ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Hausärztliche Versorgung: Vorschlag zur Güte

POLITIK

Hausärztliche Versorgung: Vorschlag zur Güte

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-2999 / B-2557 / C-2369

Korzilius, Heike

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LNSLNS Im Streit mit den Allgemeinärzten setzt der Berufsverband
Deutscher Internisten auf neue Sachlichkeit. Er hat ein gemeinsames Weiterbildungskonzept vorgeschlagen.


Noch im Sommer hatte der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) die „Richtigkeit der Hausarzt-Philosophie“ grundsätzlich infrage gestellt und dem Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) vorgehalten, die Allgemeinärzte seien weder inhaltlich noch zahlenmäßig in der Lage, ihre angestrebte Rolle als „Lotsen im Gesundheitssystem“ auszufüllen. Was folgte, waren harsche Worte und wüste Briefe von beiden Seiten.
Nun scheint die Zeit der Polemik vorbei zu sein. Mit einem Konzept für eine gemeinsame Weiterbildung von Allgemeinärzten und Internisten will der BDI nach den Worten seines Präsidenten, Dr. med. Gerd Guido Hofmann, „das Problem sachbezogen lösen“. Die so genannte Konvergenz-Lösung beinhaltet ein Grundversorgungskonzept, das sich am Patientenbedarf orientiert. Überschrieben sind die Eckpunkte zu einer Neuformulierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung mit dem etwas sperrigen Arbeitstitel „Allgemeine und Hausärztliche Innere Medizin“ – was man wohl als Geste des guten Willens gegenüber den Allgemeinärzten verstehen darf. Der neue Weiterbildungsgang soll nach den Vorstellungen des BDI internistische Inhalte sowie psychosomatische Kompetenzen und die Patientenkoordination – die Domänen der Allgemeinärzte – umfassen. „Wir führen die Stärken zweier Gebiete zusammen“, folgerte Hofmann bei der Vorstellung des Konzepts am 1. November in Fulda. Am Ende der auf fünf Jahre angelegten Weiterbildung steht ein Facharzt, der sich für die Versorgung mit allgemeinen Leistungen der Inneren Medizin im Krankenhaus qualifiziert und die Basis für eine Schwerpunktweiterbildung oder die Niederlassung erworben hat. Will er sich im Bereich der Grundversorgung niederlassen, muss er in einem speziellen Modul zusätzliche Kenntnisse in Chirurgie, Gynäkologie und Urologie erwerben. Im Kern, so der BDI, handelt es sich bei diesen Kenntnissen um vertragsarztrelevante Anforderungen, die deshalb auch im Vertragsarztrecht geregelt werden sollten. Das Modul könnte im Sinne der früher zwingenden „Vorbereitungszeit“ auf die kassenärztliche Tätigkeit oder in einem Kurssystem erworben werden.
An den Inhalten des Moduls muss Hofmann zufolge jedoch noch gefeilt werden: „Bislang hat man sich nie um eine Definition der für einen Erstversorger erforderlichen Qualifikationen bemüht.“ Deshalb will der BDI sich jetzt mit den beteiligten medizinischen Fachgesellschaften über die erforderlichen Kenntnisse verständigen. Beispiel Chirurgie: „Auch in der Landarztpraxis beschränken sich heutzutage die Anforderungen auf die Naht einer einfachen Wunde, den stützenden Verband bei einer Distorsion oder die Krankenhauseinweisung aus chirurgischer Indikation“, sagte der Ärztliche Geschäftsführer des Verbandes, Prof. Dr. med. Peter Knuth. Von daher sei es unsinnig, für die Niederlassung sehr viel umfassendere Kenntnisse zu erwerben. Ähnliches gelte in den Gebieten der Frauenheilkunde und der Urologie. Hier sollte nach Ansicht des Internistenverbandes der Schwerpunkt des Wissenserwerbs darin liegen, die Notwendigkeit einer Überweisung zum spezialisierten Facharzt zu erkennen, und nicht darin, die Behandlung selbst durchzuführen.
Die Realisierungschancen seines Konzepts beurteilt der BDI optimistisch. „Die Gespräche zwischen Allgemeinärzten und Internisten sind nicht versiegt“, betonte Hofmann. Auf bayerischer Ebene stehe man in Kontakt mit dem dortigen Landesverband des BDA und der Ärztekammer. Deren Präsident, Dr. med. H. Hellmut Koch, ist Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer. Knuth fügte hinzu: „Unser Konzept steht in voller Übereinstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.“ Und: „Von der reinen ratio her kann sich diesem Modell niemand verschließen.“ Mit dem neu geschaffenen Gebiet „Allgemeine und Hausärztliche Innere Medizin“ ließen sich gleich mehrere Probleme lösen. Engpässe bei der Weiterbildung würden beseitigt, weil dafür das gesamte Potenzial der Inneren Medizin und der bisherigen Allgemeinmedizin-Aspiranten zur Verfügung stehe. Ebenfalls beseitigt würden drohende Lücken in der hausärztlichen Versorgung. Außerdem habe das Konzept den Vorteil, dass es kompatibel mit Europarecht sei. Ob der „Hauptkonkurrent“ BDA sich mit den Vorstellungen anfreunden kann, muss sich zeigen. Dem Vernehmen nach hält deren Vorsitzender, Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow, das Konzept zumindest für eine brauchbare Diskussionsgrundlage. Heike Korzilius
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