ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Terror und Gegenschläge: Ohne Ursachenforschung keine Konfliktlösung

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Terror und Gegenschläge: Ohne Ursachenforschung keine Konfliktlösung

Dtsch Arztebl 2001; 98(46): A-3025 / B-2576 / C-2385

Hoffmann, Horst

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LNSLNS Auf Terror vorrangig mit militärischer Gewalt zu reagieren
führt in die Sackgasse – bis hin zur Aufgabe humaner Maßstäbe.


Kaum waren die Rauchschwaden des Infernos von Manhattan verzogen, machte eine Nation, die sich bisher für unverletzlich hielt, trotzig mobil. Sorge kam auf, dass die USA wieder einmal nur machtpolitisch und militärisch reagieren würden, ohne die vorausgegangenen Entwicklungen, die Entstehungsgeschichte dieser Konflikte, selbstkritisch zu analysieren. Als ob die Lehren aus Korea und Vietnam, aus dem Iran, aus Somalia und dem Sudan, aus dem Golfkrieg und jüngst aus dem Kosovo nicht genug wären. Auch der „erfolgreiche“ Golfkrieg erwies sich als Pyrrhussieg. Nach großem Leid, vor allem in der Zivilbevölkerung, gab es einen „Schurkenstaat“ mehr, und die Radikalisierung und „Entwestlichung“ in dieser Region ist jetzt größer denn je.
Die teuflische Konsequenz – die wahrscheinlich auch das Kalkül der Attentäter war – ist, dass die Weltmacht USA nach ihrem Selbstverständnis auf diese Kriegserklärung machtvoll reagieren muss. Sehr schnell und wenig reflektiert bekundete die NATO uneingeschränkte Bündnistreue und Gefolgschaft für eine Strategie, die wir nur mittragen können, wenn sie sich neben der konkreten Bekämpfung der Terroristen auch an Inhalten und Ursachen orientiert und so dauerhafte, weil humane, Lösungen ermöglicht.
Indienstnahme der freien Presse
Seit dem 7. Oktober erleben wir die Bombardements in Afghanistan – zwar lasergesteuert genau, aber es gibt „normale Kollateralschäden“, bei denen Dörfer in Schutt und Asche gelegt werden. Parallelen zum Golfkrieg drängen sich auf. Damals erlebten wir den gigantischen Militäreinsatz, der Hunderttausende Tote kostete, an den Bildschirmen, zweckdienlich selektiert, wie eine Sportreportage. Mehr Information wäre nur hinderlich gewesen.
Auch jetzt erleben wir eine zunehmende Indienstnahme der freien Presse durch die Politik. So verbietet zum Beispiel das US-Außenministerium die Ausstrahlung vermeintlich destruktiver Informationen durch den Sender VOA. Angeblich sollen die USA inzwischen auch die Leistungen fremder Aufklärungssatelliten gekauft haben, die auf diese Region gerichtet sind. Sie haben somit das Informationsmonopol, das zum Bestandteil der Kriegführung geworden ist. Journalisten vor Ort weisen in ihren Reportagen ausdrücklich darauf hin, dass sie nur über das berichten können, was zur Berichterstattung freigegeben wurde. Wo bleibt bei dieser Art von Desinformation der mündige Bürger, dem vielleicht demnächst im Rahmen der Allianz persönliche Opfer abverlangt werden?
Die Gleichschaltung von Politik und freier Presse, die sich hier abzeichnet, trägt totalitäre Züge. Sie dient zwar der ungestörten Vorbereitung weltumspannender Maßnahmen gegen den Terrorismus, Definition und Begrenzung der Maßnahmen obliegen aber ausschließlich den USA. Und wie immer sind es weiterreichende Maßnahmen, die auch strategische und ökonomische Ziele verfolgen.
Die schnell zusammengezimmerte Antiterror-Allianz lässt das alte Reaktionsmuster erkennen, bei dem die Verbündeten nur nach strategischen Gesichtspunkten ausgewählt werden. Es durften auch korrupte Regime sein, wenn sie nur in das Kalkül passten. Wie oft wurden aus solchen Verbündeten erbitterte Feinde? Wie oft haben westliche Industrienationen Diktatoren, die in ihren Ländern permanent Menschenrechtsverletzungen begingen, um vordergründiger politischer und strategischer Ziele willen protegiert, obwohl das im krassen Gegensatz zu den Werten stand, die sie für sich in Anspruch nehmen und die Bestandteil ihrer Verfassungen sind. So durfte sich jetzt auch Russland mit logistischer Hilfe und seinen „Erfahrungen“ im Tschetschenienkrieg in die Allianz einreihen. Die westliche Welt hatte sich schon vorher durch ihre Komplizenschaft des Schweigens über diesen grausamen Vernichtungskrieg schuldig gemacht. Nun verwischen wir die Konturen zwischen Recht und Verbrechen weiter. Wo bleiben hier unsere Überzeugungen und die vorausschauende Konfliktvermeidung durch humane, länger tragende Lösungen?
In den Augen der Dritten Welt sind die Industrienationen durch eine lange Geschichte verfehlter Politik belastet und schuldig geworden. Aus der Sicht der Schwachen sind unsere Wertebegriffe, die wir wie eine Monstranz vor uns her tragen, leere Hüllen. Sie sind für uns oft nur Fassade, und andere Völker erleben sie als Instrumente der Einflußnahme.
Was bleibt bei näherer Betrachtung von der angeblichen Überlegenheit unserer Lebensweise, wenn wir von unserem höheren Lebensstandard einmal absehen? Wenn dieser selbstkritische Erkenntnisprozess nicht stattfindet, wird es aus der Spirale eskalierender Gewalt kein Entkommen geben.
Segnungen unseres exportierten Fortschritts
Wenn die Industrienationen, ökonomisch und technisch überlegen, in Länder der Dritten Welt eindringen oder zu ihrem Vorteil Einfluss nehmen, zerstören sie nicht nur traditionelle ökonomische Strukturen, sondern auch Identitäten und Kulturen, die für die Menschen dort in viel höherem Maße tragend und lebenswichtig sind als für die Menschen in den offenen Gesellschaften des Westens, die, mit Kaufkraft ausgestattet, auch anderswo leben können.
Nach Angaben der Welthungerhilfe sterben gegenwärtig 24 000 Menschen täglich (!) an Hunger. Es wäre makaber, wollte man diese Zahl mit den 6 000 Toten der jüngsten Terroranschläge in Relation setzen, aber zum Nachdenken sollten diese Zahlen schon anregen.
Zurzeit leben weltweit 800 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Zur Erinnerung: Die Bundesregierung hat sich 1998 im Koalitionsvertrag verpflichtet, jährlich 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts als Entwicklungshilfe zu leisten. Davon sind 0,27 Prozent übrig geblieben. Es gibt anscheinend zweierlei Lebensrecht auf dieser Welt. Wie sagte dazu ein Zyniker: „Unsere Menschenrechte sind unteilbar. Warum sollten wir sie dann mit anderen Völkern teilen?“
Die entsetzlichen Anschläge: Neue Dimension des Alten
Die Terroranschläge auf die wirtschaftlichen und politischen Zentren der westlichen Führungsmacht trafen unsere Gesellschaft wie ein Blitz, allerdings aus einem nur scheinbar heiteren Himmel. Stellt man die Ereignisse in eine Reihe, erscheinen die unfassbaren Anschläge nur als eine neue Dimension des Altbekannten. Wir erleben es seit Jahren: Da sprengt sich an einer Bushaltestelle in Jerusalem ein Jugendlicher in die Luft und tötet mehrere Israelis. Die Israelis reagieren mit einem Vergeltungsschlag. Wieder sterben Frauen und Kinder. Da werfen Kinder in unbändigem Hass Steine auf israelisches Militär und werden mit-unter dabei erschossen. An diese schrecklichen Stereotypen haben wir uns gewöhnt. Aber was heißt das alles? Haben sich die Beteiligten hier jemals ausreichend mit den Ursachen auseinander gesetzt? Wie wird ein Jugendlicher zum Attentäter? Diese Jugendlichen stammen vorwiegend aus den Lagern, aus traumatisierten Familien. Sie sind im Getto als Menschen zweiter Klasse mit prägenden Lernprozessen aus nun schon zwei Generationen aufgewachsen und haben mitunter durch Terror und Gegenterror Familienmitglieder verloren.
An dieser Stelle müssen wir uns fragen, was eigentlich ein Selbstmordattentäter ist. Wir haben uns mithilfe der Medien an dieses Wort gewöhnt, das etwas für uns sehr Fremdes aus einem fernen, unbegreifbaren Geschehen, etwas irgendwie Unappetitliches darstellt. Aber ist es im Wesentlichen nicht jemand, der das Äußerste, sein Leben, in die Waagschale wirft, weil er glaubt, dass ihm im Kampf mit einem Gegner, der ihm technisch und an politischer Macht weit überlegen ist, kein anderes Mittel bleibt? Einer von denen, die
seit Generationen zu den Verlierern gehören? Jeder stirbt für sich allein und nur einmal. Und so ist aus der Sicht eines Selbstmordattentäters – so verbrecherisch und verabscheuungswürdig sein Einsatz auch ist – der Unterschied zwischen einem Anschlag in Jerusalem und dem Inferno in New York nur eine Frage der größeren Effizienz für den Einsatz seines Lebens. Diese Effizienz wäre zum Beispiel durch einen Anschlag auf einen unserer zahlreichen Atomreaktoren oder unsere schon lebensnotwendigen elektronischen Kommunikationsmittel, aber auch durch chemische oder bakteriologische Anschläge beliebig zu steigern.
Die lange Vorgeschichte der Eskalation untersuchen
Man fragt sich, wie eine solche Instrumentalisierung von Menschen zum Terror möglich ist. Wenn ich hier einzelne Aspekte aufzähle, soll nicht der Eindruck entstehen, als sei das irgendein Versuch der Rechtfertigung solcher entsetzlicher terroristischer Verbrechen. Es ist vielmehr der Versuch, die lange Vorgeschichte der Eskalation und Radikalisierung, der Erkenntnis der Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit dieser Menschen in den Blickpunkt zu rücken. Findet dieser selbstkritische Erkenntnisprozess nicht statt, gibt es kein Ende der Gewalt.
Das zugrunde liegende Problem wird nicht mit einem mühsam zusammengefügten, sehr heterogenen Militärbündnis der USA aus der Welt zu schaffen sein. Wir stehen jetzt an einer entscheidenden Schwelle: Wenn wir, die Länder der westlichen Welt, fortfahren, Völker mit anderen Entwicklungsstufen, anderen Kulturen nur als Rohstofflieferanten zu benutzen, sie unter dem Gesichtspunkt globaler strategischer Machterhaltung zu missbrauchen, wenn wir
fortfahren, die Würde anderer Völker, deren Kultur und Traditionen gering
zu schätzen, nur weil sie fremd sind und uns nicht unmittelbar nützen, dann haben wir diese Auseinandersetzung schon verloren! Jetzt nur traditionell machtpolitisch zu reagieren, kann inunserer klein gewordenen Welt, vollgestopft mit Massenvernichtungspotenzial, apokalyptische Folgen haben.
Gibt es zweierlei Verzweiflung und Wut auf dieser Welt? Eine echte und nahe in unserer ersten Welt und eine andere, ferne in der so genannten Dritten, an die wir uns gewöhnt haben, die nur sporadisch und als Nebenprodukt über den Bildschirm in unsere Wohnstuben kommt? Ist der Schmerz einer Mutter im Irak, in Afghanistan weniger groß als in New York, nur weil dieser einen größeren Teil unserer Medienberichterstattung einnimmt? Können wir in unserer, in langer Tradition von einem humanistischen Wertesystem geprägten westlichen Welt nicht endlich begreifen, dass alle Menschen auf der Welt, ob im Sudan, im Irak oder in Afghanistan, ihre Familien, ihre Kinder genauso lieben wie wir? Dass diese Menschen einfach nur leben wollen, unter gerechten Bedingungen und in Würde? Wie sagte jene afghanische Mutter, die mit ihrem schwer verletzten Sohn nach tagelanger Flucht in ein pakistanisches Krankenhaus kam: „Dieser Krieg ist nicht unser Krieg.“
Verletzlichkeit angesichts unsichtbarer Gegner
Die jüngsten Ereignisse offenbaren eine dem System innewohnende fatale Gesetzmäßigkeit, die wie ein biologisches Gesetz zu allen Zeiten galt: Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Werte wie Freiheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit, soziales Gewissen, mit denen sie einst angetreten ist, um mit anderen Gesellschaftssystemen zu konkurrieren, aushöhlt und pervertiert, ist in Auflösung begriffen und kann auch durch modernste Waffen diese neue Herausforderung nicht bestehen.
Deshalb kann auch die jetzt allenthalben geforderte verschärfte Kontrolle im gesamten öffentlichen Leben – nicht nur auf Flughäfen, auch bei Arbeitseinstellungen, bei Studenten und Verkehrsteilnehmern – keine Lösung sein. Denn was unterscheidet einen Schafhirten, einen Studenten (einen „Schläfer“) äußerlich von einem Terroristen? Es geht um die Köpfe und die Herzen, und da ist ein hochgerüstetes Waffenarsenal wertlos. Wenn wir anfangen, die Biografie jedes Flugpassagiers geheimdienstlich auszuleuchten, bevor er ein Flugzeug besteigen darf, dann steht big brother à laGeorge Orwell vor der Tür. Dann sind wir nicht mehr das, was wir waren. Dann haben wir das verloren, um dessen Erhalt es sich immer zu kämpfen lohnte. Schon laufen unsere beflissenen Innenminister und Sicherheitsberater zu Höchstform auf und ziehen die Maschen ihres erkennungsdienstlichen Netzes enger. Rasterfahndung, Telefonüberwachung werden möglich. Dies können bestenfalls vorübergehende äußere Maßnahmen sein. Von Inhalten war bisher jedoch nicht die Rede. Dem Mediziner drängt sich hier der Vergleich mit einer Immunschwäche-Krankheit auf. Sie trifft uns im Inneren.
So ist es wie die späte Ironie des Schicksals, der Ausdruck einer systemimmanenten Gesetzmäßigkeit, dass die westliche Welt nach Jahrhunderten der Kolonialisierung, der Diskriminierung und der Arroganz der Macht anderen Kulturen gegenüber, nun ins Bewusstsein gebombt bekommt, dass unser Wertesystem, das wir exklusiv für uns in Anspruch nehmen und das unser Selbstverständnis ausmacht, eigentlich immer schon auch für andere Erdteile hätte Gültigkeit haben müssen.
Der Widerstand gegen die Macht, die diese globale Entwicklung diktiert, wächst beständig, besonders bei den Armen. Die Kehrseite unserer Prosperität, die wir gewohnt sind, als Fortschritt zu bezeichnen, bedeutet für die anderen Verelendung, Polarisierungen innerhalb ihrer Gesellschaften zwischen Siegern und Verlierern, auf staatlicher Ebene unwürdige ökonomische und politische Abhängigkeiten und auf der Individualebene den Verlust gewachsener sozialer Strukturen und Identitäten. Es sind die wichtigsten Halt gebenden Strukturen im Leben der Armen und Rechtlosen. Alles scheint wohlfeil und käuflich, auch wenn es zu jenen zeitlosen Archetypen der menschlichen Kultur und des Anstandes gehört, die nicht käuflich sind und die zum überlieferten Schatz aller Völker, auch der nach unseren Kriterien primitivsten, gehören.
Entstaatlichung des Terrors
Diese Länder erleben die Globalisierung als einen Mechanismus, mit dem vor allem die USA ihre ökonomische, politische und militärische Hegemonie auf imperiale Weise ausweiten. Aber in dem Maße, in dem durch weltumspannende wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeiten Landesgrenzen unwichtig werden, in demselben Maße kommt es jetzt zwangsläufig zu einer Entstaatlichung dieser systemimmanenten Konflikte, zu einer Entstaatlichung des Terrors. Diese neue Form des Krieges kennt keine Frontlinie – bestenfalls eine gedachte, ideologische. Warum sollte sie sich auch angreifbar machen? Sie hat dort ihre strategische Stärke, wo die hoch entwickelten Länder ihre Schwäche haben. Es ist eine „todsichere“ Strategie. Der Terror kann immer und überall zuschlagen. Der Gegner ist unsichtbar und allgegenwärtig. Seine Motivation, seine Rigorosität werden direkt von der ihn umgebenden und von ihm erlebten Diskriminierung gespeist und unterhalten. Die militärischen Verteidigungssysteme des Westens sind auf einen solchen Gegner nicht anwendbar, auch unsere Sicherheitsvorkehrungen im Inneren nicht. So ist der Ausgang dieses Konfliktes vorherbestimmt, wenn nicht endlich Inhalte und Entstehungsbedingungen begriffen werden. !
Die Folgen kurzsichtiger Strategien
Die Konzentration der Militäraktionen auf den jetzt ausgemachten Hauptgegner Bin Laden und seine Komplizen bei den Taliban ist eine Verkürzung des Problems und nicht frei von hegemonialen Zielsetzungen. Denn potenzielle Bin Ladens gibt es viele auf der Welt. Es wird keine Nachfolgeprobleme geben. Das Feld des Terrorismus ist bestens bestellt, und wir selbst haben den Boden bereitet. Hat denn unsere Führungsmacht schon eine Antwort auf die Frage, wie es weitergeht, wenn die Taliban einmal ausgeschaltet sind? Einen offenen Waffengang zu gewinnen, ein strategisches Kriegsziel zu erreichen ist eine Sache. An einer unsichtbaren – und gerade durch diesen Kriegseinsatz immer größer werdenden – ideologischen Front zu siegen ist eine ganz andere! Die Polarisierung und Destabilisierung ganzer Regionen wird nach einem Waffengang noch größer sein. Und zuvorderst: Was geschieht mit der Bevölkerung in Afghanistan im bevorstehenden Winter?
Bedrohlich ist auch, welch einen Spagat die arabischen Golfstaaten jetzt zwischen realpolitischen Zwängen und der Meinung des überwiegenden Teils ihrer Bevölkerung vollführen müssen. Während sich die Regierungen, nach realpolitischer Einsicht, maßvoll – deutlich zurückhaltender als im Golfkrieg – an der Antiterrorallianz beteiligen, demonstrieren Zehntausende auf den Straßen und bejubeln ihr Idol Bin Laden. Diese Destabilisierung ist am krassesten in Pakistan zu sehen. Ähnliche Destabilisierungen könnte es auch in der Türkei geben, die vor einer Zerreißprobe zwischen der mehrheitlich islamisch verankerten Bevölkerung und der in politische Abhängigkeiten eingebundenen Regierung steht. Die aktive Beteiligung an einem Krieg gegen Glaubensbrüder wird von der Mehrheit nicht mitgetragen.
Bei all diesen Konflikten ist der israelisch-palästinensische Dauerkonflikt ein Kristallisationspunkt, ein Akzelerator und ein Testfall für die Konfrontation der islamischen Welt mit dem Westen. Die USA wurden dabei durch ihre Funktion als Schutzmacht
israelischer Sicherheitsinteressen zwangsläufig zum Hassobjekt der gesamten arabischen Welt.
Vielleicht aber entsteht gerade aus der Erkenntnis dieser scheinbar unabwendbaren, neuen Dimension einer globalen Bedrohung die Einsicht, die zu einer völlig neuen, längst überfälligen Art des politischen Managements führen könnte. Und dies nicht etwa auf der Grundlage eines vom Humanismus geprägten philosophischen Menschenbildes und dem Bekenntnis zu unteilbaren Menschenrechten, sondern aus rein pragmatischem, realpolitischem Begreifen des Möglichen, auch des Erkennens der unausweichlichen Katastrophe für alle Beteiligten. Philosophen sitzen ja für gewöhnlich nicht an den Schalthebeln der Macht. Und so ist diese Chance, die sich gleichsam über den ausgeprägten Eigennutz innerhalb der Denkkategorien eines homo politicus jetzt neu und zwingend auftut, vielleicht wirklich eine realistische Hoffnung. Vordenker auf diesem Weg hat es viele gegeben. Ein ganz ungewöhnlicher und hier unerwarteter, der die vergleichende Verhaltensforschung im Tierreich zum Thema Machtmanagement bemüht, sei hier genannt: „Der Hai im Management. Zur Biologie
wirtschaftlichen Fehlverhaltens“, Hans Hass, Ullstein 1990. Dieses Büchlein sollte Pflichtlektüre jedes Politikers werden.
Wir sehen, mit der Hybris des Menschen, etwas Besonderes zu sein, ist es so eine Sache.
Was ist zu tun?
Es geht in dramatischer Dringlichkeit um selbstkritisches Analysieren der Konfliktursachen. Der nur zu bekannte Zwang, auf Terror vorrangig mit militärischer Gewalt zu reagieren, der bisher nur in Sackgassen geführt hat, darf diesmal nicht die ultima ratio sein. Ein souveränes Abwägen im Einklang mit allen menschlichen Wertmaßstäben, die wir bisher nur für uns in Anspruch genommen haben, wäre ein deutliches Zeichen an die Adresse der benachteiligten Völker und – recht besehen – ein Zeichen der Stärke, wie es einer demokratischen Führungsmacht gut ansteht.
Es gibt auch in der islamischen Welt viele nachdenkliche Menschen, die sich in der Gefolgschaft eines militanten zerstörerischen Islamismus nicht wohl fühlen, die aber mangels sichtbarer Alternativen und im Erleben unserer Art, die Welt zu bestimmen, keinen anderen Weg als den der Gewalt sehen. Diese Menschen gilt es zu überzeugen und zu gewinnen. Vor allem aber: Es gibt keinen anderen Weg zum Frieden!
Als der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat einen friedlichen Ausgleich mit Israel suchte und 1977 durch seinen mutigen Besuch in Israel die Initiative im Friedensprozess ergriff, der dann mit der Konferenz von Camp David 1978 den Menschen einen greifbaren Weg zum Frieden und einen Ausweg aus der Spirale des Terrors aufzeigte, kam es in der Region wie von Zauberhand zu einem Abflauen der Gewalt: Dies ist ein Lehrstück. Geben wir also den unmittelbar Beteiligten, die immer auch die am meisten Leidenden sind, eine glaubwürdige Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit, und wir werden am ehesten den Sumpf des internationalen Terrors trockenlegen.
Die Deutschen schließlich sollten sich schwerer tun mit einer unreflektierten Gefolgschaft auf diesem Weg der Gewalt. Wir haben, anders als die USA, die Flächenbombardements auf unsere Großstädte mit Bergen von Leichen noch gut in Erinnerung. Die USA haben seit 200 Jahren solche leidvollen Erfahrungen durch einen äußeren Feind im eigenen Land nie zu machen brauchen. Sie haben ihr gewaltiges industrielles Vernichtungspotenzial immer nur nach außen getragen und Ge-legenheiten zu einer selbstkritischen Neubesinnung, wie zum Beispiel nach der verheerenden Niederlage im fernen Vietnam, nie genutzt. Dieses Ereignis wurde in diesem kraftvollen Land auf beklemmende Weise verdrängt. Vielleicht sind wir ihnen hier etwas voraus. Vielleicht gibt es da etwas, das sie von uns lernen könnten. Wir sollten nicht nachlassen, ihnen diesen unseren wahren Freundschaftsdienst anzutragen.

Dr. med. Horst Hoffmann
Kinderarzt/Psychotherapie
Aalborgring 38, 24109 Kiel
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