ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Medizinisch-pharmazeutische Notfallbevorratung: Rasche Neuorientierung ist erforderlich

POLITIK

Medizinisch-pharmazeutische Notfallbevorratung: Rasche Neuorientierung ist erforderlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-3006 / B-2562 / C-2373

Wagner, Wolfgang

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LNSLNS Die im Grundgesetz verankerte Dualität der Notfallvorsorge – mit der Zuständigkeit des Bundes für den Zivilschutz im Verteidigungsfall und der Bundesländer für den friedenszeitlichen Katastrophenschutz – hat zu einem Mangel an Vorsorgemaßnahmen geführt.


Die Bevorratung mit Sanitätsmaterial für die medizinische Notfallvorsorge im Rahmen des Zivilschutzes ist seit der Mitte der 90er-Jahre durch die Bundesregierungen aus Kostengründen abgeschafft worden. Diese Maßnahme wurde mit der Beendigung des Ost-West-Konfliktes begründet. Der ersatzlose Wegfall der Sanitätsmittelbevorratung des Bundes wird zur Zeit in keiner Weise flächendeckend durch adäquate Vorsorgemaßnahmen der Bundesländer für die friedenszeitliche Notfallvorsorge kompensiert. Die Bundesländer haben in der Vergangenheit keine wesentliche Bevorratung für den Katastrophenschutz betrieben, da sie sich in ihren Vorsorgeplanungen bis 1995 stets auf Zivilschutzvorräte stützen konnten. In Deutschland fehlen daher medizinische Notfallvorräte:
- in ausreichender Menge für Großschadensereignisse und Katastrophen,
- in standardisierten Ausstattungen für den Rettungsdienst,
- im Sanitätsdienst des Zivil- und Katastrophenschutzes,
- um die Krankenhäuser beim Massenanfall von Patienten funktionsfähig zu halten,
- an Antidota bei Vergiftungen.
Um die „Entbehrlichkeit“ von medizinischen Notfallvorräten zu begründen, wurde auf die Vorräte bei der Industrie, den Händlern und Apotheken verwiesen, die man im Bedarfsfall nur zusammenführen müsse. Bei singulären Groß-schadensereignissen wird man damit vielleicht den zusätzlichen Bedarf des Rettungsdienstes decken können. Für überregionale und lang andauernde Katastrophenfälle oder gar für den Zivilschutz reicht und funktioniert das auf gar keinen Fall. Der Bedarf an Arzneimitteln und Medizinprodukten für den Zivilschutz kann weder kurzfristig noch binnen eines Jahres zusätzlich produziert und bereitgestellt werden. Produktionsengpässe in der pharmazeutischen Industrie – zum Beispiel bei Blutplasmapräparaten, Impfstoffen oder Medizinprodukten – haben schon in Normalzeiten wiederholt die Versorgung der Patienten beeinträchtigt.
Die im Grundgesetz verankerte Dualität der Notfallvorsorge mit der Zuständigkeit des Bundes für den Zivilschutz im Verteidigungsfall und der Bundesländer für den friedenszeitlichen Katastrophenschutz verhindert einheitliche Strukturen in der Notfallvorsorge. Bislang geht jedes Bundesland eigene Wege in der Notfallversorgung. Nur Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben Minimalkonzepte umgesetzt, die keinesfalls ausreichend sind. Immer mehr delegieren die Länder inzwischen Aufgaben der Notfallvorsorge auch an die Kommunen. Prinzipiell ist das richtig, denn diese Aufgabe muss vom Bund, den Bundesländern und Kommunen gemeinsam getragen werden.
Um die Kosten für die medizinisch-pharmazeutische Notfallbevorratung in vertretbaren Grenzen zu halten, ist eine Ermittlung der im Schadensfall verfügbaren Ressouren erforderlich. Diese Erkenntnisse müssen in einer Datenbank verfügbar sein und permanent aktualisiert werden. Die Ereignisse der letzten Wochen zeigen, dass die bisherigen Denkmuster von äußerer und innerer Bedrohung nicht mehr zeitgemäß sind. Wir benötigen daher neue Konzeptionen für:
- eine Zusammenführung des Zivil- und Katastrophenschutzes,
- eine Datenbank der allgemein verfügbaren Notfallressourcen,
- ein kooperatives Bevorratungsmodell für den Bund, die Länder und Kommunen,
- eine koordinierte Antidota-Bevorratung,
- eine adäquate Ausstattung des Sanitätsdienstes des Zivil- und Katastrophenschutzes mit Arzneimitteln und Medizinprodukten mit pharmazeutischer Betreuung,
- adäquates Gerät sowie persönliche Schutzausrüstung für die Einsatzkräfte – auch für eine Infektionsprävention –,
- eine Stärkung der Krankenhauskapazitäten für den Massenanfall von Patienten.
Die Politiker und die zuständigen Behörden sollten die Fachkompetenz der medizinischen und pharmazeutischen Standesorganisationen und Fachverbände für die erforderlichen Planungen nutzen. Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin e.V. hat mit der Sektion Pharmazie für Not- und Katastrophenfälle in den vergangenen Jahren neue Konzeptionen für die Bevorratung mit Arzneimitteln, Antidota und Medizinprodukten entwickelt.
Wolfgang Wagner
Apotheker für klinische Pharmazie, Präsidiums-Mitglied Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin
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