ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2001Leichenschau: Wir sind keine Hellseher
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LNSLNS Der Artikel lässt ein grundlegendes Problem deutlich zutage treten: Wir sind keine Hellseher und auch keine Götter, so wünschenswert dies wäre!
Bei geschätzt mindestens 95 % aller Todesfälle ist die genaue Todesursache bei bestem Willen und sorgfältigster Untersuchung durch den Arzt auch bei Kenntnis der Vorerkrankungen ohne Autopsie nur mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad zu attestieren. Hat der kachektische, final krebskranke 80-Jährige in seinen letzten Lebensstunden einen Herz- oder Hirninfarkt oder eine Lungenembolie erlitten? War es ein gnädiges Ende des Leidens durch eine metabolische Entgleisung oder ein Nierenversagen? Aus ethischen Gründen zuerst und finanziellen Gründen zuletzt verbietet es sich, den deutlich Todgeweihten durch Blutentnahmen oder sonstige Untersuchungen zu traktieren.
Die Formulierungen im neuen Leichenschauschein geben dem Arzt zwei Alternativen zur Auswahl, eine so schlecht wie die andere:
- er attestiert eine Todesart, die er nicht diagnostizieren kann, weil er kein Hellseher ist,
- er veranlasst in den 95 % der Fälle eine Autopsie mit allen Konsequenzen, Polizei, Kosten etc. und wird wieder einmal als Kostenverursacher angeprangert.
Die Vorstellung, nachts um 3.00 Uhr den trauernden Angehörigen eine Autopsie schmackhaft zu machen, lässt mich auch ohne Gedanken an das nicht einmal kostendeckende Honorar schaudern. Was müssen wir tun?
- Unsere Standesvertreter auffordern, sich unverzüglich dafür einzusetzen, dass der Leichenschauschein Formulierungen enthält, die man durch die Unterschrift als Arzt unter ein offizielles und wichtiges Dokument auch attestieren kann;
¬ durch eine Fax-Aktion bundesweit gegen diesen Unsinn protestieren;
­ die profitierenden Unfallversicherer auffordern, in ihren Versicherungsunterlagen klar und deutlich auf die wahrscheinlich notwendige Autopsie (mit Kostenklärung) im Todesfall durch Unfall hinzuweisen;
® von weiteren Institutionen, wie dem Statistischen Bundesamt etc., die von den Erhebungen profitieren, fordern, dass sie die Information der Bevölkerung über die Notwendigkeit der Autopsie und die Kostenklärung mit entsprechenden finanziellen Mitteln betreiben.
Ich lehne es ab, bei genanntem Toten das Rektum zu inspizieren, um das kausale Bedürfnis eines Dritten zu befriedigen. Die Attestierung einer Todesursache am Totenbett mag historisch begründet sein. In Zeiten zunehmender juristischer Konsequenzen, mediengesteuerter Anprangerung sowie fehlender Vergütung ist sie fehl am Platz.
Dr. med. Jutta Seeleitner, Thundorferstraße 10, 93047 Regensburg
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