ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Arztberuf: Zwischen Erwartung und Realität

POLITIK

Arztberuf: Zwischen Erwartung und Realität

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-3008 / B-2564 / C-2374

Abele, Andrea E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Für Medizinstudenten ist der Beruf eine Berufung. Die Betreuung anderer Menschen hat einen hohen Stellenwert. Fotos: Peter Wirtz
Für Medizinstudenten ist der Beruf eine Berufung. Die Betreuung anderer Menschen hat einen hohen Stellenwert. Fotos: Peter Wirtz
Eine Studie der Universität Erlangen-Nürnberg belegt:
Die AiP- und Assistenzarztzeit sind oftmals ernüchternd.


Der Beruf des Arztes ist begehrt. Er hat ein relativ hohes Sozialprestige und erhält in Bevölkerungsumfragen regelmäßig einen der höchsten Ränge. Die Nachfrage nach Studienplätzen für das Fach Humanmedizin übersteigt trotz rückläufiger Tendenzen immer noch bei weitem das Angebot. Ärzte können gut verdienen, und Ärzte kommen wie bisher überwiegend aus höheren sozialen Schichten.
Es hat in den vergangenen Jahren aber auch bedeutende Veränderungen gegeben. Steigende Ausgaben im Gesundheitssystem haben zu einer breiten Diskussion über die Bezahlbarkeit medizinischer Leistungen, teilweise auch über die Angemessenheit der Honorierung geführt. Die Gesundheitspolitik hat die im Gesundheitswesen Beschäftigten und die Patienten verunsichert. Ärzte beurteilen ihre ökonomische Zukunft pessimistischer. „Schwarze Schafe“ in den eigenen Reihen haben das Image des Arztes beeinträchtigt. Patienten haben höhere Ansprüche und sind unzufriedener geworden.
Erhöhte Mortalität und Morbidität bei Ärzten
Auch die Diskussion über das ärztliche Berufsbild zwischen naturwissenschaftlicher Orientierung und „Gerätemedizin“ versus ganzheitlich-humanistischer Orientierung und Natur- und Alternativheilkunde hält an. Ärzte bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen vielfältigen Erwartungen. Diese haben sie nicht nur an sich selbst, sondern sie werden auch von außen an sie gerichtet. Dieses Spannungsfeld und die damit einhergehende Ambivalenz haben Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden, Berufsauffassung, Arbeitszufriedenheit von Ärztinnen und Ärzten und damit indirekt auch auf die Art und Weise, wie sie mit ihren Patientinnen und Patienten umgehen.
Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich die medizinische, psychologische und soziologische Forschung genauer mit diesen Auswirkungen. Umfangreiche internationale epidemiologische Studien haben gezeigt, dass das Morbiditäts- und auch das Mortalitätsrisiko von Ärztinnen und Ärzten im Vergleich zu entsprechenden sozioökonomischen Gruppen der Bevölkerung erhöht ist. Eine ganze Reihe von Medizinern leidet am „Burn-out“-Syndrom. In Deutschland ergaben Befragungen in den letzten zehn Jahren zum Beispiel, dass Ärzte ihre berufliche Zukunft zunehmend negativer sehen. Ein hoher Prozentsatz würde ihren Kindern nicht empfehlen, ebenfalls Arzt zu werden. Mehr als die Hälfte der Befragten würde diesen Beruf nicht noch einmal ergreifen. Diese Studien sind jedoch nahezu ausschließlich Querschnittsbefragungen, die über die längerfristigen Auswirkungen des Spannungsverhältnisses, in dem Ärzte sich befinden, nur begrenzt Auskunft geben können.
Es fehlen Studien, die die berufliche Entwicklung von Ärztinnen und Ärzten über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten, in denen eine Gruppe zu mehreren Zeitpunkten ihrer beruflichen Laufbahn angesprochen wird. In Deutschland gibt es erst eine solche Studie (Minks, Bathke, 1994), die die Phase des Übergangs vom Studium in die AiP-Phase untersucht hat.
In Erlangen läuft seit fünf Jahren mit Unterstützung der deutschen Forschungsgemeinschaft eine Längsschnittstudie, die sich mit der beruflichen Entwicklung von Akademikerinnen und Akademikern, darunter auch Medizinerinnen und Mediziner in den ersten drei bis vier Berufsjahren, beschäftigt (Abele, Andrä, Schute, 1999). Fünf Thesen befassen sich mit der Ambivalenz des Arztberufs und deren Auswirkungen auf die in ihm Tätigen.*
Studie untersucht berufliche und private Entwicklung
In den Jahren 1995 und 1996 fühlten 2 000 Absolventen aller Fachrichtungen der Universität Erlangen-Nürnberg innerhalb von drei Monaten nach dem Examen einen Fragebogen zu ihren beruflichen und privaten Plänen aus (Rücklaufquote etwa 45 Prozent). Eineinhalb Jahre später beantworteten diese Personen erneut einen Fragebogen, in dem es um die bisherige berufliche und private Entwicklung sowie um Fragen zum Erleben der beruflichen Situation ging (Rücklaufquote: 80 Prozent). Noch einmal eineinhalb Jahre später erfolgte die dritte und vorläufig letzte Befragung mit einer Rücklaufquote von mehr als 90 Prozent. Die Angaben der Medizinerinnen und Mediziner, die sich bei allen drei Befragungen beteiligt hatten, wurden mit den Befunden von Hochschulabsolvierenden anderer Fächer verglichen. Die Substichprobe besteht aus 212 Personen (44 Prozent Frauen und 56 Prozent Männer). Sie hatten zum ersten Messzeitpunkt ihr zweites Staatsexamen beendet. Hierfür hatten sie im Schnitt 13 Semester benötigt und waren 28 Jahre alt. Sämtliche Angaben entsprechen der Population von Personen, die 1995/96 das zweite medizinische Staatsexamen abgelegt haben, das heißt, die Stichprobe ist hinsichtlich Geschlecht, Alter und durchschnittlicher Studiendauer repräsentativ. Die Befragten schlossen im Schnitt mit der Note 2,34 ab. Es gab keine Geschlechtsunterschiede. Für die Medizinerinnen und Mediziner fand die zweite Befragung am Ende der AiP-Zeit und die dritte in der ersten Phase der Assistenzarztzeit statt. Die Auswertung ergab:
1. Das Idealbild des Arztes ist humanistisch, fürsorglich und beziehungsorientiert. Der Arztberuf ist für die Befragten noch mehr eine „Berufung“ als für andere Hochschulabsolvierende.
Als Beleg für diese These werden die beruflichen Werthaltungen und die allgemeinen Lebensziele der Ärztinnen und Ärzte mit denen anderer Fachabsolventen verglichen. Bei den beruflichen Werthaltungen werden die „Kollegialität“ untereinander und die Betreuung und Unterstützung anderer Menschen („Anleiten und Helfen“) besonders hoch gewichtet. Bei Prestigeorientierung, Autonomie oder Fortschrittsorientierung gibt es dagegen keine Unterschiede zum Rest der Befragten. Bei den „Lebenszielen“ wird insbesondere der „Altruismus“, das heißt die Hilfeleistung gegenüber anderen, besonders hoch gewichtet, ferner auch die „Leistung“ als Lebensziel.
2. Das beziehungsorientierte Ideal ärztlicher Tätigkeit erleidet in der AiP-Phase einen deutlichen „Dämpfer“.
Die beruflichen Werthaltungen der Medizinerinnen und Mediziner ändern sich im Laufe der AiP-Zeit: Die beziehungsorientierten Werte von „Kollegialität“ und „Anleiten und Helfen“ werden – allerdings auf hohem Niveau – weniger wichtig, Fortschritts- und Prestigeorientierungen erlangen größere Bedeutung. Vergleichbar hiermit werden altruistische Lebensziele weniger wichtig, auf Freizeit und Abwechslung bezogene Lebensziele dagegen wichtiger. Noch deutlicher wird diese Veränderung, wenn sie mit der von Absolventen anderer Fachrichtungen verglichen wird. Bei ihnen gibt es keine Veränderungen beziehungsweise sogar leichte Steigerungen bei den entsprechenden Werten. Weit interpretiert deuten diese Ergebnisse an, dass die Befragten im Zuge der Erfahrungen als AiP von ihrem humanistischen, beziehungsorientierten Arztideal abrücken und es um eine mehr technisch-naturwissenschaftliche Sichtweise – und zunehmend von Prestigeaspekten – ergänzen.
3. AiP ist Belastung, Stress und mangelnder Handlungsspielraum – aber auch Erfolgserleben und Aufstiegsperspektive.
Die Arbeitsplatzbeschreibung der Ärzte fiel besonders ungünstig aus: Sie hatten schon mehr Benachteiligung (insbesondere hinsichtlich Bezahlung) erfahren, fühlten sich besonders belastet, erlebten sehr wenig Handlungsspielraum, mehr negative Beziehungen am Arbeitsplatz, eine besonders hierarchische Führung und hatten insgesamt eine niedrigere Arbeitszufriedenheit als die anderen Befragten. Allerdings schätzen sie ihre Qualifizierungsmöglichkeiten gleich hoch ein, erleben ihre Berufstätigkeit als gleich erfolgreich und schätzen ihre Aufstiegsmöglichkeiten sogar deutlich besser als die Befragten anderer Fächer ein. Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen als suboptimal erlebten Arbeitsbedingungen und relativ eingeschätzten Perspektiven.
4. Arztsein lässt nicht los: Belastungserleben und Engagement bei der Tätigkeit steigen nach der AiP-Zeit bei Assistenzärzten weiter an.
Zum dritten Messzeitpunkt arbeiten 87,7 Prozent der Befragten als Assistenzärzte, der Rest ist entweder nicht berufstätig oder arbeitet in anderen Bereichen. Bei den Befragten steigt das Belastungserleben am Arbeitsplatz deutlich, gleichzeitig jedoch auch die Bewertung von „Beruf als zentrale Lebensaufgabe“. Hiermit zeigt sich erneut ein Spannungsverhältnis: zunehmende Belastung und zunehmendes Engagement, auf dem Weg zum begeisterten „workoholic“?
Für Assistenzärzte ist der Beruf meist die zentrale Lebensaufgabe. Trotz hoher Arbeitsbelastung sind sie relativ zufrieden.
Für Assistenzärzte ist der Beruf meist die zentrale Lebensaufgabe. Trotz hoher Arbeitsbelastung sind sie relativ zufrieden.
5. Gestresst, aber zufrieden – der Beruf ist nur eine Quelle der Lebenszufriedenheit.
Trotz Tendenzen zu „workoholic“ sind die Ärzte mit ihrem Leben zufrieden – in diesem Lebensalter bestimmt in erster Linie das Privatleben, dann erst der Beruf die Lebenszufriedenheit. Neben vielen Fragen zum Berufsleben wurde beim dritten Fragebogen auch eine Skala zur Lebenszufriedenheit eingesetzt. Die entsprechenden Angaben korrelieren positiv mit der Arbeitszufriedenheit, der Bindung an den Arbeitsplatz und besonders hoch mit dem beruflichen Selbstvertrauen. Einen deutlichen Zusammenhang gibt es auch mit der Privatsituation: Ärztinnen und Ärzte, die verheiratet sind oder in einer festen Partnerschaft leben, sind deutlich zufriedener als solche ohne Partner. Die Lebenszufriedenheit der Ärztinnen und Ärzte unterscheidet sich nicht von der anderer Berufsgruppen. Sie ist relativ hoch.
6. Trotz gleicher Ausgangsbedingungen werden Ärztinnen leichter entmutigt als Ärzte.
In den letzten Jahren ist der Frauenanteil in der Medizin, sowohl im Studium als auch unter den Berufstätigen, beständig gestiegen. Innerhalb der Berufstätigen sind Frauen jedoch häufiger arbeitslos, verdienen weniger Geld und sind in medizinischen Spitzenpositionen wesentlich seltener zu finden als Männer. Interessanterweise gibt es zum ersten und zum zweiten Messzeitpunkt kaum Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Sie haben im Studium die gleichen Leistungen erzielt, sie haben ähnliche berufliche Wertvorstellungen und Lebensziele, und sie erleben die Zeit als AiP ähnlich. Erst zur Assistenzarztzeit entstehen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Während dann nahezu kein Arzt mehr als AiP arbeitet oder beschäftigungslos ist, sind 19,4 Prozent der Ärztinnen in einer anderen Situation. Nahezu alle diese Frauen sind Mütter. Diese sind nicht im Erziehungsurlaub, sondern betreuen ihre Kinder, ohne eine anschließende Arbeitsplatzgarantie zu haben.
Vergleicht man nur diejenigen Frauen und Männer, die als Ärzte berufstätig sind, so lassen sich deutliche Entmutigungserscheinungen bei den Frauen feststellen: Frauen schätzen ihre Aufstiegschancen deutlich niedriger als Männer ein. Besonders alarmierend ist ein Vergleich der Entwicklung des beruflichen Selbstvertrauens von Ärztinnen und Ärzten. Es sinkt bei den Ärztinnen und steigt bei den Ärzten. Wohlgemerkt: Diese Wirkungen beziehen sich auf Personen mit gleichen Ausgangsleistungen und vergleichbaren Beschäftigungsverhältnissen. Bei Akademikerinnen lässt sich ein solcher Trend nicht feststellen, bei ihnen steigt im Gegenteil das berufliche Selbstvertrauen an. Offensichtlich ist es für Ärztinnen vor allem in der Assistenzarztzeit schwierig, Beruf und Mutterschaft unter „einen Hut“ zu bekommen. Diese Frauen sind besonders unzufrieden.
Ärztliche Wertvorstellungen verändern sich: Die beziehungsorientierte Idealvorstellung, die Kommunikation in den Mittelpunkt ärztlicher Tätigkeit rückt, wird durch die Realität des Klinikalltags relativiert, die Befragten werden nüchterner und pragmatischer. Die Ergebnisse zeigen zugleich, dass die Befragten bisher relativ gut damit umgehen können, allerdings – wie die Daten zum dritten Messzeitpunkt zeigen – auf dem Weg zum „begeisterten workoholic“. Ärztinnen werden trotz gleicher Leistungen im Laufe der Zeit entmutigt oder entmutigen sich selbst. Dies gilt nicht nur für die Mütter kleiner Kinder, die zufriedener sind, wenn sie – trotz unsicherer beruflicher Zukunftsperspektiven – die Doppelbelastung eine Zeit lang aufgeben. Es gilt auch für die jungen kinderlosen Ärztinnen, die sich genauso einsetzen wie ihre männlichen Kollegen, ihre Chancen aber wesentlich pessimistischer sehen und anfangen, an ihrer Kompetenz zu zweifeln. Insgesamt ist die Zeit im AiP und die erste Phase der Assistenzarzttätigkeit offensichtlich durch Ernüchterung gekennzeichnet.

Literatur bei der Verfasserin

Andrea E. Abele
Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl Sozialpsychologie
Bismarckstraße 6, 91054 Erlangen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema