wir also diese erstaunliche Hausse? Ist sie wirklich von Dauer, und soll man dem Braten trauen, oder lauert hier wieder eine der typischen Bullenfallen? Meines Erachtens stehen die Zeichen für ein Ende der Talfahrt an den Aktienmärkten gar nicht mal so schlecht. Trotz oder auch gerade wegen der konjunkturellen Schlechtwetterlage.
Das hat ganz sicher damit zu tun, dass Wohl und Wehe des Aktienmarktes in großem Maße von Psychologie bestimmt wird. Wenn dann, wie in den letzten Wochen, eine regelrechte Panik unter den Anlegern ausbricht und jeder zu jedem Preis verkauft, dann endet oft eine lange Börsentalfahrt, besonders, wenn diese Ausverkaufsstimmung von hohen Umsätzen begleitet wird.
Natürlich wird es immer wieder zu Rückschlägen kommen, ich rechne sogar stark damit. Aber wir werden, glaube ich, dann jeweils die alten Tiefststände nicht mehr erreichen, sondern uns in Wellen nach oben bewegen. Ohne Strapazen für die Nerven wird das für die Börsianer allerdings nicht abgehen.
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