ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Anthrax: Schnelltest in Sicht

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Anthrax: Schnelltest in Sicht

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-2993 / B-2553 / C-2365

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Bacillus anthracis ist zwar seit 125 Jahren bekannt, dennoch ist der labordiagnostische Nachweis des Erregers keine Routine. Mit einer Gram-Färbung und einem Blick durch das Mikroskop ist es nicht getan, da es sich nicht bei allen Sporen bildenden gram-positiven Stäbchen um den Erreger des Milzbrandes handelt. Zur genauen Identifizierung schließen sich spezielle und zeitaufwendige Untersuchungen an. Sicherheit gibt es bisher erst nach mehreren Tagen, wenn eine Erregerkultur vorliegt. Dass das Robert Koch-Institut (RKI) kürzlich den „Verdacht“ des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin innerhalb weniger Stunden widerlegen konnte, lag daran, dass bereits Erregerkulturen zur Verfügung standen. Eine erste elektronenmikroskopische Untersuchung zeigte dann, dass es sich vermutlich nicht um Anthraxerreger handelte. Die Bilder zeigten überwiegend begeißelte Bakterien, während Bacillus anthracis keine Geißel trägt. Endgültige Gewissheit brachte die Polymerasekettenreaktion. Mit dem Test wird nach für das Erbgut typischen Erbgutabschnitten gesucht. Dies ist der derzeit sensitivste Assay.

Eine erhebliche Beschleunigung der Diagnostik verspricht ein Schnell-Test, den Forscher der Mayo Clinic in Rochester mit der Firma Roche entwickelt haben. Der Test arbeitet ebenfalls auf der Basis der Polymerasekettenreaktion. Im Gegensatz zu bisherigen Verfahren ist jedoch keine vorherige kulturelle Anzüchtung erforderlich. Es könnten sowohl menschliches Material (Abstriche) als auch kontaminierter Staub (aus Postsendungen) verarbeitet werden. Für den Test benötigen die Labors lediglich einen so genannten Light Cycler – ein Roche-Gerät, das in rund 1 500 Labors weltweit im Einsatz ist – sowie die notwendigen Reagenzien. Diese würden derzeit fieberhaft in dem US-Werk der Firma Roche hergestellt. Noch in dieser Woche sollen nach Angabe der Firma die ersten US-Labors in die Lage versetzt werden, Anthrax-Erreger in verdächtigen Staubproben aufzuspüren. In Europa sei der Test frühestens in zwei bis drei Wochen verfügbar, hieß es bei Roche in Basel. Die Firma strebt eine Zulassung im Schnellverfahren an, die es aber frühestens in 2002 geben dürfte.

Inzwischen wird erneut davor gewarnt, nur auf den Verdacht hin mit einer Antibiotikaprophylaxe zu beginnen. Die Antibiotika müssen nach heutigen Empfehlungen (NEJM vom 29. November 2001, vorweg unter www.nejm. com zu lesen) insgesamt 60 Tage gegeben werden. So lange kann es im Tierversuch dauern, bis sich die Sporen in virulente Erreger umgewandelt haben. Nach dem Anthrax-Unfall in Sverdlovsk traten einige Erkrankungen erst sechs Wochen nach der Exposition auf. Rüdiger Meyer
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