VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Studier' mal Marburg

Dressler, Günther

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zu Marburg muß man seine Beine rühren und treppauf, treppab steigen." Der das schrieb, Jacob Grimm, war von 1802 bis 1805 Student in der mittelhessischen Stadt an der Lahn und gab später mit seinem Bruder Wilhelm die "Deutschen Sagen" und die "Kinder- und Hausmärchen" heraus. Marburgs berühmte Altstadt ist an den Berg gebaut, und wie ehedem haben die Götter dort vor den Preis – den Blick vom Schloß ins Tal – den Fleiß (und den Schweiß) gesetzt: 448 Stufen sind zu bewältigen, will man zu Fuß von der Unterstadt auf den Schloßberg gelangen. (Es gibt aber auch eine Autozufahrt, sogar eine Busverbindung.)
Marburg hat eigentlich zwei Wahrzeichen: das Landgrafenschloß auf dem Berg und die Elisabethkirche im Tal. Die Elisabethkirche, von den Marburgern salopp E-Kirche abgekürzt, ist der älteste rein gotische Kirchenbau in Deutschland. Bauherr war der Deutsche Orden, der in Marburg eine größere Niederlassung unterhielt. Über dem Grab der heiligen Elisabeth und ihr zu Ehren wurde die Kirche 1235 bis 1283 errichtet. Die ungarische Königstochter hatte als Landgräfin auf der Wartburg gelebt, entsagte nach dem Tode ihres Mannes dem höfischen Leben, reiste ins damals thüringische Marburg, ließ hier ein Hospital mit Kapelle errichten und verzehrte sich in noch jungen Jahren im Dienste an Kranken und Armen.


Etliche Kostbarkeiten
Die Elisabethkirche birgt etliche Kostbarkeiten. Der 1290 geweihte Hochaltar ist eine meisterliche, reichgegliederte Sandsteinarbeit. Das Fenster im Ostchor, über siebenhundert Jahre alt, eine Bildfolge zum Leben der hl. Elisabeth, versammelt Glasgemälde von außerordentlicher Qualität. Von hoher Schnitzkunst die Holzaltäre des Marburger Renaissance-Künstlers Ludwig Juppe. In der Sakristei steht der Elisabethschrein, aus Kupfer getrieben und vergoldet, besetzt mit Gemmen und Edelsteinen, Perlmutt und Perlen. Vor dem Lettner ein Bronzekruzifix von Ernst Barlach, in den Hitler-Jahren versteckt und so vor den Häschern "entarteter Kunst" gerettet. Im Südchor die prächtigen Grabmäler der hessischen Landgrafen.
Wir gehen den Steinweg hinauf in die vom Krieg verschont gebliebene Altstadt, überqueren die Wasserscheide, schlendern die Wettergasse abwärts in Richtung Markt. Ein beispielhaftes Sanierungsprogramm sichert die Erhaltung von 130 Fachwerk- und Steinhäusern, eines in dieser Dichte und Geschlossenheit seltenen historischen Stadtbildes, für Marburg ein Jahrhundertprojekt, von Bund und Land Hessen gefördert und international beachtet.


Studentisches Milieu
Der Marktplatz als gute Stube der Stadt – hier paßt die Metapher. Wo einst die Barden sangen und fahrende Händler ihre Tuche feilboten, spielt heute eine Dixieland-Band, breitet mobile Kaufmannschaft der Sparte "Öko" Obst und Gemüse, Fleisch- und Backwaren aus. Am unteren Ende das trutzige spätgotische Rathaus aus dem frühen 16. Jahrhundert; im Giebel seines Renaissance-Vorbaus eine originelle Mechanik: Zur vollen Stunde bläst der Türmer auf seiner Trompete, der Hahn auf der Spitze des Vorbaus begleitet die Signale mit blechernem Flügelschlag. Touristen-Attraktion auf der Stadtführungsmeile, die die Gäste aus aller Herren Länder zum Schmunzeln bringt. Den oberen Markt säumen mächtige Fachwerkhäuser; an Nr. 15 eine Gedenktafel für den französischen Physiker Denis Papin, der 1690 die Dampfmaschine erfand. Die Bronzeplastik auf dem umlagerten Marktbrunnen – Ausguck ins pralle Menschenleben – stellt St. Georgs Kampf mit dem Drachen dar; an dieser Stelle wurde 1248 die Landgrafschaft Hessen ausgerufen.
"Marburg hat nicht nur eine, Marburg ist eine Universität." Tatsächlich wirkt die Stadt deutlich vom studentischen Milieu geprägt: Jugendliches akademisches Publikum unterwegs – in den Gassen der Oberstadt, auf der Lahnuferpromenade, in Dutzenden von Kneipen, Bistros, Cafés und Gartenlokalen. Die kopfsteingepflasterten Treppengassen hinauf zum Schloß gewähren Einblick in eine Altstadt, die sich nicht im Musealen erschöpft, sondern als Wohnbezirk funktioniert. Hier wird gelebt, hier hegt man sein 10-Quadratmeter-Gärtlein, trinkt unter der Linde sein "Marburger". Urbanität ohne Staffage.
Die Baugeschichte des Schlosses reicht zurück bis ins 11. Jahrhundert. Nach mehreren Erweiterungen der ursprünglichen Burg hat die Anlage im ausgehenden Mittelalter etwa so ausgesehen, wie wir sie heute vor uns haben. Der zweischiffige Fürstensaal im Nordflügel (frühes 14. Jh.) gilt als größter gotischer Profanraum in Deutschland. Auf Einladung des Landgrafen Philipp des Großmütigen saßen sich hier 1529 die Reformatoren Luther und Zwingli im "Marburger Religionsgespräch" gegenüber. Nach drei Tagen war in 14 von 15 Punkten Einigkeit erzielt. "Wir seynd noch alle frisch und gesund und leben wie die Fürsten", schrieb Luther den Seinen von Marburg nach Wittenberg. Im Wilhelmsbau des Schlosses ist das Universitätsmuseum für Kulturgeschichte beheimatet; es zeigt reiche (und gut erklärte) Sammlungen vor- und frühgeschichtlichen Geräts, Waffen, Trachten, Möbel, Porzellan und kirchliche Kunst. (Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 13 und 14 bis 17 Uhr.)
Gleich unterhalb des Schlosses, an der alten Wehrmauer, liegt das Café-Restaurant Bückingsgarten. Dort sitzt man gewissermaßen auf der landgräflichen Galerie – mit Postkarten-Ausblick über die Stadt hinüber zu den Lahnbergen. "Studier’ mal Marburg" betitelt das Verkehrsamt seine Prospekte. Kein schlechter Reisetip für Entdeckernaturen. Günther Dressler


Information, Stadtführungen: Verkehrsamt, Neue Kasseler Straße 1, 35039 Marburg, Tel 0 64 21/20 12 62 und 20 12 49, Fax 68 15 26.


Hotels mit Restaurant (Auswahl): Elegant: Europäischer Hof, Elisabethstraße 12, 35037 Marburg, Tel 0 64 21/6 96-0, Fax 6 64 04. Fachwerk-Romantik: Zur Sonne, Markt 14, 35037 Marburg, Tel 0 64 21/1 71 90, Fax 16 13 48. Ländlich: Dammühle, 35041 Marburg-Wehrshausen, Tel 0 64 21/93 56-0, Fax 3 61 18.


Restaurants (Auswahl): Gutbürgerlich: Alter Ritter, Steinweg 44, Tel 0 64 21/6 28 38. Küche des Landes und Balkan-Spezialitäten: Zur Krone, Markt 11, Tel 0 64 21/2 53 90. Internationale Küche: Aubergine, Ockershäuser Straße 17, Tel 0 64 21/3 58 72.


Café-Restaurant mit Panorama-Blick: Bücklingsgarten, Landgraf-Philipp-Straße 6, Tel 0 64 21/1 36 10. Altstadt-Cafés, die auch kleine Gerichte servieren (Auswahl): Café Vetter, Reitgasse 4; Café am Markt, Markt 9; Café Klingelhöfer, Wettergasse 38.


Kultur: Marburger Schauspiel, Theater neben dem Turm, Studiobühne, Kabarett und Kleinkunst, 7 Museen und Sammlungen, Botanischer Garten auf den Lahnbergen.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote