ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Disease-Management-Programme: Die Ärzte werden jetzt doch beteiligt

POLITIK

Disease-Management-Programme: Die Ärzte werden jetzt doch beteiligt

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-3000 / B-2558 / C-2370

Maus, Josef

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LNSLNS Nicht mehr die Krankenkassen allein, sondern auch die Ärzte entscheiden über die Ausgestaltung der Behandlungsprogramme für chronisch Kranke. Die KBV will dabei mit Patientenvertretern zusammenarbeiten.


Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat erfolgreich Überzeugungsarbeit geleistet. Ende vergangener Woche gab es gleich zwei positive Meldungen aus dem „politischen Berlin“ für die Spitzenorganisation der rund 120 000 niedergelassenen Ärzte: Bundestag und Bundesrat haben die Abschaffung des Arzneimittelbudgets und der damit verbundenen Kollektivregresse besiegelt, und die Ärzte werden bei der Ausgestaltung der Disease-Management-Programme beteiligt.
Beide Vorgänge zeigen, dass die Bundesregierung derzeit keinen Konfrontationskurs gegenüber der KBV ansteuert. Lange Zeit sah es jedoch so aus, als würde die Politik die Gestaltungsräume der Krankenkassen einseitig und nachhaltig ausweiten, die Proteste der KBV und auch der Bundes­ärzte­kammer gegen eine „Aussperrung“ der Ärzte beim Aufbau des Disease Management blieben nämlich über Monate ungehört.
„Ordnende Hand“ für Patienten
Nach dem Beschluss des Bundestages soll nun der Koordinierungsausschuss, in dem sowohl die Krankenkassen als auch die Ärzte vertreten sind, die Programme für chronisch Kranke erarbeiten. Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm sieht darin eine reelle Chance zur Verbesserung der medizinischen Versorgung. „Die Patienten wünschen bei den Versorgungsabläufen offenbar eine ordnende Hand“, sagte der Vorsitzende der KBV. Richter-Reichhelm hatte immer wieder betont, dass Disease-Management-Programme ohne die Mitwirkung von Ärzten und Patienten nicht erfolgreich sein könnten.
Was den Part der Ärzte angeht, kann die Kassenärztliche Bundesvereinigung bereits auf erfolgreiche Vorarbeiten verweisen. Dr. med. Leonhard Hansen, Zweiter Vorsitzender der KBV, nannte in diesem Zusammenhang die bereits erprobten Behandlungskonzepte Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Asthma bronchiale. „Wir haben damit ermutigende Erfahrungen gemacht“, sagte Hansen.
Bei Diabetes mellitus beispielsweise übernimmt der qualifizierte Hausarzt die kontinuierliche Behandlung und Betreuung, besondere Diagnostik und weiterführende Behandlungsmaßnahmen werden von spezialisierten Fachärzten in Praxis und Krankenhaus sichergestellt. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Disease-Management eine Versorgungskette darstellt. Daher sei es wichtig, eine Zersplitterung der Versorgung durch unterschiedliche Therapieziele, Leitlinien und Management-Vorgaben zu vermeiden. Hansen: „Wir fordern deshalb die Krankenkassen auf, sich an der Abstimmung und Umsetzung unserer Konzepte konstruktiv zu beteiligen.“
Auch Richter-Reichhelm legt großen Wert auf eine an der Sache orientierte Kooperation: „Weil die Programme für chronisch Kranke ernsthafte Schritte zur Erneuerung unseres Versorgungssystems darstellen, darf Disease Management nicht zum Experimentierfeld konkurrierender Krankenkassen werden.“ Im Hinblick auf eigene Programme der Krankenkassen sieht der KBV-Vorsitzende einem „Wettbewerb um den besseren Weg“ mit Gelassenheit entgegen. Richter-Reichhelm und Hansen sind sicher, dass die Qualität der ärztlichen Programme zu einem Erfolg führen wird.
Im Streben nach Qualität der Versorgung und in der Erkenntnis, dass es ohne die Zusammenarbeit von Ärzten und Patienten nicht gehen wird, sieht Christoph Nachtigäller die Basis für einen Schulterschluss zwischen Ärzteschaft und Patientenvertretungen. Nachtigäller ist Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte (BAGH). Im dem Verband sind nach Angaben Nachtigällers 80 Bundes- und 40 Landesorganisationen mit insgesamt 850 000 Einzelmitgliedern organisiert. Die BAGH will wie die KBV ihre spezifischen Kenntnisse und Kompetenzen in die Erarbeitung und Ausgestaltung der Disease-Management-Programme einbringen – zunächst in der Rolle eines Beraters, später auch mit Sitz und Stimme im Koordinierungsausschuss, wie Nachtigäller betont.
Neue Allianz nicht exklusiv
Die neuen Partner – KBV und Patientenvertretung – meinen übereinstimmend, dass die Disease-Management-Programme nicht ökonomisch orientiert sein dürften. Da eine solche Gefahr bei der Federführung durch die Krankenkassen gesehen wird, scheint die Kooperation von Ärzten und Patientenvertretern logisch. Gleichwohl ist diese Allianz nicht exklusiv angelegt. Nachtigäller will auch mit den Krankenkassen ins Gespräch kommen. Er ist beispielsweise der Meinung, dass Disease-Management-Programme zudem für wenig häufig auftretende Krankheiten entwickelt werden müssten.
Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht die Notwendigkeit, sich mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen nicht nur über Rahmenvereinbarungen zum Disease Management zu verständigen. Wenn die Regelversorgung auch nach der Einführung von Disease-Management-Programmen reibungslos funktionieren soll, sind noch einige wichtige Fragen zu klären. Eine davon betrifft die Abgrenzung der Programme für chronisch Kranke von der Behandlung akuter Krankheiten bei der Finanzierung der ambulanten Versorgung. Josef Maus
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